Liebe Elena Lappin! Sie sind, wie mir gesagt wurde, eine Art Engländerin. Ich bin eine Art Deutscher. Wir sollen in den nächsten Wochen über die Fußball-WM miteinander korrespondieren. In solch einem Dialog müssen wir früher oder später über Adolf Hitler reden. Ich schlage vor, wir erledigen diese lästige Pflicht sofort, dann haben wir es hinter uns.

Englische Zeitungen zeigen uns Deutsche in ihrem Sportteil immer als Panzerfahrer oder Nazis, dauernd werden Anspielungen gemacht, für die das Wort "subtil" mir nicht passend erscheint. Ich kann überhaupt nicht Panzer fahren, nicht einmal Motorrad. Zumindest ist es mir nicht bewusst. Ich bin Globetrotter. You name a country – I was there. Einmal habe ich in einem Land eine süße Engländerin kennen gelernt, und sie wollte nichts mit mir anfangen, weil ich Deutscher bin. Nur deshalb! Kommt es euch Engländerinnen bei einem Mann denn gar nicht auf den super Charakter, das Bankkonto oder das attraktive Äußere an? Bei der nächsten Engländerin im nächsten Land habe ich dann gesagt, ich sei Schweizer. Sie nahm mich, wie ich bin. Aufgrund meiner sehr positiven Erfahrungen mit der zweiten Engländerin bin ich damals, in meinen Zwanzigern, auf meinen zahlreichen Reisen in erotischen Situationen grundsätzlich als Schweizer aufgetreten. Ich wusste allerdings fast nichts über die Schweiz. Die englischen Frauen wussten über die Schweiz aber noch weniger, sodass ich – falls Sie auch mir ausnahmsweise eine unsubtile Formulierung gestatten – leichtes Spiel hatte. Wenn die Engländerinnen fragten: "Tell me about Switzerland, Sweetie!", sagte ich einfach: "Switzerland is boring shit, excepting the Matterhorn, the Fränklis and myself, Honey."

Ich glaube, ich habe über die Schweiz Klischees verbreitet, genau wie ihr Engländer es mit uns Deutschen tut, nur, ich habe eben aus meinen historischen Fehlern gelernt, im Gegensatz zu euch. Don’t take it too personal, Elena. Jedenfalls überläuft mich noch heute, wenn ich das Wort "Schweiz" höre, ein wohliger Schauder aus historisch-sexuellen Erinnerungen, über die wir im Medium ZEIT vermutlich nicht allzu detailliert werden sprechen dürfen. Ich hoffe, dass die Schweiz nicht gleich ausscheidet, aber das wird sie wohl tun. Swiss boys can’t jump.

Elena, my dear, glauben Sie mir, die unbegabtesten Fußballspieler der Erde sind die Österreicher. From Austria. Eher tanzt die Grönländerin Hula-Hula, als dass in einem österreichischen Spiel ein Pass ankommt. Sie laufen nicht, sie flanken nicht, sie stehen nur parfümiert auf dem Platz herum, schauen in ihre Handspiegel und kämmen ihr seidiges Haar, wie Kaiserin Sissi. 1938 bei der Fußballweltmeisterschaft mussten wir auf Anordnung von Adolf Hitler mit dem nichtsnutzigen Österreich eine gemeinsame Mannschaft bilden und sind bereits im ersten Spiel hinausgeflogen, 2:4 gegen die Schweiz. So schlecht wie unter Adolf Hitler hat Deutschland in seiner Geschichte niemals Fußball gespielt. Wenn ein deutscher Rechtsradikaler sagt: "Der Führer hat Autobahnen gebaut, die Arbeitslosigkeit beseitigt!", muss ich nur, scheinbar zerstreut, meine Fingernägel betrachten und ganz nebenbei antworten: "Wie ist noch gleich 1938 das Spiel des Führers gegen die Schweiz ausgegangen?", schon weiß der Rechtsradikale nicht mehr weiter.

Ich mag übrigens den englischen Fußball, vor allem Paul Gascoigne und Wayne Rooney. Englische Spieler haben immer diese süßen Gewichts- und Alkoholprobleme, trotzdem kommen die Pässe an. Ich mag das, Elena, wenn ein Mann seine Physis besiegt.

Deutschland – England:
ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein aus Berlin und die Schriftstellerin Elena Lappin aus London liefern sich jede Woche bis zum Ende der Fußball-WM ein Match in Briefen