Indien In BabylonSeite 4/4
Wahr ist allerdings, dass der letzte Herrscher aus der Zeit der Moguln seine Untertanen zwangsweise zu Muslimen machen wollte. Wahr ist leider auch, dass Indien immer wieder von religiösen Konflikten erschüttert wurde und wird. Zuletzt machte eine Partei hinduistischer Nationalisten von sich reden. Satchidanandan, den ich danach frage, legt Wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um Nationalismus handele. Die indische Nation sei gerade durch die Vielfalt der Sprachen und Religionen bestimmt. Lieber spricht er von Kommunalismus. Seiner Einschätzung nach hat der hinduistische Kommunalismus seinen Höhepunkt überschritten. Er kenne, so sagt er, keinen namhaften rechten Intellektuellen.
Im India Habitat Centre, einem gewaltigen, futuristisch aussehenden Komplex aus Büros, Restaurants, einem Freilufttheater und einem Kongresszentrum, findet das Kitab-Festival statt, eine Begegnung indischer und englischer Autoren, veranstaltet von der Hindustan Times. Bei einer Diskussion über die Rolle des Islams bekennt der Schriftsteller Nadeen Aslam: Hätte ihn jemand vor dem 11. September gefragt, ob er Muslim sei, so hätte er wahrscheinlich mit Nein geantwortet. Fragte ihn aber jetzt jemand, so müsste er mit Ja antworten. Der scheinbare Zwang, sich zu dominanten Identitäten zu bekennen, hat auch in Indien zugenommen – ein Problem, dem sich Amartya Sen in seinem neuen Buch Identity and Violence widmet. Es liegt in Stapeln auf dem Tisch eines Buchhändlers vor dem Sitzungssaal. Sen kämpft gegen diesen Zwang und beleuchtet die Tatsache, dass jeder Mensch durch vielerlei Identitäten bestimmt ist.
Natürlich ist sein Buch auf Englisch geschrieben, wie die meisten der für eine größere Öffentlichkeit gedachten Bücher und Zeitungen Indiens. Die indischen Autoren, die hier auf dem Podium sitzen, haben alle in England studiert. Der prominenteste ist Shashi Tharoor, von dem eben eine vorzügliche Biografie Nehrus erschienen ist (Die Erfindung Indiens, Insel Verlag). Tharoor war Assistent von Kofi Annan und leitet derzeit die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der UN. Er sagt ein paar amüsante und zugleich routinierte Sätze zum Thema Globalisierung. Die ist für Indien kein Problem, sondern eine Chance. Aber mir fällt ein, dass mir vor wenigen Tagen Satchidanandan mit einer gewissen Trauer sagte, für die intellektuelle Öffentlichkeit Indiens existierten die Armen fast nicht.
Auch die indische Literatur, wie sie nicht nur im Ausland, sondern auch in Indien hauptsächlich wahrgenommen wird, ist, ungeachtet aller gegenläufigen Anstrengungen des National Book Trust und der Sahitya Academi, englisch geschriebene Literatur. Die Verlegerin Urvashi Butalia (zubaan books), bekennende Feministin, eine eindrucksvolle Erscheinung mit silbriger Löwenmähne, sagte während einer Diskussion des Kitab-Festivals, diejenigen Autoren, die lediglich in einer der indischen Nationalsprachen schrieben, hätten anhaltende Probleme, über den regionalen Sprachkreis hinaus Bekanntheit zu erringen. Auch Englisch gehöre zu den indischen Sprachen, hatte Nuzhat Hassan gesagt. Wohl wahr. Das Englisch, das meine Gesprächspartner sprachen, klang mir anfangs nicht fremder als Hindi.
An einem frühen Morgen fuhr ich per Taxi zurück zum Flughafen. Da plötzlich, mitten auf der mehrspurigen Ausfallstraße, ging ein Elefant. Nein, keiner aus dem Zirkus. Er trug, langsam und grau und müde, an der Hand seines Führers schwere Lasten, die ich beim Vorbeifahren nicht erkennen konnte. Dass der sanfte Riese eine ganze Fahrspur einnahm, schien völlig einleuchtend, denn er war fast so breit wie ein Lkw. Das schien auch der Fahrer zu denken, denn wider Erwarten hupte er nicht.
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Herr Greiner schreibt: "Bei einer Diskussion über die Rolle des Islams bekennt der Schriftsteller Nadeen Aslam: Hätte ihn jemand vor dem 11. September gefragt, ob er Muslim sei, so hätte er wahrscheinlich mit Nein geantwortet. Fragte ihn aber jetzt jemand, so müsste er mit Ja antworten. Der scheinbare Zwang, sich zu dominanten Identitäten zu bekennen, hat auch in Indien zugenommen"
- Herr Aslam ist aber mitnichten Inder, sondern Brite mit pakistanischen Eltern.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren