Energie Putins willige Handlanger
Der russische Gasriese Gasprom wird aus dem Kreml gesteuert. Seine Geschäfte bleiben undurchsichtig
Die Aussage jenes Mannes, der sonst lieber schweigt, klang ungewollt nach Ironie. »Keine politischen Absichten« verfolge Gasprom, betonte Firmenchef Alexej Miller vor den 25 Botschaftern der Europäischen Union – dabei gilt in Russland als sicher, dass nur der Staatspräsident die Strategie des Konzerns bestimmt.
Ende März hatte Wladimir Putin mit China überraschend die Lieferung von jährlich 80Milliarden Kubikmetern Erdgas von 2011 an vereinbart. Nun trieb Europas Botschafter die Sorge um, Gasprom könnte wegen der Ausweitung seines Geschäfts die bisherigen Verträge nicht mehr einhalten. Also beruhigte Vorstandschef Miller: Das Gas für Europa sei sicher. Und dann drohte er: Wenn Europa seinen Gasmarkt nicht für Gasprom-Firmenbeteiligungen öffne, gebe es auch alternative Abnehmer für russisches Gas.
Millers Drohung klingt dramatisch – und sie weist auf eine kritische Entwicklung im russisch-europäischen Verhältnis hin: Dank politischer Rückendeckung tritt Gasprom neuerdings selbstsicher und aggressiv auf.
In der Großmacht-Rüstkammer des Kreml stellt der Gasmonopolist das neue Prunkstück dar. Anders als das sowjetische Ölmonopol wurde Gasprom Anfang der neunziger Jahres nicht zerschlagen, da allein die blaue Flamme Russlands Überleben sicherte. Gas heizt das kalte Land und erzeugt 50 Prozent des Stroms. Der Konzern blieb als Aktiengesellschaft erhalten und wandelte sich seit Putins Amtsantritt vor sechs Jahren zu einen Energie-Leviathan, der 16 Prozent der Weltreserven an Gas besitzt und Ölfirmen hinzukauft. Heute kontrolliert Gasprom Elektrizitätswerke und sogar jenes Atomunternehmen, das im iranischen Buschehr einen umstrittenen Reaktor baut. 330.000 Angestellte, 153.000 Pipeline-Kilometer und vermutlich mehr als tausend Tochterfirmen gehören zum Gasprom-Imperium.
Kurz nach seinem Amtsantritt 2001 hatte Miller neue Investitionen in der Türkei, China und Ostasien angekündigt. 2010 soll Russland dank der Technik der Gasverflüssigung und per Tankertransport zum drittgrößten Energieexporteur in die USA werden. 240 Milliarden Dollar ist das Unternehmen an der Börse wert, Shell ist bereits überholt, BP fast erreicht. Die für Ende April vorgesehene Bekanntgabe der internationalen Partner für die Erschließung des Schtokman-Gasfeldes in der Barentssee werde für eine Extraportion »Gänseleberpastete« sorgen, wie es ein Börsianer ausdrückte. Miller prophezeit, dass Gasprom »innerhalb von fünf Jahren zum größten Energiekonzern der Welt« aufsteige.
Bisher lieferte Gasprom seine brennbare Ware vor allem an der Grenze bei Zwischenhändlern ab. Dadurch erzielte es als Ertrag oftmals nur ein Drittel dessen, was Endverbraucher bezahlen. Dem möchte Gasprom durch weitere Anteile am Verteilernetz näher kommen. In Deutschland konnte der Konzern durch ein Joint Venture mit BASF seinen bisher größten Erfolg feiern: Das Unternehmen bekam 35Prozent an dem von BASF kontrollierten Gasvermarkter Wingas. Dafür darf BASF das sibirische Gasfeld Juschno Russkoje mit ausbeuten; bald soll auch E.on dort mitmachen. In Großbritannien stößt Gasprom dagegen auf antirussische Reflexe, die Regierung will die Übernahme des Gasversorgers Centrica verhindern. In London fürchtet man eine verhängnisvolle Abhängigkeit vom Kreml-gesteuerten Konzern.
