Prävention Gummi mit Segen

Der Vatikan will aidskranken Eheleuten Kondome erlauben

Offiziell ist es noch nicht, aber eine Sensation ist es schon jetzt: Der Vatikan wird vermutlich eine Bresche in sein Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung schlagen und Aids-Kranken den Gebrauch von Kondomen gestatten. Der für Gesundheitsfragen zuständige Kurienkardinal Barragàn hat die Publikation eines Dokuments zu diesem Thema angekündigt. Über den Inhalt hat er nichts gesagt, aber die Umstände lassen wenig Zweifel daran, dass es sich tatsächlich um eine Liberalisierung handeln wird.

Kurz zuvor hatte der hoch respektierte frühere Mailänder Erzbischof, Kardinal Martini, dafür plädiert, Eheleuten die Benutzung von Kondomen zu erlauben, wenn ein Partner HIV-infiziert ist. Dass Barragàn diesen Vorstoß nicht zurückweist, zeigt, dass hier etwas passieren wird. Der Kurienkardinal hat erklärt, der Papst selbst habe ein Studium der Frage erbeten – das kann höchstens ein paar Monate her sein. Dass in so kurzer Zeit eine Stellungnahme fertig wird, spricht bei der notorischen Langsamkeit der Vatikan-Bürokratie für große Dringlichkeit.

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In Rom heißt es, das Thema Aids habe jüngst bei den Papstaudienzen afrikanischer Bischöfe auf der Tagesordnung gestanden. Schon dass Benedikt XVI. dabei das Wort »Kondom« unbefangen verwendet habe, sei eine kleine Revolution gewesen. Undenkbar, dass sein Vorgänger Johannes Paul II. es auch nur ausgesprochen hätte.

Wird der neue Papst nun die katholische Sexualmoral durchgreifend reformieren? Gewiss nicht. Die Kondom-Erlaubnis dürfte sich auf den Sonderfall der tödlichen Aids-Krankheit beschränken und auf Ehepaare – das Nein zur Pille und zum Sex außerhalb der Ehe wäre davon nicht angetastet.

Trotzdem kann man eine neue Stufe im päpstlichen Umgang mit dem quälenden Problem der Schlafzimmer-Ethik erkennen. Bisher schien es die Strategie Benedikts XVI. zu sein, von solchen Fragen einfach so wenig wie möglich zu reden, um den Blick stattdessen auf die großen, wesentlichen Glaubensdinge zu lenken. Jetzt würde er zum ersten Mal etwas aus dem Weg schaffen, das den Blick auf diesen Glaubenskern verstellt: freiräumen statt beschweigen.

Die Kirche müsste nicht zu lehren aufhören, dass aus ihrer Sicht Liebe und Kinderhaben zusammengehören, dass Sex nicht einfach eine Technik zur Spaßerzeugung sein soll. Aber sie würde anerkennen, was eigentlich auch zu ihrer Tradition gehört, dass es nämlich eine »Hierarchie der Wahrheiten« gibt. Lebensschutz, wie im Fall von Aids, ist wichtiger als Verhütungskorrektheit.

Es gibt ethische Überzeugungen, die der Papst gegen alle gesellschaftlichen Tendenzen verteidigen wird, der Widerstand gegen Abtreibung und Euthanasie gehört dazu. Es kann der Glaubwürdigkeit und Autorität der Kirche nur gut tun, wenn die Fragen der Sexualmoral aus dieser Zone des Absoluten herausgehalten werden.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Nanu -ich dachte der Papst (Gott) ist unfehlbar?

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