Steuern Kurt Beck vor, Eigentor
Der kommissarische Vorsitzende der SPD schließt Steuererhöhungen nicht aus. Weitere Abgaben zu fordern schadet jedoch der SPD und dem Land, kommentiert
Amerikaner vergleichen politische Verlierer-Themen manchmal mit Starkstrom-Kabeln: »Touch it and you’re dead« heißt es – wer davon anfängt, hat verloren. Für Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ist die beschlossene Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte so ein Thema. Er kann in der Debatte nur verlieren. Läuft die Konjunktur gut, wird man ihn fragen, warum er angesichts steigender Einnahmen die neue Steuer überhaupt noch braucht. Bleibt das Wachstum aus, wird es heißen: Ist der Finanzminister wahnsinnig, auch noch Steuern zu erhöhen?
Einige aus der SPD-Führung sahen dieses Problem seit längerem und grübelten, wie sich vermeiden lasse, dass die »Merkelsteuer« – so der SPD-Wahlkampfspott – dem sozialdemokratischen Finanzminister angelastet wird. Dieses Problem hat nun der designierte SPD-Chef Kurt Beck gelöst: Er hat mehrfach so klar für höhere Abgaben plädiert, dass die SPD gute Chancen hat, ihren alten Ruf als Steuererhöhungs-Partei wiederzubeleben.
Becks Vorstoß war nicht nur taktisch, sondern auch inhaltlich falsch. Viele Sozialdemokraten verweisen gern auf die hohe Steuerlast in skandinavischen Ländern, doch der Vergleich trägt nicht: Addiert man hierzulande Steuern und Sozialabgaben, unterscheidet sich die Belastung kaum. Dennoch stehen weitere Erhöhungen, nicht nur bei der Mehrwertsteuer, schon im Koalitionsvertrag. Wer noch stärker zulangen will, sollte daher erst Vorschläge machen, wie die staatlichen Mittel etwa in der Arbeitsverwaltung und im Gesundheitswesen effizienter eingesetzt werden können.
Der SPD hat Beck mit seiner Starkstrom-Initiative keinen Gefallen getan. Höchstens der Kanzlerin: Vielleicht wird ja die »Merkelsteuer« demnächst in »Beckabgabe« umbenannt.
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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Dass man in diesem schönen Land seit den Tagen, in denen Dr. Guido Westerwelle das Land mit dem populären Slogan "Steuerland ist abgebrannt" zuplakatieren liess, um seine Parteikarriere zu starten, immer noch nicht die Formel gefunden hat, mit dem vorhandenen Geld das Beste anzustellen, ist schon ganz schön blamabel.
Offenbar gibt es aber doch mehr "schwachbrüstige" Zeitgenossen, die dem Geläute von Freiheit und Chancenverwertung nicht mehr so recht über den Weg trauen.
Natürlich stellt sich auch nach wie vor die Frage, warum sogar der Besserverdienende immer noch Kindergeld bekommen soll? Damit immer mehr noch "intelligentere" Menschen sich vor dem Dienst für die Allgemeinheit drücken? Angela Merkel wollte Deutschland dienen und sie tut es insbesondere dadurch, dass sie sich nach der Wahl wandelte.
Denn wer die Kosten für Staat und Zukunftsfähigkeit immer noch nur weiter senken will, macht sich schuldig. Zudem würde eine durch eine weitere Absenkung der Steuerlast löchrig werdende Abwehrmauer den Rest der Welt nur unnötig dazu einladen, aus Deutschland eine Schiessbude zu machen. Die Schlupflöcher, durch die die Bälle raffiniert und mit viel Effet den Weg ins Gehäuse finden, waren gemeint und sind es allerdings wert gestopft zu werden. Also, die Polemik der Überschrift ist einfach Quatsch.
Ausserdem, kurz vor der WM das Spielsystem der deutschen Gesellschaft ändern zu wollen, das seit Jahrzehnten auf Stöhnen und Klagen beruht, wäre absolut töricht.
Herr Lehmann hält sie sowieso alle! Da kann Spielführer Beck noch so oft den eigenen Torwart bedienen.
Doch die Tore, durch die sich das Geld in alle Himmelsrichtungen aus dem Staube macht, könnten schon einmal überprüft werden. Ein echter Steuermann verlangt von Schleusern nämlich nichts anderes als Dienst nach Vorschrift.
Endlich wird mal die angeblich geringe deutschen Steuerlast angesprochen. Es ist schon unglaublich dass immer wieder Alt-Linke der WASG, Alt-Kommunisten der PDS und jetzt auch Herr Beck diese Lüge der niedrigen deutschen Steuerlast erzählen dürfen. Ist ja auch immer wieder ne schöne Schlagzeile in der Bild-Zeitung.
