Indien In Babylon
Indien ist Gast der Frankfurter Buchmesse. Drei Skizzen aus einem fernen, fremden Land
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In Nuzhat Hassans Dienstzimmer in New Delhi hängt ein Plakat mit der Überschrift
Today’s India,
und man sieht darauf sechs mal sechs farbige Quadrate, in jedem ein anderes Schriftzeichen. Auch wenn sich einige davon wiederholen, sind es bestimmt zwanzig verschiedene Buchstaben. Nur einen einzigen davon kann ich lesen, es ist das lateinische E.
Das Plakat gibt einen ersten Eindruck vom Reichtum der Schriften und Sprachen Indiens. Dass die Nation im Zentrum der Frankfurter Buchmesse stehen soll, gleicht dem Versuch, die Literaturen Europas unter einen Hut zu bringen, wobei der indische Hut ein ganzes Stück größer ist. Unter ihm leben mehr als eine Milliarde Menschen, und sie sprechen, wenn man alle Stammessprachen (unter Ausschluss der Dialekte) mitzählt, mehr als hundert verschiedene Sprachen.
Nuzhat Hassan ist Direktorin des National Book Trust, ein 1954 von Jawaharlal Nehru gegründetes staatliches Volksbildungsinstitut. Es publiziert preiswerte Bücher, veranstaltet Ausstellungen, Seminare und schickt Busse aufs Land, die den armen Bauern Bücher bringen. Sie sagt: »Jedes Jahr erscheinen 77000 Titel, rund 40 Prozent davon auf Englisch, der Rest in indischen Sprachen. Für uns ist übrigens auch Englisch eine indische Sprache.« Ich erspare mir den Hinweis, dass in Deutschland fast ebenso viele neue Bücher erscheinen. Dafür wächst der indische Buchmarkt in großen Schritten, während der unsrige stagniert.
Sie dürfte Mitte 30 sein und macht nicht den Eindruck, als fürchte sie sich vor der Aufgabe, Indien in Frankfurt zu repräsentieren. Sie hat schon andere Aufgaben gelöst. Früher arbeitete sie bei der indischen Polizei. In der Times of India schrieb die Bestsellerautorin Shobhaa De eine Glosse über ihre Reise mit indischen Schriftstellern zur Leipziger Buchmesse. Chefin der Delegation war Nuzhat Hassan. »Ein Bulle, um Gottes willen!«, spottete Shobhaa De zuerst, aber dann zeigte sie sich begeistert vom Organisationstalent und von der Durchsetzungskraft der vormaligen Polizeioffizierin.
Diese Tugenden benötigt sie. Es gibt keinen indischen Börsenverein, sondern viele unterschiedliche Verlegerverbände, und beim Gastauftritt Indiens in Frankfurt haben mehrere Ministerien und ihre Unterabteilungen mitzureden. Eine davon ist die Sahitya Academi, die ebenfalls staatliche, ebenfalls von Nehru gegründete literarische Akademie Indiens. Ihr Sekretär ist der Schriftsteller Koyamparambath Satchidanandan. Zwar empfinde ich es als sehr hilfreich, dass man auch in Indien sofort Visitenkarten austauscht, aber der Name bleibt mir ähnlich kompliziert und geheimnisvoll wie die Aufgaben der Akademie, die er mir ausführlich erklärt.
Wir sitzen in seinem Amtszimmer mit schweren Teppichböden und dunkel getäfelten Wänden. Irgendwie erinnert mich das Ambiente an die DDR. Schon am Eingang des weitläufigen Gebäudes standen zwei Uniformierte, drinnen am Empfang saßen mehrere Dienst habende Kräfte, und jetzt bringt ein junger Mann in Livree ein Tablett mit Keksen und Tee. Aber ich bin zu unerfahren, um die Bedeutung der Kleidungsformen lesen zu können. Wahrscheinlich handelt es sich nicht um Uniformen, sondern um Varianten der indischen Nationaltracht. Alle diese Posten und Vorposten machen überhaupt keinen furchterregenden Eindruck, sondern sie wirken entspannt, um nicht zu sagen schläfrig. Es ist heiß, 37 Grad.
