Musik »Weitermacher gibt es in diesem Land schon genug«
13 Jahre lang war Peter Jonas Intendant der Bayerischen Staatsoper in München. Jetzt will er sein Leben zurückhaben. Ein Gespräch über die Zukunft und die Zumutungen der Kunst
Die Bayerische Staatsoper, vormittags. Die Tür des Intendantenzimmers springt auf, verbrauchte Luft strömt heraus. Sir Peter, in Jeans und grasgrünem Rollkragenpullover, winkt.
Peter Jonas:Sorry, my dear, wir hatten eine lange Nacht. Cricket World Cup, Indien gegen England.
DIE ZEIT: Wer hat gewonnen?
England.
Und das ist der Grund, warum Sie so mitgenommen aussehen?
Die Streiks stecken uns in den Knochen. Ich fühle mich zum ersten Mal seit 13 Jahren vom Freistaat total im Stich gelassen. Früher ließ es sich hier gut leben. Neben den typischen Bierdimpfln gab es immer Leute, die Kultur hatten oder Instinkt oder sogar beides. Hans Zehetmair war so eine Figur, Goppel vielleicht auch. Heute aber, unter den Stoibers und Faltlhausers, zählen nur mehr Fußball und ausgeglichene Haushalte und die Frage, warum sourcen wir nicht alles aus, vom Orchester bis zur Technik. Das deprimiert mich.
Ist Bayern kulturpolitisch nicht immer noch eine Insel der Seligen?
Eine Gummiinsel vielleicht, mit unseren Lungen aufgeblasen. Die Bayerische Staatsoper verdient rund die Hälfte ihres Geldes selbst.
Woher kommt dieser Gesinnungswandel der Politik gegenüber der Kunst?
Es gibt Politiker, die zu lange auf ihren Posten sitzen und immer mehr Angst kriegen, diese Posten zu verlieren. Also agieren sie populistisch. Der Populismus aber ist der natürliche Feind der bayerischen Liberalität. Die Kunst ist dann plötzlich ganz schnell nicht mehr so wichtig. Und sie kann sich nicht wehren. Vielleicht ist unsere Arbeit in den letzten Jahren nicht politisch genug gewesen.
Wollte sie das denn überhaupt sein?
Musiktheater ist nie ganz unpolitisch. Aber natürlich gibt es bestimmte Erwartungen an die Bayerische Staatsoper, die eher auf das Kulinarische zielen.
»La Traviata« mit Anna Netrebko, siebenfach überbucht.
Ja, ja, aber hier sind wir nicht einem Hype hinterhergehechelt, sondern haben ihn mit gesetzt. Netrebkos München-Debüt war bereits 2003. Trotzdem sind wir kein Konsens-Haus. Es gibt immer Zufriedene und Unzufriedene, und der Graben zwischen ihnen ist sehr tief. Aus dieser Spannung leben wir.
Sie meinen: Konwitschny für die Regie-Enthusiasten, Netrebko & Co. für die Fans »schöner Stimmen«? Aus jedem Dorf ein Hund?
Eben nicht! Als Intendant habe ich zwei kleine Monster auf meinen Schultern sitzen. Das eine ruft: Risiko! Risiko! Das andere warnt: Vorsicht! Provokation ist gut, aber ich darf die soziale Verantwortung nicht aus den Augen verlieren, ich darf niemanden verjagen. Zum Beispiel das Pissoir im ersten Akt von David Aldens Siegfried- Inszenierung: Wir haben damals ernsthaft darüber nachgedacht, es zu entfernen, die Empörung war derart groß. Wir haben es nicht getan, weil es Sinn ergab. Heute ist es Kult.
Trotzdem hinterlassen die Künstler, die Sie verpflichtet haben, eher Fingerabdrücke des Verträglichen: Regisseure wie Alden, David Poutney, Andreas Homoki, Dieter Dorn oder Komponisten wie Henze, Reimann, Trojahn.
Aber es gab auch Widmann, von Bose, de Felice. Und: Woher wissen Sie und ich, was das Publikum »verträgt«? Reimann sei ein Angriff auf ihre Ohren, schreiben mir die Leute, und bei Jürgen von Boses Schlachthof 5 werfen sie Flugblätter von den Rängen. Das muss ich ernst nehmen. Mein Auftrag war es, jedes Jahr ein neues Werk zu präsentieren. Bei 85 Neuproduktionen macht das 13 Uraufführungen. Das haben wir geschafft. Es hat gedauert, aber inzwischen ist es möglich, dieses Haus, diese 2100 Plätze für eine gewisse Anzahl von Vorstellungen mit neuer Musik zu füllen. Das Publikumsinteresse ist geweckt. Das bedeutet heute viel.
Können Sie sich eigentlich an jede einzelne Ihrer Neuinszenierungen erinnern?
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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