Oper Wallfahrt zur heiligen AnnaSeite 3/3

Und dann ist da noch der alte Mann vom Russischen Museum, Freund eines Freundes, seinen Namen will er nicht nennen. Er sitzt im Neonlicht des Museumscafés an einem Plastiktisch und hält ein Fotoalbum in der Hand wie einen Schatz. Er ist groß und mager, und eine seiner Fingerkuppen ist schief angewachsen. Um seine Rente aufzubessern, arbeitet er im Museum, als Aufpasser der Aufpasserinnen. Anna lernte er vor mehr als 15 Jahren kennen, bei einem Konzert für Veteranen im Mariinsky-Theater. »Plötzlich stand da dieses schöne Mädchen auf der Bühne, das Lucia di Lammermoor sang. Sie stand nicht einfach da, sondern spielte, was sie sang.«

Er klappt das Album auf. »Sehen Sie, das war, als sie im Museum bei einem Abend für die Museumswärter sang, und hier für eine Gruppe aus Deutschland. Sie sang russische Romanzen. Ich habe den Applaus noch im Ohr, noch nie habe ich gehört, wie Menschen so klatschen können. Die Deutschen, das muss man sagen, haben ihr Talent früher gespürt als die Russen. Anna kam oft auch einfach so ins Museum, hier kam sie mit ihrer Mutter zur Butterwoche, dem Fest zwischen Winter und Frühling, es gab einen Raum für VIPs, wo Blinis und Kaviar gereicht wurden, aber Anna sagte: ›Wir essen da, wo die anderen auch essen.‹ Hier sind wir auf dem Dach gegenüber dem Winterpalast, hier nach einem Konzert in der Philharmonie, hier hat sie etwas hellere Haare und eine neue Lederjacke, das war zu der Zeit, als sie schon ins Ausland fuhr. Und dann kam Placido Domingo, und er lud sie ein nach San Francisco, und seitdem ist sie weg.«

Anzeige

Er klappt das Fotoalbum wieder zu. Er habe gehört, dass Anna jetzt die österreichische Staatsangehörigkeit annehmen wolle. Er finde das bedauerlich, denn Anna sei eine wahre russische Patriotin. Sie habe viele Neider, selbst im Mariinsky-Theater. Es gebe da eine Primaballerina, die spreche nicht mehr mit ihr. Aber das habe nicht Anna gesagt, korrigiert er sich schnell. Er blickt auf die Büfettfrau, die Piroggen aufwärmt, und flüstert: »Anna hat viele Jahre in Einsamkeit verbracht, sie hat Böden geschrubbt, heute ist sie ein Weltstar und dabei doch die Gleiche geblieben. Sie ruft mich immer noch an: Wie ist die Gesundheit?, fragt sie. Und wer bin ich schon, dass sie mich nicht vergisst? Sie ist ein sehr guter Mensch.«

Später in der Nacht funkelt Petersburg wie eine gewaltige Schmuckschatulle. Vor dem Grand Hotel Europe stehen silbrige Rolls-Royce, auf dem Bürgersteig glitzert Kunst aus Eiskristallen, vanillefarbene klassizistische Tempel strahlen im Scheinwerferlicht, und vier Mädchen reiten traumverloren den Newski-Prospekt entlang, auf Pferden mit goldenem Zaumzeug. Nachts ist ganz Petersburg ein Bühnenbild für Gogol. Für seine Geschichte vom Aufstieg. Von einer unbedeutenden Person zu einer bedeutenden Person.

Am 7. Juli singt Anna Netrebko zusammen mit Placido Domingo und Rolando Villazon in der Berliner Waldbühne. Vom 26. Juli an singt sie bei den Salzburger Festspielen die Susanna in Mozarts »Le Nozze di Figaro«.www.annanetrebko.com

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service