Wir haben eine hohe Staatsquote! Kann das jetzt bitte mal jeder verstehen. Des weiteren ist es auch falsch, dass nur der "Kleine Mann" für die Finanzierung des Staates aufkommt. Es haben wieder Studien gezeigt, dass die Steuerlast für Unternehmen in D. die höchste in Europa ist. Die Einkommenssteuer wird zum größten Teil von "Besserverdienenden" aufgebracht etc. Wir verteilen heute schon stärker um als skandinavische Länder.
Es darf doch nicht war sein dass führende Politiker (und sogar ein langjähriger Ministerpräsident) weiter diesen Schwachsinn (bzw. Halbwahrheiten) erzählen.
Angeblich basteln die Sozialdemokraten an einem neuen Programm.
Wie wäre es mit "Programm zur Senkung der Arbeitslosigkeit"?
Der Name "Programm zur Beschäftigungsföderung" hört sich werbestrategisch besser und positiver an. Geht aber nicht.
Denn die SPD hat ihre Beschäftigten, die HartzIV-Empfänger vor kurzer Zeit in die Selbständigkeit entlassen.
Moment. Wäre "Programm zur Senkung der Arbeitslosigkeit" nicht sogar zynisch zu verstehen? Die SPD hat die Arbeitslosigkeit doch gesenkt. Durch gezieltes Abschieben der Arbeitslosen in Hartz IV und von Hartz IV in die Selbständigkeit.
Egal. Wir schreiben das Jahr 2006. Noch gilt die Agenda 2010. Noch bleibt die Hoffnung, daß sich die SPD bis zum Ende des Jahrzehnts dort ist, wo sie die Arbeitslosigkeit behauptet. Bei 10 Prozent plus/minus Siegmar Gabriel und Ute Vogt.
Korfstroem
Ja, Frau Niejahr, tatsächlich schießt Beck. - Aber in welche Richtung?
Es gäbe, neben weiterem Subventionsabbau und Reduzierung von Bürokratie, durchaus Steuern, die sowohl unter Lenkungsgesichtspunkten, als auch unter dem Aspekt der weiteren Einnahmeverbesserung des Staates sinnvoll wäre.
-Z.B. eine Besteuerung des Flugbenzins. Mit einer Klage in dieser Sache ist der noch amtierende Bahnchef Mehdorn gescheitert, obwohl das Ansinnen sehr vernünftig war.
Unter den Aspekt Lenkung fiele auch, dass es sehr wahrscheinlich für die Innovationskraft der Industrie besser wäre, wenn, mit einer angemessenen Übergangsfrist, die Vergünstigungen für "energieintensive Betriebe" aufgehoben würden.
Erleichternd für die Steuerbürokratie und deutlich
einahmeverbessernd wäre, gelänge es, den Sumpf der "Werbungskosten" auszutrocknen.
Da ist ein Heer von Finanzbeamten mit öden Quittungsbelegen
beschäftigt, anstatt tatsächlich, z.B. beim Umsatzsteuerbetrug,
produktive und effiziente Aufklärungsarbeit leisten zu können.
Im Grundsatz hat die SPD jetzt wenigstens erkannt, dass in den letzten Jahren, eigentlich seit der Wiedervereinigung, vor allem
grössere Kapital- und Anlagebesitzer und Abschreibungskünstler kräftige Gewinne einfuhren, die dann, zum Teil in der Erwartung noch besserer Profite, im Ausland untergebracht wurden.
Ihrer ureigensten Klientel, dem Lohnsteuerzahler und auf Gehalt
angewiesenen Durchschnittsverdiener, geschweige denn, dem
Heer der Arbeitslosen, hat die Partei von Brandt nur noch wenig
zu sagen und anzubieten.
Aber der kapitalste "Bock" in Sachen Steuer, geht eindeutig auf die Kuhhaut der grossen Koalition. Die 3% ige Mehrwertsteuer
im nächsten Jahr. Die hat keinen Lenkungseffekt, stresst die weiterhin schlappe Binnenkonjunktur und ist nach dem "Schrotflintenprinzip" konzipiert. - Alas, Schnee von gestern.
Frau Niejahr schreibt:
"Viele Sozialdemokraten verweisen gern auf die hohe Steuerlast in skandinavischen Ländern, doch der Vergleich trägt nicht: Addiert man hierzulande Steuern und Sozialabgaben, unterscheidet sich die Belastung kaum. Dennoch stehen weitere Erhöhungen, nicht nur bei der MwSt, schon im Koalitionsvertrag. Wer noch stärker zulangen will, sollte daher erst Vorschläge machen, wie die staatlichen Mittel etwa in der Arbeitsverwaltung und im Gesundheitswesen effizienter eingesetzt werden können".
