Es war ein gewöhnlicher Arbeitstag, als mir der Direktor sagte, dass da eine Mutter sei, mit ihrer Tochter, die vorsingen wollte. Sie hatte sehr schöne Augen.« Wenn Tatjana Lebed, Gesangslehrerin von Anna Netrebko, von ihrer Lieblingsschülerin zu erzählen beginnt, denkt man nicht an Belcanto, nicht an Läufe und Triller, sondern an Heiligenlegenden und an das Ikonenküssen in der Kasaner Kathedrale, an das Bekreuzigen, an das tiefe und demütige Verbeugen, an das Niederwerfen, mit der Stirn den Marmorboden berührend.

Draußen wirft die untergehende Sonne etwas Gold auf die Stadt, die Russinnen laufen hochhackig und verächtlich über zentimeterdickes Eis, und drinnen auf den Fluren der Musikfachschule Rimski-Korsakow lebt die Sowjetunion noch, in dem hellblauen Ölanstrich, in den vergilbten Fototafeln hoch dekorierter Veteranen und in der damenbärtigen Pförtnerin, die in ihrem Kabuff sitzt und mit strengem Gesicht über Spargelkraut und Usambaraveilchen wacht. Und über junge, ernsthafte Violinisten.

»Ich habe sofort bemerkt, dass Anna für ihr Alter eine sehr schöne Stimme hatte«, stellt die Lehrerin fest. »Ein echter Koloratursopran. Ich habe mich gleich dafür ausgesprochen, sie aufzunehmen. So ein Mensch wird nur alle hundert Jahre geboren!« Anna Netrebko war 16 Jahre alt, als sie sich an der Musikfachschule bewarb. Begleitet von ihrer Mutter, war die Tochter eines Geologen aus der südrussischen Provinzstadt Krasnodar nach Sankt Petersburg gereist. Zwei Jahre lang lernte sie hier, die Hälfte der vorgegebenen Studienzeit, dann wurde sie auf dem Konservatorium aufgenommen.

Die Gesangslehrerin: »Ich war die Erste, die von ihrer Verlobung erfahren hat!«

Die Haare der Gesangslehrerin sind so rot wie ihre Lippen. Sie trägt eine pinkfarbene Chanel-Jacke, in der sie steckt wie in einer Rüstung. Gerade hat sie der letzten Schülerin dieses Nachmittags noch vorgeworfen, weder zu denken noch zu singen, sondern lediglich den Ton aus sich herausfallen zu lassen. Mit einer Handbewegung scheucht sie das Mädchen aus der Tür, um sich ungestört dem Andenken ihrer Lieblingsschülerin widmen zu können: jener Anna, die nicht nur mit südlichem Blut, sondern auch mit vielen Talenten gesegnet war, die als Schülerin in Glinkas Der Wolf und die sieben Geißlein alle sieben Geißlein alleine sang, in sieben verschiedenen Interpretationen, später in Krieg und Frieden das Publikum zum Weinen brachte und die, obwohl schon längst zur Wundersopranistin, zur Primadonna des Augenblicks, zur Jahrhundertstimme verklärt, immer noch regelmäßig anruft.

Die Lehrerin holt tief Luft, so als setze sie zu einem gewaltigen Koloraturbogen an, und sagt: »Wissen Sie, Anna wiederholte sich nie, sie war immer die Beste, sie besitzt innere und äußere Schönheit, sie braucht keine Proben, sie hat so viele Kleider, wie diese Wand lang ist, sie besitzt schon zwei Wohnungen in Petersburg, sie kocht sehr gut, sie trinkt nur die teuersten Weine, sie isst gerne Kaviar, sie hält strenge Diät.«

