StudiumStudiert, was ihr wollt!

Warum es nützlich ist, bei der Fächerwahl seinen Neigungen zu folgen von Sascha Spoun und uwe Jean Heuser

©

Jetzt müssen wir da durch: Dieser Satz beschreibt die Haltung, mit der in Deutschland viele Reformprozesse angegangen werden. Unter Rot-Grün lautete so das Motto bei Hartz IV – als ginge es nicht anders. Die Tarifpartner gehen derart die Notwendigkeit an, flexiblere Arbeitszeitregelungen zu entwickeln. Und viele Universitäten stülpen sich so schicksalergeben angelsächsische Studienstrukturen über.

Anzeige

Jetzt müssen wir da durch: Die deutschen Universitäten haben letzthin großflächig ihre Studiengänge in Bachelor- und Masterstufen unterteilt und sich von einem Prüfgremium bestätigen lassen, dass es damit seine Ordnung hat. Sie haben, in der neuen Fachsprache, ihr System modularisiert und das Ganze dann akkreditiert.

Da mussten sie durch. Mitte 2005 zählte die deutsche Hochschullandschaft schon 2925 Bachelor- und Masterstudiengänge, zur Jahreswende dann sogar 3797. Wie in den anderen deutschen Reformfällen atmet man vielerorts auch hier durch, denkt, das meiste sei geschafft.

Doch am anderen Ende des Weges mag sich das gelobte Land nicht recht abzeichnen. Viele Arbeitgeber zögern, die neuen Abschlüsse zu umarmen. Ihr begründeter Verdacht: Geändert haben die Präsidenten und Rektoren, die Dekane und Bildungsplaner zumeist nur die Hülle ihres Studienangebots, aber nicht den Inhalt. Auch nicht die Haltung, nicht die Motivation, nicht die Perspektive ihrer Professoren und Studenten. Auf die kommt es aber an.

Aus dem Arbeitsmarkt ist eine Achterbahn geworden

Reform nach Vorschrift sozusagen. Und vielleicht haben Uni-Verantwortliche auch geglaubt, was die öffentlichen Reformer ihnen versprachen. Doch die eigentliche Aufgabe, nämlich die neue Struktur mit Leben zu füllen, bleibt vielerorts ungelöst – und zu oft sogar unerkannt.

Wo sind denn die zusätzlichen Investitionen des Staates und privater Geldgeber? Ernsthaft nicht zu erblicken. Wo hat sich die vielleicht wichtigste Zahl, die Betreuungsrelation, deutlich gebessert? In den Geisteswissenschaften jedenfalls ist sie von 1999 bis 2003 von 75 auf 93 Studierende je Professor noch gestiegen. An den führenden Universitäten in den USA kommen etwa zehn Studierende auf einen Hochschullehrer.

Nicht dass die Reformanstrengung wirkungslos bliebe: Rektoren können einige Fragen freier entscheiden, einige Universitäten haben sogar insgesamt deutlich an Entscheidungsfreiheit gewonnen. Doch das reicht anscheinend nicht. Die ersten Erfahrungen mit den Bachelors am Arbeitsmarkt zeugen von Skepsis. Man erkennt große Zurückhaltung auf beiden Seiten, die Studierenden wollen sich weiterqualifizieren, die Unternehmen warten ab. Einstweilen bemühen sich Verbände, den Bachelor bekannter zu machen.

Was hat die formelhafte Reform noch erreicht? Sie hat teilweise echte Reformer in die Opposition getrieben. Viele Geisteswissenschaftler waren bisher gegen die neue Struktur, auch die Ingenieure gehören zu den Opponenten, ebenso Leiter von Lehramtsstudiengängen. In der Ecke der Kritiker haben sich viele Kräfte versammelt – die Verteidiger ihrer Nischen ebenso wie Neuerer, die ihren Studenten und ihren Forschern eine viel bessere Leistung bieten wollen als bisher. Doch alle werden sie als Antireformer gebrandmarkt, als wenn sich die Zukunft allein daran entschiede, ob man die alte Magister- und Diplom-Hülle abnehme und die Bachelor-Master-Hülle überziehe.

Leserkommentare
  1. Als ich vor knapp 10 Jahen zum ersten Mal eine Berufsberatung des BIZ in Anspruch genommen habe, wurde mir genau dasselbe gesagt: Ich solle studieren, wozu ich am meisten Lust habe, denn dann sei ich am besten motiviert und dann klappe es auch mit einer Stelle später. Ich kann das nur bestätigen.
    Ich habe erst mal einen kaufmännischen Beruf gelernt, obwohl ich BWL todlangweilig finde, war drei jahre lang unglücklich in einem Büro, wo ich fast nie positives Feedback bekommen habe, egal wie ich mich angestrengt habe und jetzt studiere ich Geschichte, kassiere eine gute Note nach der anderen und bin mit mir und der Welt zufrieden.

  2. Nicht nur ist die Erkenntnis in diesem Artikel ist nicht neu, wie vom vorherigen Kommentator angemerkt, sondern der Artikel selber ist in großen Teilen ein Selbstplagiat. Verräterisch war dabei der auffallende Satz "Wer vor 100 Jahren etwas werden wollte, wurde Oberst.", der mir irgendwie bekannt vorkam. Mit google alles kein Problem: der erste Fund des Satzes war http://zeus.zeit.de/text/...
    - ein Artikel von 2002...

    Wäre es von einer seriösen Publikation zuviel verlangt, Selbstplagiate zumindest zu kennzeichnen ?

    • tzeuch
    • 03. Mai 2006 10:12 Uhr

    Der vorhergehende Kommentator hat recht. Vieles aus dem aktuellen Artikel kam in dem 2002er schon vor. Es gilt aber im Zeichen der Bologna-Reform umso mehr. Die ersten Absätze fassen prägnant zusammen, wie die Bologna Reform an den Universitäten umgesetzt wird und wie sie sich konkret auf die Betroffenen auswirkt. Allein deshalb hat mich dieser Artikel an prominenter Stelle in der Zeit sehr erfreut. Ein starker Kampftrupp von Bildungspolitikern, globalisierungseuphorischen Journalisten und Professoren hat bisher den öffentlichen Diskurs über Bologna beherrscht. Das formelhafte, fragwürdige und kontraproduktive der Reform wurde dabei weitgehend ausgeklammert. Der entscheidende Faktor für ihr Gelingen, die Haltungen der Akteure vor Ort, der Hochschullehrer und Studierenden wurde nicht einkalkuliert. Und ganz richtig, es wurden Erwartungen an die Reform erweckt, die ohne viel mehr Geld, großes Engagement der Dozenten und, beides bedingend, gestaltungsfreundliche sowie unbürokratische Vorgaben nicht einzuhalten sind. Allerdings wurde über diese Schlüsselspieler an der Basis bisher arrogant hinwegreformiert. Dies auf Entscheiderseite nicht bedacht zu haben, rächt sich jetzt und wird uns noch viel Freude mit dem Bologna-Prozess in den nächsten Jahren bereiten.

    • BGrabe
    • 22. Mai 2006 13:23 Uhr

    Einige Kommentaroren fragen, was an der "Erkenntnis" neu sei.
    Klar ist hier nichts neu.
    Was neu ist, ist die schonungslose Offenlegung der Ignoranz der Reformer, die alles, nur nicht diese Erkenntnis berücksichtigen.

    Kein Wunder, das damit kein fortkommen ist!

    B Grabe

Service