Vor beinahe zwanzig Jahren wurde in China erstmals ein Workshop über westliche Therapiemethoden veranstaltet. Als ich gefragt wurde, ob ich als Psychoanalytikerin daran teilnehmen wolle, hielt ich das zunächst für eine ziemlich verrückte Idee. Wie sollte eine seelenärztliche Methode, die hundert Jahre zuvor aus dem europäischen Menschenbild entstanden war, in einer Welt wirken können, die eine ganz andere kulturelle Entwicklung hinter sich hatte, die durch den Konfuzianismus geprägt ist und seit Jahrtausenden Einordnung, Unterordnung und Harmonie verlangt und deren Gesellschaft über hundert Jahre in blutigen Auseinandersetzungen gesteckt hatte? China begann sich in den achtziger Jahren gerade von der Katastrophe der Kulturrevolution und ihren Umstürzen zu erholen. Wie konnte für dieses Land eine bürgerliche Errungenschaft Europas geeignet sein, die seit der Antike in einer Tradition wurzelt, die Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung betont und der individuellen Autonomie einen hohen Rang einräumt? BILD

Ob man Psychoanalyse als Humanwissenschaft und Therapie überhaupt in nichtwestlichen Kulturen anwenden könne, ist viel diskutiert worden. Der Ethno-Psychoanalytiker George Devereux etwa hat vom ethnischen Unbewussten gesprochen: Jede Kultur gestatte gewissen Phantasien, Trieben und anderen Manifestationen des Psychischen den Zutritt und das Verweilen auf bewusstem Niveau und verlange, dass andere verdrängt würden. Von dem Psychoanalytiker Ernst Kris ist bekannt, dass er es abgelehnt hat, asiatische Patienten zu therapieren: »Ich kenne das Ich dieser Leute nicht.«

Würden wir im postkulturrevolutionären China als Therapeuten überhaupt sinnvoll arbeiten können? Es gab Anknüpfungspunkte. China hatte sich schon nach dem Ende der Quing-Dynastie 1911 dem westlichen Denken geöffnet. Der Philosoph Zhang Shizhao, der mit Freud korrespondierte, hatte damals einige von dessen Abhandlungen ins Chinesische übersetzt und auch den Begriff der Psychoanalyse selbst, den er als »Lehre über die Zerlegung des Herzens« bezeichnete. Das Werk Freuds, meinte er, müsse im Regal einer jeden Familie stehen.

Mit der Gründung der Volksrepublik 1949 aber ebbte das Interesse an Freuds Lehre ab. Westliches Denken galt als schmutzig, und während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 wurde die Mao-Bibel zur Grundlage des gleich geschalteten chinesischen Seelenlebens: Das korrekte politische Bewusstsein galt fortan als identisch mit seelischer Gesundheit. Erst Anfang der achtziger Jahre wurde Freud neu entdeckt, vor allem durch die Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Psychiatrie lag damals in China noch brach.

Als wir selbst 1988 auf Initiative der Psychologinnen Margarete Haas-Wiesegart und Annkathrin Scheerer erstmals nach China aufbrachen, begegneten wir in Kumning, 3000 Kilometer von Peking entfernt, einem lebhaften Interesse: 160 chinesische Psychiater und Psychologen, viele von ihnen Leiter von Kliniken, hatten sich in zum Teil tagelangen Zugreisen in der Holzklasse auf den Weg gemacht, um uns zu treffen. Sie waren wie ausgehungert, begierig nach Neuem. Das war der bewegende Beginn eines Ausbildungsprojekts, in dem wir chinesische Kollegen als Therapeuten schulten und bis heute schulen.

Auf was für Menschen trafen wir? Wie waren sie geprägt? Die Älteren hatten als Intellektuelle während der Kulturrevolution Schweres durchlitten: Inhaftierung, Landverschickung, Denunziation, Entwürdigung. Die meisten Jüngeren hatten ihre Kindheit in großer innerer Einsamkeit verbracht, manche waren auch ehemalige Rotgardisten. Einst waren sie begeistert dem Übervater Mao gefolgt, heute waren sie verbittert, fühlten sich in ihrem Ideal einer besseren Welt betrogen. Alle sind in einer Welt aufgewachsen, in der die Familie und die Arbeitseinheit über das Schicksal des Einzelnen bestimmen. Wünsche gilt es in dieser Sozialisation ebenso zu unterdrücken wie Spontaneität und Konflikte. Auch heute noch, insbesondere auf dem Land und in kleineren Städten, werden Ehen durch die Arbeitseinheiten und die Familien vermittelt; zusammengehalten werden sie vor allem durch Pflichten gegenüber Kindern und Großeltern, kaum durch Liebe. In den während der Kulturrevolution geschlossenen Ehen bestehen häufig große Bildungsunterschiede; studierte Frauen, die mit Bauern oder Arbeitern verheiratet wurden, sind oft unglücklich. Dass Kinder gegen die Väter rebellieren, wie es der europäische Ödipuskomplex beschreibt, ist in China kaum zu beobachten. Das Ringen um Selbstbestimmung kommt in traditionell konfuzianischen Mehrgenerationenfamilien nicht vor.

Dafür bestimmt ein ausgeprägtes Schamgefühl die seelische Entwicklung. Ein Kind, das sich nicht anpasst, bringt Schande über die Familie. Intimität gibt es kaum, alles ist öffentlich. Chinesische Mütter warnen ihre Kinder vor dem Ausgelachtwerden oder böser Nachrede, die gleichsam als soziale Schuld die ganze Familie betrifft. Die Angst, das Gesicht zu verlieren, ist nicht selten Ursache für neurotische Störungen. Das Krankheitsbild der sozialen Phobie, der Furcht vor Aufmerksamkeit, Beobachtung und Kritik, spielt in China eine deutlich größere Rolle als in der westlichen Welt.