Höchstens aus Höflichkeit trinkt Konzernchef Miller mal einen Wein…
Präsident Putin hat den Staatsanteil am Gasriesen mittlerweile auf 51 Prozent erhöht. Gasprom bildet das Kernstück mehrerer staatskontrollierter Korporationen in Russland, um die herum freies Wirtschaften geduldet ist. Den Aufsichtsrat führt Dmitrij Medwedjew, Putins früherer Verwaltungschef und potenzieller Nachfolgekandidat. Der liberale Wirtschaftsminister German Gref stemmte sich vergeblich gegen die Staatspräsenz in der Wirtschaft. Sein Plan einer Entmonopolisierung des Gasmarktes kam gegen die Putinsche Oligarchenrunde, die mit Hilfe der Energieressourcen eine neue Großmacht errichten will, nicht an. Experten schätzen den Kreml-Besitz am gesamten Energiesektor mittlerweile auf mehr als 50 Prozent. An Moskaus Gerüchtebörse wird Putin sogar als nächster Gasprom-Vorstandsvorsitzender nach dem Ende seiner Präsidentschaft gehandelt – als Nachfolger Millers.
Der einst schmächtige und blasse Alexej Miller, der jetzt wohlgenährt Gasproms Neubelebung symbolisiert, wurde 2001 als 39-Jähriger von Putin auf den Chefsessel gesetzt. Der studierte Ökonom hatte seit 1991 in der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg gearbeitet, wo er die ersten Industrieansiedlungen westlicher Konzerne vorbereitete. Putin war dort zeitweise sein Vorgesetzter. In der Stadtverwaltung hieß es damals, Miller sei gar mit einer Verwandten Putins verheiratet. Am unauffälligen Miller schätzte Putin zudem seine Ergebenheit, die Disziplin, das ungebrochene Arbeitsvermögen und ein ausdrucksloses Gesicht. »Die Mentalität der heutigen Mannschaft von Miller ist mehr durch das Vollziehertum als die Eigeninitiative charakterisiert«, erzählt ein früherer Petersburger Kollege des heutigen Gasprom-Chefs. »Miller kann man als Element des Verwaltungssystems bezeichnen.«
Der Gasprom-Chef spricht, wenn er die Öffentlichkeit nicht meiden kann, fast unverständlich leise, weshalb ihn Wirtschaftsminister Gref schon als »sowjetischen Spion« bespöttelte. »Miller sagt niemals etwas Unnötiges«, erzählt sein früherer Kollege. »Ich kann mich nicht an ein einziges leichtes Gespräch mit Lachen oder Scherzen erinnern.« Höchstens aus Höflichkeit trinkt Miller mal einen Wein. Ein Foto, auf dem er mit einem Labradorhund schmust, ist der einzige Nachweis privaten Lebens.
Millers Aufgabe bei Gasprom war es, den ausgeplünderten Konzern aufzuräumen. Seinem Vorgänger Rem Wjachirjew wurde das Arbeitsmotto nachgesagt. »Erst stehle ich für Gasprom, dann für mich.« Bis zu drei Milliarden Dollar pro Jahr sollen zum Schluss seiner Amtszeit veruntreut worden sein. »Miller war sehr erfolgreich und brachte etwa 60 Prozent der verlorenen Gasfelder und Firmenanteile zurück«, erzählt der Investmentexperte Wadim Kleiner von Hermitage Capital Management. »Nun muss er die Herausforderung bestehen, Gasprom auf den Stand eines Energiekonzerns von Weltmaßstab zu führen.«
Außerdem darf Miller diverse Aufträge der Kreml-Weltpolitiker vollstrecken. Im nordkaukasischen Krasnaja Poljana, wo Putin gern Ski fahren geht, wird mal eben ein Skiressort mit Hotel, Konferenzzentrum und sechs Liften aus dem Boden gestampft – bewerbungstauglich für die Olympischen Winterspiele 2014.
Zugleich setzt Miller eine neue Strategie gegenüber den früheren Sowjetrepubliken um. Nachdem der Plan scheiterte, politische Willfährigkeit durch billiges Gas zu erkaufen, werden nun Marktpreise eingetrieben. Die Ukraine spürte das zum Jahreswechsel, als Gasprom den Gasstrom drosselte, und Weißrussland wurde es kürzlich angekündigt. Der politische Beigeschmack: Während die Gaspreiserhöhung in der Ukraine vor der Parlamentswahl die russlandfreundliche Opposition stärken sollte, wurde vom verbündeten weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko erst nach seiner Wiederwahl mehr Geld und eine Beteiligung am Gasnetz als Dividende der vorherigen politischen Unterstützung eingefordert.
