Psychologie Der große Zuhörer

1936 suchte Margarethe Walter Sigmund Freud auf, schüttete ihr Herz aus und zehrt noch heute davon

»Er hat mein Leben gerettet!« Margarethe Walter steht vor der weltberühmten Hausnummer Berggasse 19 in Wien. Vor 70 Jahren war sie zum letzten Mal hier, im Frühjahr 1936, wenige Wochen vor der Matura. Hier erlebte die nun 88 Jahre alte Dame 45 Minuten, die ihr Leben »total verändert« haben – in der Ordination des Dr. med. Sigmund Freud. »Die Gretl vom Jahrgang 1918« ist die letzte lebende Patientin.

Sie wusste »natürlich von nichts«, als sie, die hübsche Schülerin aus der Handelsakademie, mit 18 Jahren erstmals vor dem Haus hielt; auf Anordnung des Vaters war dieser Arztbesuch zu absolvieren, und so hatte sie sich »willig und völlig wurschtig« in den elterlichen Steyr-Sechssitzer setzen lassen, den der Chauffeur hierher kutschierte. Auch der Herr Vater, ganz Patriarch und Fabrikant von Verschlusspfropfen aus Filz für Jagdmunition, wusste nicht, welcher Kapazität er gleich gegenüberstehen würde. Er trug lediglich einen Brief seines Hausarztes bei sich, für jenen Doktor Freud, »der sehr gut, aber noch teurer wäre«.

Die Herrschaften wurden umgehend im Behandlungszimmer platziert. Margarethe war völlig verwirrt: »Das war keine übliche Ordination! Da saßen keine Patienten im Wartezimmer! Es roch nicht nach Kampfer, und nirgends war eine weiß gewandete Schwester zu sehen!« Auch stand da, wie zu Hause im Salon, ein Sofa in zentraler Position, »seltsamerweise mit einem Teppich belegt, unendlich viele Fransen«. Am Kopfende auffällig der Fauteuil. Ungewöhnlich auch die vielen Vasen oben auf den prall gefüllten Bücherkästen »und überall zahllose Figurinen von Ausgrabungen – das hat mir gefallen!«

Der Vater war ungehalten. Schon zehn Minuten, die der Arzt zur Lektüre des Kollegenbriefes brauchte, hatte er zu warten, und Warten war er nicht gewohnt, weder in der Fabrik mit seinen 18 Arbeitern, noch in der Familie »mit den Weibern«.

Warum war sie eigentlich hier?

Der Hausarzt hatte doch nur eine normale Bronchitis diagnostiziert. Und dazu, was sie nicht wissen sollte, »ein Seelenleiden«. Deshalb die Überweisung zu Dr. Freud, ein »Kapazunder« auf diesem Gebiet, wie man in Wien sagt.

Was Margarethe auch nicht wissen konnte: Im Grätzel galt sie als »sonderlich«. Ausschlaggebend für den Freud-Besuch war die Kolportage des Kohlenhändlers von gegenüber, der dem Hausbesorger und der Bedienerin »getratscht hatte, dass dem Herrn Filzfabrikanten sein Madl dodal verruckd« sei.

Verrückt?

Margarethe hatte wieder einmal am Fenster der Beletage »Isolde« gespielt, die auf »Tristan« wartete – da waren ihr die Kohlenträger und Kinder, die hoch zu ihr schauten, als Statistenvolk gerade recht. Huldvoll winkte sie, mit Schal und Netz um Hals und Kopf, angetan mit dem Biedermeiergewand der 80-jährigen Großmutter, die sie Tag und Nacht überwachte. »Ich war das einsamste Mädchen in Wien!«, erinnert sich Margarethe. »Einsam, überversorgt, eingesperrt, und ziemlich sicher nicht geliebt. Niemand hat mich auf den Schoß genommen, keiner hat mich an der Hand gehalten, es wurde nicht geküsst!« Ihr Leben schuldete sie der Mutter, die bei der Geburt starb und die Liebesehe nach der Liebesheirat zunichte machte. Die Stiefmutter kalt und geldgierig, die Oma schwer betagt und hyperängstlich; selbst ihr einziger Spielkamerad, der Haushund, steinalt und immer müde. Natürlich war der Vater unnahbar. Gesprochen wurde selbstverständlich nicht, vor allem nicht mit ihr. Besuch war nicht gestattet, nicht einmal in der Wochenendvilla im Wiener Wald. »Und alles, was mit mir geschah, wurde hinter meinem Rücken und über meinen Kopf hinweg bestimmt!«

Sigmund Freud tritt ein. Erfüllt den Raum. Unauffällig, aber bestimmt. 80 Jahre ist er alt. »Ein kleiner, weißer Bart, ein grauer Anzug, ein bisschen etwas vorgebeugt!«

Margarethe Walter stellt einen Besucherstuhl in Freuds Arbeitszimmer – heute ein Museum – exakt dort auf, wo sie vor 70 Jahren saß. Die ehemalige Einrichtung ist mit Fototapete dokumentiert. Wir stellen den »Vater-Stuhl« hin, ihr gegenüber. Einen Rauchtisch solle man sich vor der berühmten Couch vorstellen. »Doktor Freud nahm exakt zwischen uns Platz.«