Am Ende ihres Monologs ist es seltsam still in diesem Zimmer. Es ist die Stille, die in einem Konzertsaal herrscht, bevor der Applaus einsetzt, weil das Publikum noch ganz ergriffen ist von der Darbietung. Doch schon kommt die Zugabe: Anna gefalle dem Präsidenten sehr, erst vor kurzem habe Putin ihr einen Preis als beste Nachwuchskünstlerin verliehen, und dennoch habe sie ein Essen mit ihm abgelehnt, weil sie nach Amerika fliegen musste. Obwohl der Präsident gebettelt habe: Bleib doch, Anna! Anna verzichte wegen ihrer Karriere zwar bewusst auf eine Familie, sei mit ihrem italienischen Freund Simone jedoch verlobt, sie wollten drei Hochzeiten feiern, eine in Bologna, eine in Krasnodar und eine in Sankt Petersburg. »Ich war die Erste, die von der Verlobung erfahren hat.«

Erschlagen von der Lobeshymne verlassen wir die Musikfachschule. Draußen auf den Fluren warten Mädchen mit unbewegten Gesichtern, kleine, furchtlose Anna Netrebkos vielleicht, an den Wänden hängen Plakate, an denen große Hoffnungen kleben, für den sechsten internationalen Chopin-Wettbewerb der Länder der Baltischen See, für einen Violinkonzert-Wettbewerb in Baden-Baden, und dann geht man vorbei an dem Ölanstrich, an den vergilbten Veteranen und an der Aufpasserin hinter ihrem Spargelkraut und denkt, dass eine, die dem Ölanstrich und den vergilbten Veteranen und dem Spargelkraut entkommen ist, alles bezwingt.

Schräg gegenüber von der Musikfachschule liegt das Mariinsky-Theater wie eine überdimensionale Buttercremetorte. Für Anna Netrebko war das Theater ein türkisfarbener Sehnsuchtsort – in dem sie während ihres ersten Studienjahres als Putzfrau arbeitete, um so bei den Proben anwesend sein zu können. Die Pressedame des Mariinsky-Theaters sieht so aus, als würde sie explodieren, wenn sie noch ein einziges Mal zum Putzfrauendasein von Anna Netrebko befragt wird. Der Glockenrock der Pressedame schwingt bei jedem Schritt aufgeregt um ihre Beine, ganz so, als unterstreiche er ihren Überdruss. Sicher, das Haus sei stets ausverkauft, wenn Anna Netrebko hier singe. Gewiss, man sei ihr sehr verbunden. Aber, sagt der Schwung ihres Rockes.

Und während wir durch pistaziengrüne klassizistische Galerien laufen, vorbei am doppelköpfigen Adler aus Stuck, vorbei an Wolkenstores, Kristalllüstern und Bühnenhimmeln, und uns bei jedem Schritt fragen, ob der Marmor hier schwer sauber zu halten ist, verweist die Pressedame auf die 150-jährige Tradition des Hauses, auf die 223. Spielzeit, auf Valery Gergiev, den legendären Maestro, der dem Mariinsky wieder zu internationalem Renommee verhalf, auf Nijinsky, Nurejew und Barischnikow – und auf Fjodor Schaljapin, jenen mythischen Bass, dessen Stimme Kronleuchter ins Schwingen und die Sowjets in Rage brachte, weil er nach der Oktoberrevolution nicht mehr in sein Heimatland zurückkehrte. Schaljapin war der erste Star der Neuzeit, sagt die Pressedame, und es besteht kein Zweifel mehr, dass Anna Netrebko hier im Mariinsky-Theater zurück ins Glied gesetzt werden soll.

Vom Mariinsky-Theater dauert es fast zwei Stunden mit Bus und U-Bahn, um an den nordwestlichen Rand von Petersburg zu gelangen, wo die Welt nicht aus vergoldeten Kuppeln besteht, sondern aus Plattenbauten. Alte Frauen singen für ein paar Kopeken in Fußgängerdurchgängen. Im Eingang des Studentenwohnheims in der Uliza Doblesti steht ein junger Mann und raucht. Er heißt Sergej, kommt aus dem weißrussischen Witebsk und studiert Domra, ein altes russisches Zupfinstrument. Man wohnt hier zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer und bezahlt dafür 30 Rubel im Monat, einen Dollar. Von Anna Netrebko hat er zwar schon gehört, aber nicht gewusst, dass auch sie hier gewohnt hat. Er deutet auf den Flur mit seinen verrosteten Geländern und sagt: Vielleicht bringt es ja Glück, hier zu wohnen.