…ein Foto mit einem Hund ist der einzige Nachweis privaten Lebens
Hinter dem eindrucksvollen Comeback des russischen Gasriesen steht staatliche Misswirtschaft. Auch unter Miller ist Gasprom, dessen verzweigte Geldströme schon mal als Haushaltsersatzkasse in die Rentenversicherung, den Wahlkampfbeutel Kreml-naher Kandidaten oder trübe Mittlerfirmen flossen, ein undurchsichtiger Koloss geblieben. »Der Konzern ist kompliziert strukturiert, weshalb für die Anteilseigner nicht erkennbar ist, welche Operationen und Firmenteile profitabel oder verlustreich sind«, sagt Investmentmanager Kleiner.
In den vergangenen Jahren ist Gasprom zum monströsen Gemischtwarenladen geworden, inklusive Hühnerfarm, Porzellanmanufaktur, Nähfabrik und einem Sanatorium am Schwarzen Meer. Miller kaufte die Petersburger Fußballmannschaft Zenit und die Tageszeitung Iswestija. Das Tochterunternehmen Gasprom-Media hatte schon vor fünf Jahren handstreichartig den kritischen Fernsehsender NTW übernommen und unter Zuschauerverlusten Putin-konform gleichgeschaltet. Das vielgelesene Boulevardblatt Komsomolskaja Prawda und die unabhängige Tageszeitung Kommersant stehen vor der nächsten Präsidentschaftswahl ebenfalls auf der Einkaufsliste. Auch hochkarätige Führungskräfte sind bei Gasprom gut aufgehoben: Bei der Gasprombank stieg der 24-jährige Sohn des Verteidigungsministers gleich als Vizedirektor ein. Die Personalkosten des Konzerns klettern schneller als die Nettoeinkünfte.
Gasproms Schulden belaufen sich auf geschätzte 30 Milliarden Dollar. Das bremst die Kreditfähigkeit des Konzerns, der bereits mit der Reparatur der bröckelnden Infrastruktur zu kämpfen hat. Laut einer russischen Studie muss Gasprom zur Aufrechterhaltung des jetzigen Produktionsniveaus von 550 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr in den kommenden 15 Jahren bis zu 200 Milliarden Dollar investieren.
Für neue Gasfelder fehlt Kapital. In den vergangenen Jahren stagnierte Gasproms Produktion oder stieg um höchstens drei Prozent. Drei riesige Gasfelder sind bereits zu 25, 50 und 68 Prozent erschöpft. »Das Problem für Gasprom ist, dass die Investition in große, neue Produktionsfelder durch die staatlich vorgegebenen Niedrigpreise auf dem Heimatmarkt nicht profitabel ist«, sagt Jonathan Stern vom Institute for Energy Studies in Oxford. Für eine erhöhte Förderung wäre die Erschließung der neuen Felder Jamal und Schtokman nötig. Dort wird die Förderung wegen der langwierigen Vorarbeit aber kaum vor 2015 möglich sein. Seit Jahren muss Gasprom aus Turkmenistan Gas zukaufen.
Dabei könnte bis zu einem Viertel des Binnenverbrauchs eingespart werden. Viele mit Gas betriebene Stromgeneratoren arbeiten mit einem Effizienzgrad von 33 Prozent, während 55 Prozent technisch möglich sind. Neun von zehn Gaskunden haben keinen Zähler. So ist Russland nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Gasverbraucher der Welt, obwohl seine Wirtschaftskraft nur gut ein Zwanzigstel der amerikanischen ausmacht. Doch Politik und Konzern setzen keine Signale gegen die Verschwendung.
Kleine private Gasversorger fördern im Schatten Gasproms effizienter als der Konzern. Im Lauf der vergangenen sechs Jahre haben sie ihre Produktion verdoppelt und damit den wachsenden Gasbedarf in Russland gedeckt. Ihre Produktionskosten sind oft nur halb so hoch wie die von Gasprom. Der Konzern kann sie aber als Pipeline-Monopolist aus den Röhren aussperren. Der Export in das ferne Ausland bleibt den Privaten daher verwehrt.
Das ist Gasproms Privileg – zum Geldverdienen und als Mittel der Großmachtpolitik.
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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na, da wird der kalte krieg (zumindest die kalten dunklen winter) bald wiederkommen. wer geglaubt hat das putin ein netter erdgasverkäufer ist, kann wohl nur dem handarbeitszirkel berlin angehören.politik wird nicht in deutschland gemacht, bei uns wird nur gebuckelt. da kann ich nur herrn kohl zitieren, die gnade der frühen geburt. danke, dass ich die ganzen auswirkungen nicht mitertragen muss.
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