Wir sind die einzigen Besucher der kleinen Ausstellung. Es ist still, und plötzlich kippen Margarethes Pupillen wie nach innen. Sie schließt die Augen und lässt somnambul die Figur aufscheinen, die sie noch heute vollkommen in Bann hält: »Es war ein steinalter Mann, der mich vollkommen ausdrücklich angesehen hat. Er hat mich regelrecht in den Blick genommen.« Sie zögert, lächelt: » Er war sehr gebrechlich, aber voller Kraft!« Stille. »Er fragt mich nach meinem Namen, aber mein Vater antwortet. Er fragt mich nach meiner Schule, und mein Vater antwortet. Was ich in der Freizeit so machte – mein Vater antwortet. Auch kommt die Antwort auf die Frage nach meinem Berufswunsch nicht aus meinem Mund. So eben, wie es bei uns zu Hause immer ist!«, sagt die Patientin heute über damals: »Ich saß da wie ein mitgebrachter Gegenstand!« Freud schweigt. Und plötzlich sagt er zu Margarethes Vater, freundlich und ganz selbstverständlich: »Bitte gehen Sie ins Nebenzimmer. Ich möchte mit Ihrer Tocher alleine sprechen!« Dreht seinen Stuhl hin zu ihr, rückt ihn näher her und ist ihr zugewandt, absolut, rückhaltlos. »Jetzt sind wir unter uns«, sagt er, und gleich ist aller Druck gewichen.

Die anfängliche Scheu »wie weggeblasen.« Und sie redet und redet, und ihren »immer währenden Wunsch, mich jemandem mitzuteilen, hat er auf wunderbare Weise erfüllt: Sigmund Freud war der erste Mensch in meinem Leben, der wirklich Anteilnahme gezeigt hat an mir, der von mir etwas erfahren wollte, der Einzige, der mir wirklich zugehört hat!« Margarethe lässt ihren »Hass auf die Stiefmutter, auf die Schule, auf die Sonntagsspraziergänge ungefiltert heraus«, dass sie keine Freundinnen haben darf, nicht die Schuhe ihrer Wahl, nicht die Garderobe ihres Gustos tragen darf. Dass sie so einsam sei, wie man es sich nicht vorstellen könne, und deshalb würde sie mit sich selbst alleine Theater spielen oder Vaters Schachfiguren mit Krepp-Papier bekleiden, um damit Mittelalter zu fantasieren.

»Ununterbrochen sieht er mich an, sieht er mich an, und seine ganze Anteilnahme umhüllt mich.« So gesteht sie ihm dann, sie habe herumprobiert und herausgefunden, dass der Schlüssel zur Standuhr »ident« sei mit dem zum Bücherkasten, sodass sie endlich dessen Geheimnis hätte lüften können: »Nachts neben der schnarchenden Großmutter verschlinge ich dann die pikanten Bücher der zweiten Reihe hinter Grillparzer und Goethe; aber bei der Liebe der weißen Frau erwischen sie mich!« Freud wollte anscheinend alles von ihr wissen, auch die Einzelheiten mit Großmutter Maria, der Oma vom Jahrgang 1856, mit der Margarethe das Zimmer teilen musste und mit deren Kleidern, die sie seit der 48er-Revolution aufbewahrt hatte. Freud hörte zu, »und wenn ich Atem holte, ermunterte er mich mit einem ›Und!‹«. Und vor allem möchte Margarethe einmal in ihrem Leben endlich, wenn sie mit dem Vater ins Kino gehen muss, »eine Liebesszene ganz zu Ende sehen!« Freud verdutzt. Ja, jedes Mal, wenn sich auf der Leinwand etwas anbahne zwischen Mann und Frau, bestimme der Vater, dass »so etwas nichts für sie« sei; abrupt stünde er auf, und sie müsse mit ihm das Kino sofort verlassen. Protest dagegen? Nicht einmal denkbar!

Wieder richtet Freud »mit unglaublicher Aufmerksamkeit« seine sehr guten Augen auf die junge Frau. »Der ganze Mensch interessierte sich für mich, und damit hat er etwas in mir geöffnet, was sonst niemand geöffnet haben wollte!« 70 Jahre danach noch die vibrierende Faszination und das Glück eines Vertrauens. »Mit einem Mal war ich sehr zufrieden«, ein bislang unbekanntes Gefühl. Es war ihr »behaglich zumute«, als habe sie »ein besonders gutes Essen bekommen, und obendrauf noch hätte jemand ein Fenster geöffnet und gesagt: ›Schau nicht immer auf den Fußboden! Schau hinaus! Alles ist möglich!‹«.

Margarethe Walter richtet sich auf, ihr Blick rasch, keck. Als Freud ihren Herrn Vater aus dem Zimmer geschickt habe, hätte sie schon die ganze Berggasse 19 zusammenkrachen hören. »Eine Revolution!« Sie holt Atem. »Einen solchen Vater schickt man nicht hinaus. Niemals! Vater war ein Turm von einem Vater. Und sein ganzes Gesicht war voller Unwillen, Missmut, Wut über diese Zumutung. Aber auch voller Zögern und Erstaunen. Denn, das Wort ›Widerspruch‹ war ihm unbekannt! Was für eine Höllenangst ich vor seinem Despotismus hatte!« Natürlich sollte Margarethe auch die Filzfabrik übernehmen. Margarethe wollte Friseurin werden oder Bildhauerin.