In Satchidanandans Zimmer herrscht eisige Kälte. Er trägt einen braunen Anzug, aus dessen Innentasche es öfter klingelt. Er holt stirnrunzelnd sein Handy hervor und liest unerwünschte Nachrichten. »Alles junk«, sagt er missmutig. Auch im Hintergrund piepst und rumort es ständig. Ab und zu eilt leise ein livrierter Assistent herein und bedient eines der Fax-Geräte und Telefone.
An der Spitze der Akademie, so höre ich, steht der Große Rat mit etwa hundert Mitgliedern: 5 vertreten die Regierung, 35 die indischen Staaten, 22 die in der Verfassung genannten Nationalsprachen, 10 die Universitäten. Die Akademie publiziert drei Zeitschriften: in Englisch, in Hindi und in Sanskrit. Sie veranstaltet 30 Seminare im Jahr, vergibt 22 Literaturpreise (für jede Sprache einen), sie fördert 60 Übersetzungen von einer Sprache in die andere, und sie veröffentlicht etwa 300 Bücher im Jahr, wissenschaftliche Ausgaben, Wörterbücher, Nachschlagewerke. Die Bücher werden über den Buchhandel vertrieben, aber, so gibt Satchidanandan zu, nur mit mäßigem Erfolg, denn die Gewinnspanne ist bei den staatlich finanzierten Büchern so gering, dass die Buchhändler keinen Anreiz haben, sie anzubieten.
Wer sich auf der Internet-Seite einen Überblick über die Abteilungen der Akademie verschaffen will, stößt sofort auf dieses Babylon: Hindi, Maithili, Nepali, Santhali, Dogri, Kashmiri, Punjabi, Rajasthani, Urdu, Kannade, Malayalam, Sanskrit, Tamil, Telugu, Gujarati, Konkani, Marathi, Sindhi, Assamese, Bengali, Bodo, Manipuri und Oriya. Mein Gesprächspartner zum Beispiel stammt aus Kerala, und seine Muttersprache ist Malayalam. Natürlich spricht er, wie alle Gebildeten Indiens, Englisch. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht und übersetzt aus dem Italienischen und Spanischen ins Malayalam.
Der Rückweg ins Goethe-Institut, das in Indien Max Mueller Bhawan heißt (zu Erinnerung an den deutschen Indologen, der hier größtes Ansehen genießt), ist nicht weit, aber ich bin froh, in der klimatisierten Bibliothek Kühlung zu finden. Der Lesesaal ist angefüllt mit jungen Indern, die in der Pause zwischen ihren Kursen Deutsch pauken. Einer sitzt vor einem Monitor und betrachtet einen Film. Man sieht den Hamburger Hafen und seine Barkassen, dazwischen die aus Japan stammende, deutsch schreibende Dichterin Yoko Tawada, die aus ihren Texten liest.
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Die Fahrt ins 200 Kilometer südlich gelegene Agra ist ein Abenteuer. Der Weg aus der Zehnmillionenstadt Delhi hinaus dauert eine Stunde, und ich begreife nun, wie notwendig es war, einen Wagen mit Fahrer zu buchen. Allein hätte ich dieses Chaos nicht bestehen können. Auf der vierspurigen Schnellstraße bewegt sich alles, was Beine und Räder hat: Fußgänger mit Handkarren; dreirädrige Motorrikschas, die für zwei Fahrgäste zugelassen sind, aber nicht selten ein Dutzend befördern; Traktoren mit Anhängern, auf denen gigantische Strohsäcke bis auf die Fahrbahn hängen (man erntet gerade den Weizen); Handwerker, die Leitungsrohre auf Dreirädern quer über die Straße schieben. Nicht selten, wenn die Fahrbahnen durch Zäune getrennt sind, benutzen die Anwohner die Gegenspur, um ihr Ziel schneller zu erreichen. Mein Fahrer neigt eher zur Hupe als zur Bremse, und ich versuche, nur noch aus dem Seitenfenster zu gucken. Einmal überholen wir ein Motorrad, auf dem vier Personen sitzen. Vorne, wie üblich ohne Helm, der stolze junge Vater, vor sich auf dem Tank den kleinen Sohn, der sich am Lenker festhält, hinter sich eine überirdisch schöne Madonna im blauen Sari, die langen schwarzen Haare flatternd im Wind. Sie thront im Damensitz, mit der Linken die Hüfte ihres Mannes locker umfassend, in der Rechten ein zartes, dunkles Jesuskind.
