50 Klassiker der modernen Musik Schwarz und Weiß

"Miles Ahead" wird zur ersten gefühlten Sinfonie des modernen Jazz. Aus der ZEIT-Reihe "50 Klassiker der modernen Musik"

Was adelte den schwarzen Prinzen zum musikalischen Picasso des Jahrhunderts? Sein Trompetenklang, der beide Pole der Sehnsucht gleichzeitig hörbar machte, die Kraft des Anfangs und die Melancholie des Endes? Oder sein Wandel der Stile? Birth Of The Cool, Miles Ahead, New Directions In Music – selbstbewusst gab er den Veränderungen im Jazz schon Name und Klang, während es sich andere noch im letzten Stil gemütlich machten. Er schlug seine Knappen zu Rittern und entließ sie als Bandleader, ob John Coltrane, Bill Evans, Wayne Shorter, Herbie Hancock, Chick Corea, Keith Jarrett oder Joe Zawinul, er brauchte sie als Inspiration, nicht als Kulisse. Nur mit einem schien er gleichberechtigt entspannt, mit einem schlanken weißen Kanadier, dem 1912 in Toronto geborenen Ian Gilmore Green, der sich Gil Evans nannte.

Miles Davis war 1956 dreißig Jahre alt, arrogant und schön, hatte seine Heroinabhängigkeit besiegt und die Tradition des Jazz mit ihren eigenen Waffen geschlagen, indem er die Zukunft des Jazz – den Tenorsaxofonisten John Coltrane – in seine Gruppe einbaute. So konnte er selbst bleiben wie er war. In dieser Zeit wächst die genuin europäische Idee, die Trompetenstimme mit einer Big Band zu verknüpfen, die klanglichen Webmuster des Birth Of The Cool-Orchesters von 1949 wieder aufzunehmen. Und Miles Davis wählt wieder Gil Evans als Arrangeur und Dirigent. Miles Ahead wird zur ersten gefühlten Sinfonie des modernen Jazz, gebunden durch einen pulsierenden Klang aus »19 + Miles Davis«. Es sind 19 Musiker, die den gleitenden Melodien des Flügelhorns ihre kontrapunktischen und spitzen Kommentare entgegensetzen, in einem Dialog, wie er zuvor nur in den großen Tagen Duke Ellingtons zu hören war. Die Platte klingt, als sei sie von einem Autor, aus einem Atem und besteht doch aus zehn verschiedenen Kompositionen, vom hellwachen Springsville John Carisis über das elegische The Maids Of Cadiz von Leo Delibes, das sprechende The Duke von Dave Brubeck, das sehnsüchtige My Ship von Gershwin/Weill bis zum traumtänzerischen Blues For Pablo. Es ist Musik, die an keine Zeit gebunden ist, vom kleinen Ensemble zum großen Klangkörper wechselnd, übergangslos fließend. Was erst später zu lesen war: Miles Ahead war ein Puzzle aus zusammengesetzten Segmenten, ein Patchwork aus Tonbandschnipseln – Hohn auf die Authentizität des reinen Jazz. Miles Ahead ist so klassisch unrein wie die weiß-schwarze Verbindung Evans-Davis, wie die Neigung von Miles Davis, weiße Musiker in seine Bands aufzunehmen. Die folgenden Kooperationen zwischen dem hyperlangsamen Choreografen Evans und dem wendigen Solotänzer Davis – Porgy And Bess, Quiet Nights und vor allem Sketches Of Spain mit dem zeitlosen Concierto De Aranjuez – werden zu Duplikaten jenes Meilensteins der Klangsucher. Gil Evans starb 1988, Miles Davis 1991.

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