Bevor Freud ihren Vater wieder hereinbittet, bevor er ein Billett für den Hausarzt und die Honorarnote für den Herrn Unternehmer schreibt, nimmt er sie zum letzten Mal fest in den Blick. Sie sei nun 18 Jahre alt und damit erwachsen, sein Resümee. Und weiter, weniger Rezeptur denn Appell: »Zum Erwachsensein gehört die Überwindung der Klage und die Durchsetzung dessen, was eine Persönlichkeit ausmacht. Wünsche pflegen. Widerspruch hegen. Nach dem Warum fragen und nicht alles stumm hinnehmen. Das, was einem wirklich wichtig ist, mit Bestimmtheit und Standfestigkeit und Ruhe durchsetzen. »Und«, verordnete er streng, »wenn die nächste Kussszene im Kino kommt, bleiben Sie sitzen! Ich sage Ihnen ausdrücklich: »Sie bleiben sitzen!« Pause. Tiefe Augen. Endlich: »Denken Sie an mich!«

Ein ganzes Leben lang denkt Margarethe an Freud. Viele seiner Bücher hat sie mittlerweile geschenkt bekommen, keines davon gelesen. Seinen Blick jedoch spüre sie auf sich ruhen, »bis in diese Sekunde jetzt«. Er »weckte, öffnete und ließ werden – er hat den entscheidenden Impuls gesetzt und mich in die Freiheit nach jeder Richtung entlassen. Nicht willenlos und kein Kind, schon gar nicht ein Ding, sondern erwachsen, selbstständig, mündig und ein Ich. Ich habe restlos ausgekostet, was er mir vermittelt hat. Und diese Quelle meiner Seelennahrung ist über 70 Jahre nie versiegt.«

Margarethe Walter erhebt sich. Ihre Kraft erfüllt den ganzen Raum, so unscheinbar zunächst die alte Dame mit schlohweißem Schopf und ihren 1,53 Meter auch wirkt. »Freud ist der Schlüssel zu meinem Leben!« Diesen Satz spricht sie nahezu beiläufig in sein ehemaliges Behandlungszimmer und legt ihre Hand auf die Lehne seines Stellvertreterstuhls. »Er hat sicher gewusst, dass 45 Minuten für mein Leben genügen.« Dreht sich um und geht zur Garderobe.

Natürlich ist sie Bildhauerin geworden! Am Tag der Einberufung ihres Mannes, ein Typ vom Vater-Kaliber, den sie rasch heiratete, um das stiefmütterliche Vaterhaus zu fliehen, bewarb sie sich an der Wiener Kunstakademie und wurde sofort aufgenommen. Zwei Jahre danach traf sie im Atelier ihres Meisters fast der Schlag. Die Büste, die der Professor gerade modelliert, zeigt – Sigmund Freud. Mit diesem Schock wird ihr blitzartig klar, wer ihr »das Leben gerettet hatte«.

Noch heute arbeitet Margarethe Walter in ihrem Metier. Gerade erst hat sie im Auftrag der Wiener Friedensbewegung eine Gedenkplatte mit dem Relief der Schriftstellerin Bertha von Suttner vollendet. Und doch »spielte die Kunst in meinem Eheleben leider nur die zweite Geige«, seufzt sie, denn »schließlich musste ich noch zwei Töchter großziehen, die wesentlich von 1968 beeinflusst waren – das war eine schwer zu verkostende Deschperation!«

Dass sie zeitlebens in Wien gelebt und nicht einmal mehr die famose Freud-Adresse aufgesucht hat? Erstaunt hebt sie die Brauen: »Warum sollte ich? Ich hatte nie das Bedürfnis, mir die Büstln, Bildln und aufgepflasterten Fototapeten von Freuds Sesserln anzuschaun, wo ich ihn doch lebendig gesehn hab’, und wo er mir doch zweimal die Hand gegeben hat!«

Kurz nach der lebensrettenden Visite ging Margarethe Walter übrigens mit dem Vater ins Wiener Admiral Kino . Als Lilian Harvey im tief dekolletierten Rokoko-Kostüm von Conrad Veith auf die nackte Schulter geküsst werden sollte, entschied das Familienoberhaupt barsch wie üblich: »Das ist nichts für dich!« Hieß der Film nicht Die Liebe der Prinzessin? Zweimal der übliche Befehl: »Wir stehen auf und gehen!« Margarethe klammerte sich mit allen zehn Fingern an die Armlehne und drückte ihren Po in den Sitz. »Nein!«, sagte sie, »ich bleibe sitzen!« Und sie blieb sitzen. Der Vater wartete im Vorraum und »hat nie wieder einen einzigen Ton gesagt«! Wie, wo und ob die Kussszene jemals endete, hat Margarethe Walter im Schweiß des Widerstands nie gesehen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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