Die Straße, in unseren Breiten öffentlicher Verkehrsraum, der von der Privatsphäre getrennt ist, dient hier allen Zwecken zugleich: als Arbeitsraum, wo Handwerker ihre Gerätschaften und Materialien ausbreiten; als Recyclinghof, wo Schrott und Holz aller Art sortiert und gestapelt wird; als Ruheraum, wo Männer auf Klappstühlen im Schatten Gespräche führen; als Sammelstelle, wo Weizen und Spreu oder Ziegel aus einer der vielen Brennereien zu Haufen zusammengefahren werden. Und zwischendurch die heiligen Kühe, die breit auf der Fahrbahn lagern und den Verkehr zum Stocken bringen. Dermaßen heilig sind sie nun auch wieder nicht, dass man sie durch heftiges Hupen nicht zu verscheuchen versuchte. Das gelingt aber nur selten. Und dann erhebt sich, mitten in dieser ärmlichen und turbulenten Szenerie, plötzlich ein riesiges, von grünem Rasen umgebenes Gebäude aus dem Boden, ein der indischen Palastarchitektur nachempfundenes Bürohaus mit blau spiegelndem Glas, und darauf steht »Institute of Technology and Management«.
Die indische Mittelklasse wächst rapide, und sie zeigt gerne ihren Reichtum. Das laut Verfassung verbotene Kastensystem funktioniert noch immer, alle meine Gesprächspartner bestätigen das. Auf einem Empfang des deutschen Botschafters erzählt mir die leitende Beamtin, sie habe sieben Hausangestellte (was keineswegs ungewöhnlich ist), aber wenn es darum gehe, Abfall vom Boden aufzuheben oder Schuhe zu putzen, müsse sie das selber tun. Solch unreine Tätigkeiten sind Sache der Unberührbaren.
Es gehört zur Tradition des Nehru-Sozialismus, diese Unterschiede zu bekämpfen. In diesen Tagen tobt ein Streit über die verschärfte Quotenregelung, die per Gesetz an indischen Hochschulen und Colleges gelten wird. Sie soll den Angehörigen niedriger Kasten den Zugang zur Bildung ermöglichen. Die Gegner befürchten einen Niedergang der wissenschaftlichen Qualität. Es scheint so zu sein, dass von Nehrus philanthropischem Sozialismus nicht viel mehr als eine verzweigte Bürokratie übrig geblieben ist, die sich erfolglos gegen den derzeit herrschenden Neoliberalismus stemmt.
Einige Preise aus dem indischen Alltag: Die Hindustan Times kostet umgerechnet zwei Cent; eine 20-minütige Fahrt im Taxi drei Euro, mit der Motorrikscha die Hälfte; der Eintritt in einen der Paläste für Inder 40 Cent, für Ausländer das 15-Fache; eine kleine Mahlzeit drei bis vier Euro; eine gebundene Neuerscheinung knapp sechs Euro; das Zimmer in einem Vier-Sterne-Hotel 120 Euro; das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt 200 Euro. Wenn das Taxi an der roten Ampel hält, klopfen ausgemergelte Frauen mit ihrem Baby auf dem Arm ans Fenster und schreien um Hilfe.
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Die Inder sind stolz auf ihre Tradition religiöser Toleranz. Der Führer, der sich als gläubiger Hindu bekennt und mir die Paläste von Agra zeigt, erläutert die ineinander verschränkten Ornamente der filigranen Marmorgitter, die wie geklöppelte Spitzen aussehen: Sie verbinden muslimische Zeichen mit hinduistischen. Er zeigt mir auch bildliche Darstellungen, die der muslimische Herrscher anfertigen ließ. Das Bilderverbot des Islams galt nicht immer und nicht überall. Im Harem des Königs lebten 300 Frauen. Die muslimischen hatten eine eigene Moschee, die hinduistischen einen Tempel, die christlichen eine Kapelle.
Wahr ist allerdings, dass der letzte Herrscher aus der Zeit der Moguln seine Untertanen zwangsweise zu Muslimen machen wollte. Wahr ist leider auch, dass Indien immer wieder von religiösen Konflikten erschüttert wurde und wird. Zuletzt machte eine Partei hinduistischer Nationalisten von sich reden. Satchidanandan, den ich danach frage, legt Wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um Nationalismus handele. Die indische Nation sei gerade durch die Vielfalt der Sprachen und Religionen bestimmt. Lieber spricht er von Kommunalismus. Seiner Einschätzung nach hat der hinduistische Kommunalismus seinen Höhepunkt überschritten. Er kenne, so sagt er, keinen namhaften rechten Intellektuellen.
