Der Laden läuft prima. Die Kunden rennen Ihnen die Bude ein und reißen Ihnen die Ware aus der Hand. Ihr Aktienkurs ist explodiert, Investoren stehen Schlange. Doch Sie haben die Schnauze voll: Statt weiter zu expandieren, geben Sie Ihre Geschäftsräume auf, ziehen sich von der Börse zurück und kündigen Ihren Vertriebspartnern. Fortan verkaufen Sie Ihr Produkt nurmehr in überschaubaren Stückzahlen an einen beschränkten Kundenkreis zu Preisen unter dem Marktwert. Ihr Umsatz schrumpft um 99 Prozent.

Absurd? Manu Chao hat es getan. Als er sich von seiner Plattenfirma trennt, setzt er von seinen Alben bis zu drei Millionen Stück ab. Jetzt lässt er seine Musik zu bescheidenen Preisen und in gerade mal fünfstelligen Auflagen an Zeitungskiosken oder von Obdachlosen verkaufen und liebevoll gestaltete Bilderbücher als Dreingabe beilegen – und das ausschließlich in Frankreich. Selbst über seine Motivation für diesen radikalen Schritt ist kaum etwas zu erfahren: Der Popsong befindet sich dank Digitalisierung im Zeitalter seiner ständigen Verfügbarkeit, und der Superstar der Weltmusik sagt dem Kapitalismus Adieu.

Überraschend kam dieser Schritt des 44-Jährigen nur in seiner Konsequenz. Zuvor hatte der in Frankreich aufgewachsene und zuletzt in Barcelona lebende Chao versucht, das System von innen heraus zu attackieren. Sein erfolgreichstes Album gab dem Clandestino, dem Flüchtling ohne Pass, den es im Titel trug, eine Stimme. In seiner Musik nimmt das globale Dorf Platz, virtuos werden Rock, Reggae und Rap mit Einflüssen aus südamerikanischen und europäischen Volksmusiken, aus dem Maghreb und der Karibik verbunden. Bei seinen Konzerten werden Reden des Subcommandante Marcos eingespielt, und spätestens mit dem Auftritt für die Gegendemonstranten des G7-Gipfels in Genua wurde Manu Chao zur Ikone der Antiglobalisierungsbewegung. Doch längst wusste er um die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, in der er agierte: Den Umsatz eines multinationalen Unterhaltungskonzerns vermehrte er gerade durch die Kritik dieser kapitalistischen Praxis. Seine Entscheidung, die Wertschöpfungskette zu verlassen, war nur logisch.

So absurd es klingt: Die Strategie hinter dem radikalen Schnitt ist, die Musik den Menschen zurückzugeben, indem man sie ihnen vorenthält. Die Musikindustrie beklagt die Entwertung ihres Produkts und fördert diese doch durch ständige Verfügbarkeit und Übersättigung des Marktes. Die Umsätze mit klassischen Tonträgern sinken, und nun läuft der Industrie auch noch das Produkt weg. Sollte das Beispiel Manu Chao Schule machen, dann ist das Ende des Wirtschaftszweigs, wie wir ihn kennen, nah. Statt des Surrogats erfährt das Live-Erlebnis neue Wertschätzung: Das Geld, das der Konsument spart, weil er sich die Musik zum Nulltarif aus dem Netz holt, trägt er trotz exorbitanter Eintrittspreise an die Konzertkassen. Verkauft wird ein Versprechen: die Einzigartigkeit des Augenblicks, die keine Tonkonserve ersetzen kann.

Manu Chao war dafür berühmt, selbst zu den Zeiten, als er Millionen Alben verkaufte, mit seiner Gitarre an einer Straßenecke oder unangekündigt in einer Bar aufzutreten. Nun hält der Welt erfolgreichster Bänkelsänger den Kontakt zu seinem Publikum fast nurmehr über Auftritte; in diesem Sommer wird er mit seinem Musikerkollektiv Radio Bemba Sound System bei einigen Festivals auftreten.

Wer aber trotz allem nicht auf die neuesten Tonträger aus dem Hause Chao verzichten mag, der muss sich ausgerechnet in den digitalen Sumpf der Globalisierung begeben, um im Internet die letzte Veröffentlichung Siberie m’était contéee zu ersteigern, CD und Buch im Doppelpack. Angeboten von einem jener Franzosen, die ein Exemplar ergattern konnten. Glücklich, wer Zugang hat zum globalen Kiosk.

Live beim Hurricane Festival (23.–25.6. in Scheeßel),
Southside Festival (23.–25.6. in Neuhausen ob Eck),
bei Rock for People (4.–6.7. in Cesky Brod bei Prag),
beim Opener Festival (6.–8.7. in Gydina bei Danzig)
und Nuke Festival (14.–15.7. in St. Pölten, Niederösterreich)