Chindia »Ihr mit euren Träumen«
Indiens Wirtschaftsboom geht an 300 Millionen Armen vorbei. Kleine Machthaber überall im Land stören jeden Versuch, ihnen zu helfen
Ende November 2005 in dem mit englischem Rasen durchsetzten Regierungsviertel der indischen Hauptstadt Delhi. Auf einer Couch in der Halle seines eher bescheidenen Hauses sitzt der indische Ölminister Mani Shankar Aiyar, 64, neben seiner Tochter Yamini, 29. Die beiden tun das, was sie seit Jahren dem häuslichen Frieden zuliebe vermieden haben: Sie diskutieren über den Kapitalismus. Man müsse einen Dritten Weg finden, bekräftigt der bekennende Sozialist seine Meinung, die er als eine Art indischer Volkstribun weithin verbreitet. Die Globalisierung dürfe für die Masse keinesfalls bedeuten: »landlos, joblos, obdachlos, hoffnungslos«. Aiyar bekennt, dass ihm der Markt immer noch »unheimlich« sei. Blödsinn, meint seine Tochter, die wie der Vater an britischen Eliteunis studierte und heute für die Weltbank Indiens Armut bekämpft. »Ihr mit euren Träumen!« Die Sozialisten hätten das Land bloß aufgehalten und im Übrigen bewirkt, dass es in Delhi keine Disco gab, als sie dort aufwuchs, wie sie halb zornig hinzufügte. Eine Alternative zum Markt gebe es nicht.
Zwei Generationen, zwei Antworten auf ein Problem: So dynamisch Indiens Wirtschaft ist, so arm ist das Land. Die indische Armut ist nicht verhohlen, sondern schreiend. Vor allem im Norden, in den Slums der Städte genauso wie rund um die Hüttenansammlungen an den Schotterpisten, die als Landstraßen gelten. Rund 300 Millionen der 1,1 Milliarden Inder leben von weniger als einem Dollar am Tag. Sie stellen rund 40 Prozent der Ärmsten auf dem Planeten. Im Durchschnitt verdient ein Inder 620 Dollar im Jahr, wenig genug, aber im ärmsten Bundesstaat Bihar im Nordosten sind es nicht einmal 200 Dollar. Indien insgesamt zählt rund ein Drittel Analphabeten, Bihar 50 Prozent. Der Sozialismus hat den Indern, die 1960 noch so wohlhabend waren wie die Südkoreaner und heute von ihnen dreizehnfach abgehängt worden sind, die Armut zwar eingebrockt. Doch der Kapitalismus, dem sich Indien vor 15 Jahren öffnete, hat sie bei weitem nicht überall gelindert.
Die größte Demokratie der Welt mit ihren 17 Hauptsprachen ist alles andere als ein homogenes Land. Ernsthaften Einschätzungen zufolge dominieren postmaoistische Rebellen, die Naxals, mehr als ein Zehntel aller knapp 600 Regierungsdistrikte. Vielerorts versagt das staatliche Grundschulsystem, sodass selbst arme Familien ihre Kinder auf einfache Privatschulen schicken. Was die Bundesregierung in Delhi auch anzettelt, ob sie die Stromversorgung dereguliert oder wie vergangenes Jahr eine allgemeine Mehrwertsteuer einführt: Sie kommt nicht überall durch das enge Netz lokaler Landbesitzer, mächtiger Kasten, öffentlicher Gewerkschaften und schlichter Gauner.
Deshalb ist es schwer zu sagen, ob der indische Staat generell zu viel oder zu wenig eingreift. Aber der Arbeitsmarkt ist gesetzlich derart verriegelt, dass die Mehrzahl der Erwerbstätigen schwarzarbeiten muss. 87 Prozent seien das, sagt Anushree Sinha vom Nationalen Rat für angewandte Wirtschaftsforschung in Delhi. Die Ökonomin ist besorgt, weil die Industrie unter diesen Regeln zwar kräftig wächst, aber keine Jobs schafft. »Viele Regulierungen« sorgten außerdem dafür, dass die Banken den kleinen Leuten keine Kredite und damit keinen Weg in die Selbstständigkeit gewährten. So sind Arbeitslosen auf dem Land oft alle Auswege versperrt. Die Regierung hat ein Programm aufgelegt, das in den 200 ärmsten Distrikten je einem Familienmitglied 100 Tage bezahlte Arbeit im Jahr garantiert. Doch welche Mittel kommen tatsächlich bei den Ärmsten an?