Im India Habitat Centre, einem gewaltigen, futuristisch aussehenden Komplex aus Büros, Restaurants, einem Freilufttheater und einem Kongresszentrum, findet das Kitab-Festival statt, eine Begegnung indischer und englischer Autoren, veranstaltet von der Hindustan Times. Bei einer Diskussion über die Rolle des Islams bekennt der Schriftsteller Nadeen Aslam: Hätte ihn jemand vor dem 11. September gefragt, ob er Muslim sei, so hätte er wahrscheinlich mit Nein geantwortet. Fragte ihn aber jetzt jemand, so müsste er mit Ja antworten. Der scheinbare Zwang, sich zu dominanten Identitäten zu bekennen, hat auch in Indien zugenommen – ein Problem, dem sich Amartya Sen in seinem neuen Buch Identity and Violence widmet. Es liegt in Stapeln auf dem Tisch eines Buchhändlers vor dem Sitzungssaal. Sen kämpft gegen diesen Zwang und beleuchtet die Tatsache, dass jeder Mensch durch vielerlei Identitäten bestimmt ist.
Natürlich ist sein Buch auf Englisch geschrieben, wie die meisten der für eine größere Öffentlichkeit gedachten Bücher und Zeitungen Indiens. Die indischen Autoren, die hier auf dem Podium sitzen, haben alle in England studiert. Der prominenteste ist Shashi Tharoor, von dem eben eine vorzügliche Biografie Nehrus erschienen ist (Die Erfindung Indiens, Insel Verlag). Tharoor war Assistent von Kofi Annan und leitet derzeit die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der UN. Er sagt ein paar amüsante und zugleich routinierte Sätze zum Thema Globalisierung. Die ist für Indien kein Problem, sondern eine Chance. Aber mir fällt ein, dass mir vor wenigen Tagen Satchidanandan mit einer gewissen Trauer sagte, für die intellektuelle Öffentlichkeit Indiens existierten die Armen fast nicht.
Auch die indische Literatur, wie sie nicht nur im Ausland, sondern auch in Indien hauptsächlich wahrgenommen wird, ist, ungeachtet aller gegenläufigen Anstrengungen des National Book Trust und der Sahitya Academi, englisch geschriebene Literatur. Die Verlegerin Urvashi Butalia (zubaan books), bekennende Feministin, eine eindrucksvolle Erscheinung mit silbriger Löwenmähne, sagte während einer Diskussion des Kitab-Festivals, diejenigen Autoren, die lediglich in einer der indischen Nationalsprachen schrieben, hätten anhaltende Probleme, über den regionalen Sprachkreis hinaus Bekanntheit zu erringen. Auch Englisch gehöre zu den indischen Sprachen, hatte Nuzhat Hassan gesagt. Wohl wahr. Das Englisch, das meine Gesprächspartner sprachen, klang mir anfangs nicht fremder als Hindi.
An einem frühen Morgen fuhr ich per Taxi zurück zum Flughafen. Da plötzlich, mitten auf der mehrspurigen Ausfallstraße, ging ein Elefant. Nein, keiner aus dem Zirkus. Er trug, langsam und grau und müde, an der Hand seines Führers schwere Lasten, die ich beim Vorbeifahren nicht erkennen konnte. Dass der sanfte Riese eine ganze Fahrspur einnahm, schien völlig einleuchtend, denn er war fast so breit wie ein Lkw. Das schien auch der Fahrer zu denken, denn wider Erwarten hupte er nicht.
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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Herr Greiner schreibt: "Bei einer Diskussion über die Rolle des Islams bekennt der Schriftsteller Nadeen Aslam: Hätte ihn jemand vor dem 11. September gefragt, ob er Muslim sei, so hätte er wahrscheinlich mit Nein geantwortet. Fragte ihn aber jetzt jemand, so müsste er mit Ja antworten. Der scheinbare Zwang, sich zu dominanten Identitäten zu bekennen, hat auch in Indien zugenommen"
- Herr Aslam ist aber mitnichten Inder, sondern Brite mit pakistanischen Eltern.
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