Martin Held war ein großer Mann: Er schien mir physisch groß, und er war ein großer Schauspieler. Einst, als ich noch zu den Besitzenden gehörte, besaß ich eine CD, auf der Martin Held Becketts Das letzte Band sprach. Da waren die Stimme des Schauspielers und die Stimme der Figur, die er spielte. Diese Stimmen waren keineswegs deckungsgleich; sie waren in einem merkwürdigen, wechselseitigen Durchdringen begriffen. Bei Beckett ist die Figuren-Stimme auch in mehrere geteilt. In der Regieanweisung heißt es für die Stimme der Echtzeit-Figur, also für diejenige, die real auf der Bühne steht: "Krächzende Stimme. Eigentümlicher Tonfall."

Die Figur war mit meiner CD ja nicht zu sehen, ich hörte ihr "nur" zu. Der Witz ist, dass Krapp, der alte Mann auf der Bühne, ein Band abhört, mit dem er sich als junger Mann aufgenommen hatte; an einer Stelle dieses Bandes wird die Konstellation vertieft: Man hört die Stimme des jungen Krapp, der erzählt, wie er seinerzeit ein Band aus einem früheren Lebensalter abgehört hatte. Am laufenden Band kommentiert der junge Krapp den jüngeren: "Kaum zu glauben, dass ich jemals dieser junge Dachs war. Diese Stimme! Mein Gott! Und die Sehnsüchte!"

Vom Band kommt ein kurzes Lachen, in das Krapp, die reale Bühnenfigur, einstimmt. Auch dieser Krapp, also die Echtzeit-Figur, kommt ins Kommentieren. Zu dem, was er sich anhören muss, sagt er auf Band (als ob die Aufnahmen und ihr Abhören endlos weitergehen könnten): "Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor dreißig Jahren hielt, kaum zu glauben, dass ich je so blöde war. Diese Stimme! Gott sei Dank ist das wenigstens alles aus und vorbei."

Die auf Band festgehaltene Stimme, die Erinnerung, die sie im Hier und Jetzt anregt, gerade das Verlorene, aber auch das Widerwärtige kratzen die letzten Reste von Krapps Vitalität hervor. "Gibt es ein Phänomen, das so untrüglich Zeugnis ablegt von menschlicher Anwesenheit und kreatürlichem Leben wie das Erklingen einer Stimme? Gibt es zugleich etwas, das so verstörend wirkt wie die Erfahrung, dass eine als Index lebendiger Präsenz gedeutete Stimme sich als technische Aufzeichnung, als die geistergleiche Stimme eines Toten erweist?" Mit dieser rhetorischen Frage beginnt ein Band der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft, herausgegeben von Doris Kolesch und Sybille Krämer, zum Thema Stimme. Die Frage kann man von ganzem Herzen mit Nein beantworten.

Das Schweigen, dem man schon die ganze Zeit zugehört hat

Alles aus und vorbei – die Wirkung von Krapps Band rührt nicht zuletzt daher, dass seine Stimme zwar geistergleich erklingt, sich aber nicht als die eines Toten erweist. Der Tod tritt differenzierter auf, er hat seine endgültige Rolle noch nicht gespielt: Einerseits ist der frühere Mensch, den man vom Band hört, ausgelöscht, wenn auch hörbar ausgelöscht. Anderseits ist der gegenwärtige Krapp, der einer toten Form von sich selbst zuhört, selbst dem Tod geweiht, und man weiß, nach seinem Tod wird die Stimme vom Band zu hören sein. Aber sie wird kaum noch Gehör finden. Krapp spricht und hört – der Rest ist Schweigen, dem man schon die ganze Zeit zugehört hat.

Das Phänomen der Stimme hat mich immer beschäftigt. Das herrliche Wissenschaftstaschenbuch belehrt mich darüber, was für ein Laie ich in dieser Beschäftigung war und welches Niveau der Sache allein angemessen ist. Ich verzichte darauf, die Themenvielfalt und die gelehrten Autoren im Einzelnen zu besprechen. Über die gelegentlich aufblitzende Komik wissenschaftlicher Terminologiegebung will ich mich nicht auslassen; ich habe ja Sympathien für "die sekundäre Oralität der handyvermittelten Fernmündlichkeit". Ich bleibe an der Faszination für das Phänomen hängen, zum Beispiel am "Subversions- und Transgressionspotential" der Stimme: Man kann kaum eine Stimme so sehr disziplinieren, dass sie perfekt in die institutionalisierten Stimmenverwertungen hineinpasst: Die Stimme, auch die eines geschleckten Radiomoderators, hat noch einen Rest, der im Medium nicht aufgeht.

Von der Zukunft erfahre ich, dass "die Frage nach der Körperlosigkeit der Stimmen im Horizont der neuen Computernetzwerke ganz anders auftreten wird". Im Internet wird es sich entscheiden. Sobald Computer akustische Anweisungen erkennen und befolgen, sobald diese Anweisungen Texte, Bilder und Operationen hervorrufen, beginnt für die Stimmen ein neues Leben. Krapp, um sich festzuhalten, hatte noch die Körperlichkeit der Spule: "Schwelgte im Wort Spule. Genießerisch: Spuule! Glücklichster Moment der letzten fünfhunderttausend."