Wissenschaften Nur nicht über Sinn reden!Seite 3/3

Allerdings kommen die für die Disziplinen wichtigsten systematischen Anstöße oft von Personen, die selbst nicht vom Fach sind oder mehrere Fächer durchlaufen haben. Eric Kandel etwa, Nobelpreisträger für Medizin und der bedeutendste Neurowissenschaftler der Gegenwart, hatte zunächst Geschichte und Literaturwissenschaft studiert und war dann zur Psychoanalyse übergewechselt, bevor er zur Biologie kam. Jean Piaget, der berühmteste aller Entwicklungspsychologen, kam ursprünglich aus der Biologie. Solche Biografien geben einen Hinweis darauf, was Interdisziplinarität besonders produktiv macht – nämlich die Zusammenführung verschiedener Kompetenzen, um ein und denselben Gegenstand umfassender zu erschließen.

Das funktioniert jedoch nur dann, wenn man die jeweiligen Spezialisierungen komplementär nutzt und sicher nicht, wenn man im jeweils anderen Fach zu dilettieren lernt. Interdisziplinäre Forschung kann kein Kurs in nachholender Spezialisierung sein, aber praktische Aufklärung darüber, was die jeweils anderen tun und warum. Dass man dabei lernt, dass die auch nur mit Wasser kochen, ist ein narzisstisch erfreulicher Nebeneffekt, gerade für die notorisch von Minderwertigkeitsgefühlen geplagten Geisteswissenschaftler. Die Behauptung etwa, man könne mit Hilfe bildgebender Verfahren »dem Gehirn beim Denken zusehen«, entlarvt sich in der Praxis als smartes Marketing. Hier geht es keineswegs um »Bilder«, sondern um visuelle Konstruktionen auf der Grundlage komplexer Rechenvorgänge. Es wäre ja auch seltsam, wenn man Denken sehen könnte.

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Der Sozialpsychologe Harald Welzer leitet die Gruppe »Erinnerung und Gedächtnis« am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen

 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Die Interdisziplinaritaet wird meist von jenen gepriesen, die ueberhaupt nichts von Wissenschaft verstehen, das ist richtig. Der Grund ist aber vor allem, den vor sich hin vegetierenden, hochbezahlten Geisteswissenschaftlern die Kruemel der naturwissenschaftlichen Forschung anzubieten, damit diese sich mit etwas halbwegs ernstem, vor allem auf etwas ernstem basierendes, beschaeftigen koennen. Allerdings sollte der Autor bedenken, dass die meisten Naturwissenschafler, jene, mit denen er zusammengearbeitet hat, kaum ernst nehmen und "Wissenschaft" basierend auf rot/gelb/gruen leuchtende Kernspintomographenbilder als Voodoo abtun.

    • danu
    • 27.04.2006 um 23:44 Uhr
    2. Sinn

    Der Rauch der Schornsteine vermischt sich mit dem kuehlen Nebel der Stadt.
    Er toetet in mir das Gefuehl und laesst nur mehr die Nostalgie aller
    Gefuehle bestehen, woraus nichts mehr entstehen kann.
    Die Lehre aus dem Vergangenen ist eine unvergaengliche Illusion, der
    Fortschritt ihr Instrument und Widersacher gleichermassen.
    Das Dunkel der Nacht fuehrt das Grau der Stadt in eine schwarze Klarheit,
    die einem Ruhe verspricht.
    Die Gewissheit, dass ihr der naechste Tag folgen wird ist ein Versprechen,
    dass wir uns selbst gegeben haben.
    Daniel J.

  2. 3. \N

    « Der Grund ist aber vor allem, den vor sich hin vegetierenden, hochbezahlten Geisteswissenschaftlern die Kruemel der naturwissenschaftlichen Forschung anzubieten, damit diese sich mit etwas halbwegs ernstem, vor allem auf etwas ernstem basierendes, beschaeftigen koennen. »

    Ach, aber natürlich hat dies alles nichts mit “Ernst” zu tun! Geist! Sinn! Ha!

    Verblüffend aber, dass diese so seriöse Welt gleichsam von den Hirngespinsten der Philosophen und den Theoremen der Wissenschaft entschlüsselt werden kann. Was besser gelingt, bleibt subjektiv.

    Bewahren Sie sich Ihre Solemnität!

    • coldi
    • 11.09.2006 um 19:30 Uhr
    4. \N

    Der letzte Satz in dem Beitrag (aus interdisziplinärer Sicht):

    Die Behauptung etwa, man könne mit Hilfe bildgebender Verfahren »dem Gehirn beim Denken zusehen«, entlarvt sich in der Praxis als smartes Marketing. Hier geht es keineswegs um »Bilder«, sondern um visuelle Konstruktionen auf der Grundlage komplexer Rechenvorgänge. Es wäre ja auch seltsam, wenn man Denken sehen könnte.

    Obiges -also das Zusammenbringen der wissenschaftlichen Bereiche der Bildverarbeitung und der Neurologie- ist praktisch-konkrete interdisziplinäre Forschung! Wenn man zugrunde legt, das dass smartes Marketing ist, dann folgt sofort, das der überwiegende Teil der Wissenschaftler an den Unis smarte Marketingstrategen sind. Von den Professoren, als Wissenschaftsmarketing-Experten, überwiegend tätig und ausgewiesen in der Wissenschaftsverwaltung, kann man das mit hoher Sicherheit sagen.

    Wenn man nun von diese interdisziplinärer Stufe nach unten geht und obiges mithilfe der Erkenntnisse der Sozial-Psychologie spezialisiert, kommt man schnell zu dem was sich dahinter verbirgt, nämlich ausgeprägte Profilierungsneurosen und weniger die Lust ans Selber-Forschen!

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