Eigentlich ist der riesige Nachwuchs an Arbeitskräften Indiens ökonomischer Segen – auch gegenüber China, das einem gigantischen Rentenproblem entgegendriftet. Doch müssen Jobs für sie in allen Wirtschafts- und Landesteilen entstehen. Zehn bis zwölf Millionen Jobs im Jahr müssten es sein, sonst werde die wachsende Gruppe der Arbeitslosen zur »sozialen Gefahr«, warnt Nandan Nilekani, Chef des riesigen Computerdienstleisters Infosys in Bangalore. Von seinesgleichen kann das Gros der Arbeitsplätze nicht kommen, denn insgesamt beschäftigt seine boomende Branche in Indien nur rund eine Million Menschen.
Um die notwendigen Arbeitsplätze zu schaffen, muss die Wirtschaft künftig um zehn statt um acht Prozent wachsen. Das geht nur, wenn die marode Infrastruktur mitwächst. Flughäfen sind überlastet, zwei Prozent des Straßennetzes müssen 40 Prozent des Verkehrs aufnehmen, Stromausfälle sind landesweit üblich, und selbst vor den Hochhäusern in der Computermetropole Bangalore fehlen die Bürgersteige, versinken die Investoren bei Regen im Matsch. Siddharth Varadarajan, Vize-Chefredakteur des Hindu, erzählt von einer Reise nach China. In der Provinzhauptstadt Lanzhou habe sich der Gouverneur für die miserablen Straßen und die Drittwelt-Anmutung entschuldigt – während die mitreisenden Inder neidisch waren, weil bei ihnen alles viel schlimmer ist. Nahezu jeder Inder ist stolz auf die politische Freiheit und kennt doch ihr Manko: Große Vorhaben verzögern sich, weil in der indischen Demokratie jeder gehört wird und Interessengruppen dieses Recht auch beanspruchen. Die indische Regierung investiert und vergibt Projekte an ausländische Konzerne – aber es dauert, bis der neue Flughafen in Bangalore fertig ist und Autobahnadern alle Landesteile verbinden.
Schnelles politisches Handeln sei die Stärke der Chinesen und wahrlich nicht die der Inder, sagt Hans-Joachim Körber, der Chef des deutschen Metro-Konzerns. Die Metro tut sich schwer, in den indischen Zentren ihre Märkte zu eröffnen. Besonders schwierig ist es, die Lieferung der Lebensmittel zu organisieren. Geschätzte 40 Prozent der landesweiten Ernte verrotten, nur zwei Prozent werden überhaupt weiterverarbeitet. »Der Weg zu Wohlstand ist die Transformation der Landwirtschaft«, sagt Ministerpräsident Manmohan Singh – und versucht, rückständige Bundesstaaten »zur Reform zu bewegen«.