D´accord, Frau Niejahr, aber das eine schliesst das andere ja nicht aus, oder?
Eine niedrigere Gesamtbelastung kann sich aber jeder abschminken, es sei denn er träumt von einer Bananenrepublik.
Denn viele Zusatzinvestitionen sind nötig:
Kindertagesstätten, mehr Forschungsförderung, Erziehungsgeld, Senkung der Lohnnebenkosten, Investitionen in Schulen und Universitäten, Integrationsmassnahmen für Migranten usw.
Deutlich höhere MwSt sind ebenso notwendig wie Kürzungen an anderer Stelle.
Das Mißtrauen von Frau Niejar bezüglich letzterem ist verständlich.
Herr Beck zum Beispiel, der ein höheres Erziehungsgeld für "unsozialdemokratisch" hält - und stattdessen lieber alle Kindergärten beitragsfrei stellen möchte - denkt auch gern nach dem Giesskannenprinzip.
Aber nicht jedes Pflänzchen, dass er begiessen will, ist ein Zier- oder Heilpflänzchen.
Wir kommen leider verstärkt in eine Situation, in der wir bei der Familienpolitik selektiv denken müssen.
Eine stärkere Förderung der Kinderquote von Akademikern und anderen Berufstätigen ist KEINE soziale Ungerechtigkeit, sondern etwas, das viel zu lange schon vernachlässigt wurde (das verlorene Potential lässt sich eh nicht mehr reinholen).
Mein Eindruck:
Viele Mitbürger haben das skandinavische Modell, dass in Skandinavien auf natürliche Weise über Jahrhunderte gewachsen ist (Konsensdenke und Pragmatismus schon in der Muttermilch) überhaupt noch nicht vollständig begriffen.
Vielleicht sollte Frau Niejahr es besser erläutern, damit es höhere Akzeptanz findet. Hier gibt es wirklich Aufklärungsbedarf.
Es ist nicht so gut, das skandinavische Modell nur in einen Negativkontext zu setzen.
Mich persönlich interessiert brennend die Frage, inwieweit sich das skandinavische Modell bei uns kopieren lässt unter Berücksichtigung unserer niedrigeren Frauenerwerbsquote in Deutschland (dadurch fehlen ja auch staatliche Einnahmen).
Kann mir das irgendjemand erklären (erde64@web.de)?
Grundsätzlich sollte man stärker VOM ENDE HER denken.
Wo wollen wir hin?
Was soll das Endziel sein?
Ich stelle mir Politik wie einen Langstreckenlauf vor, bei dem man eine bestimmte Strecke laufen möchte.
Das Endziel steht von vornherein fest (42,195 km) - und mit einem guten Trainingsplan lässt sich das erreichen.
Wenn das skandinavische Modell das beste der Welt ist - und dafür spricht viel - dann sollte man es auch anstreben. Zumal uns Deutschen "diese Strecke" (also ein Konsensmodell) grundsätzlich liegt.
Wenn nach allen denkbaren künftigen Einsparungen (gerade auf dem Feld der Gesundheitspolitik) trotzdem noch eine Deckungslücke bei den nötigen Bildungsinvestitionen bestünde, so sollte man diese notfalls auch über eine NOCH höhere, zeitlich befristete, Gesamtbelastung durchdrücken.
Anders geht es dann eben nicht, und wir müssen dann eben Geduld haben - eine Generation sind 25 bis 30 Jahre, das dauert also.
Aber man denke an die Schweden:
Die waren Anfang der 90er in einer wirklich grauenhaften ökonomischen Situation - und haben diese relativ rasch überwunden, weil sie eben ein gutes allgemeines Bildungspotential besassen. Mit diesen Reserven kann man schwierige Zeiten besser überleben.
Bei uns wurde leider schon viel Zeit vergeudet, die Handlungsspielräume werden enger, und viele negativen Entwicklungen sind schon vorprogrammiert.
Das macht die Sache nicht einfacher.
Aber wir MÜSSEN das Problem der Bildungsmängel und der niedrigen akademischen Kinderquote in den Griff kriegen - das hat absolute Priorität!
Ist das Glas halb voll oder halb leer, wenn die höhere MwSt kommt?
Nun, vermutlich ist es so, dass man dadurch mit einem Bein in die richtige Richtung läuft.
Wenn das andere Beinchen später in eine andere Richtung laufen oder einfach nur stehenbleiben will, tja dann, in der Tat, lässt sich diese Massnahme kaum rechtfertigen - weil man sonst grandios auf die Schnauze fällt.
Hoffentlich entwickelt unsere politische Klasse den Mut, wo nötig auch harte Einschnitte vorzunehmen (notfalls ... ups ... mit der Knochensäge).
Es bleibt uns keine andere Wahl.
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