Indiens Wirtschaft verlangt keine Ideologen, sondern Pragmatiker mit dem Willen, sich mit den kleinen Machthabern überall im Land anzulegen. Yamini Aiyar kümmert sich für die Weltbank darum, ob die Dezentralisierung in den Dörfern funktioniert – in den Stadträten sollen nun ein Drittel Frauen sitzen, und die Bauern sollen freier wirtschaften dürfen. Hilfe zur Selbsthilfe und mehr Markt sind Ziele, die ihr entsprechen. Und ihr Vater? Der musste im Januar seinen Posten räumen, weil er allzu lautstark seine Ansichten in die Welt trompetete. Der prominente Politiker und Buchautor beschwört seine Landsleute, auch in der Globalisierung weiter sie selbst zu sein. Er schimpft auf die »selbstsüchtige Minderheit«, die nur konsumieren wolle. »Ich weiß, das Pragmatische und das Prinzipielle gehören zusammen. Aber wenn diese Boom-Ära der Unterklasse weiter schadet, dann ist sie schlechter als die Zeit zuvor.«
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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- "...Eigentlich ist der riesige Nachwuchs an Arbeitskräften Indiens ökonomischer Segen auch gegenüber China, das einem gigantischen Rentenproblem entgegendriftet..." Bevölkerungsexplosion ist kein Weg zu Reichtum. Richtig, es gibt eine unvostellbar grosse Zahl indischer Arbeitskräfte, die bereit sind unter fast allen Umständen zu arbeiten - wie in China - aus Armutsgründen. Ich kann jedoch nicht sehen, warum dies ein Segen für die Ökonomie Indiens sein sollte. Richtig ist, das dadurch Arbeit sehr billig ist - was gemäss der der Theorie Nachfrage nach Arbeit schafft und damit Umsätze und Gewinne. ABER, niemand kann aus dem Nichts Werte schaffen, selbst ein Philosoph benötigt Zeit, Nahrung, Unterkunft, also mindestens Infrastruktur. Von einem Industriearbeiter wollen wir hier gar nicht reden. Das Problem ist, das die Resourcen dieser unserer Erde nunmal begrenzt sind, immer mehr Menschen bedeutet immer mehr Resourcenverbrauch (Ich möchte mich hier über den ungleichen Resourcenverbrauch von Industrie und sog. Entwicklungsländern nicht auslassen, dies ist ein Thema für sich.). Obendrein werden oft aufgrund billigerer und technisch schlichterer Produktionsverfahren (auch wie in China) ein mehrfaches an Resourcen verbraucht als in den Industrieländern (Wo in Westeuropa für die Produktion 1t Wasser verbraucht wird, verbraucht China im Schnitt 16t). Die Frage, die mir noch kein BWLer beantworten konnte: Wovon sollen, bei einer stetig wachsenden Bevölkerung, alle leben, wenn die biologischen, energetischen und mineralischen Resourcen begrenzt sind?
Ein solches Wachstum kann nur zum Kollaps führen. Nicht ob, sondern wann ist hier die Frage. Wir können uns doch auf Dauer gar keinen Babyboom leisten, es sei denn wir wollen diesen Planeten (für uns) zugrunde richten. Dass heisst doch, dass ab einem gewissen Punkt ein Nullwachstum der Bevölkerung ein MUSS ist, wenn man nicht in den Abgrund stürzen möchte.
Bei uns nennen manche Leute dies Vergreisung der Bevölkerung. Mich würde interessieren, welche Alternative diese Leute zur Vergreisung haben? Hemmungsloses Wachstum der Bevölkerung kann es ja wohl nicht sein?.
Indien und China haben zweifellos grosse Chancen für die Zukunft. Aber auch nur, wenn sie ihr Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen - denn Resourcen sind nicht unendlich teilbar oder vermehrbar. Und wenn man sich China als Beispiel ansieht, ist die enorme Umweltzerstörung und wachsende Ungleichheit in der Bevölkerung eine wachsende Gefahr, die dieses Land als Preis für sein Wachstum bezahlt. Zudem wächst die chinesische Bevölkerung, trotz Ein-Kind-Politik, noch immer. Wohin soll dies führen?
Kurzfristig steht hier natürlich ein unübersehbares Heer von Arbeitskräften zur Verfügung, wenn entsprechend Arbeit vorhanden ist, vielleicht auch ein entsprechend grosses Heer an Konsumenten (entsprechende Entlohnung vorausgesetzt). Aber wie lange kann genug Wirtschaftswachstum erreicht werden, um mit der wachsenden Einwohnerschaft mitzuhalten? Langfristig kann eine solche Entwicklung nicht gutgehen.
Dieser Artikel ueber Indien ebenso wie ein anderer ueber China, dass man keineswegs die enormen Bevoelkerungszahlen
mit enormem Wirtschaftspotential gleichsetzen darf. Beide Laender leiden an Rohstoffmangel auf vielen Gebieten, vor allem aber im Energiesektor. Indien hat jedoch einen Vorteil gegenueber China: es besitzt eine groessere landwirtschaftliche Nutzflaeche, wohingegen China zu einem grossen Teil aus Stein- und Sandwueste besteht
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