Zu viel des Guten ist bekanntlich ein Problem. Fünf neue Bücher des literarischen Weltstars Haruki Murakami allein in einem Jahr. After dark und die Erzählung Tony Takitani im vergangen Herbst, Letztere auch verfilmt im Kino, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt sowie der Erzählungsband Frosch rettet Tokyo in diesem Frühjahr. Im Herbst folgt der Roman Blinde Weide, schlafende Frauen. Wem dient diese plötzliche Murakami-Überwältigung – zumal die beiden soeben erschienenen Bücher Wiederveröffentlichungen sind? Die Antwort des DuMont Verlages: Hardboiled Wonderland sei vielleicht das beste Buch Murakamis. Und es stimmt. Mit dem Wunderland liegt ein Herzstück der Romanwelt des Haruki Murakami vor. Von ihm aus lassen sich die anderen Romane und Erzählungen besser verstehen. Vor allem der Das Ende der Welt betitelte Romanteil bietet die gnostische Gegenwelt, die den geheimen Fluchtpunkt aller Murakami-Bücher bildet, zeigt anschaulich, wie diese aussieht: den dunklen Uhrenturm ohne Zeitangabe, die Bibliothek aus Tierschädeln, das Fell der Einhörner im Dämmerlicht und was es frisst, dieses eingebildete "Tier, das es nicht gibt" (Rilke).

Die beiden Romanteile wechseln sich kapitelweise ab. Sie sind jeweils anders gesetzt und entfalten zwei verschiedene Welten. Im Wonderland- Teil folgen wir in spannenden Handlungsbögen einem typischen Murakami-Helden durch eine Folge bizarrer Szenerien: Ein Blade Runner- Setting verwandelt sich in ein Indiana Jones- Spektakel, das in ein postmodernes Tokyo-Single-Leben übergeht. Ununterbrochen werden Filmerinnerungen aufgerufen, Musikstücke dazu und gelegentliche Literaturanklänge. Ähnlich bunt ist die Genremischung: Science-Fiction, Wissenschaftsthriller, Horror, Fantasy und Film-noir-Klischees lösen sich ab. Und der typische Murakami-Held ist immer eine Durchschnittserscheinung, was Körpergröße, Aussehen, Sexleben und Lebensansprüche angeht, dabei aber so hart im Nehmen und lässig in der Reaktion, dass er an Sam Spade und Philipp Marlowe erinnert, zwei von Murakami besonders geschätzte Figuren. Entsprechend oft bekommt er Ärger und Prügel, und ein hübsches Weibchen fällt meist auch dabei ab. Und noch etwas Typisches: Murakami schreibt einfache Sätze, vorwärts treibend, nie verschmockt. Doch seine Plots und Motive sind äußerst verwickelt und vieldeutig.

Der Ich-Erzähler gerät in den Machtkampf zwischen dem "System" und der "Fabrik", den beiden Superinstitutionen, die um die Weltherrschaft kämpfen. Diese wiederum ist eine Frage der Datenverschlüsselung. Man ist hinter einer Art Quellcode der Weltschöpfung her, der sich in einer Spirale von Codierung- und Decodierung versteckt. Da nun alles Geschriebene lesbar ist, alles Verschlüsselte auch entschlüsselbar, kommt ein Professor, "das Genie", auf die Idee, die menschliche Individualität als Black Box für Geheiminformationen zu nutzen, unzugänglich für den Feind – und irgendwann leider auch für den Professor selbst. Diese Black Box nun ist niemand Geringeres als unser Ich-Erzähler, genauer gesagt, das innerste Innen seiner Vorstellungswelt.

Eine Reise in den strahlenden Kern des Ichs

So weit lässt sich die SF-Fantasie auch mit abendländischen Konzeptionen des unvordenklichen Ich oder des Unbewussten verbinden, doch dann wird es japanisch, mit viel buddhistischem Nirwana und einer Beimischung Jungscher Archetypen: In den tiefsten Tiefen des Ego, im "strahlenden Ich-Kern", tut sich eine gänzlich individualitätslose Welt auf, karg, überschaubar, ohne Willen und Begehren, ohne Schatten und Seele und vor allem ohne Erinnerung. Dies ist das Ende der Welt . Und von dieser erzählt der andere, der zweite Teil des Romans, von einer Welt im Stillstand. Murakami bringt das paradoxe Kunststück fertig, uns auch dies spannend zu erzählen. Der Ich-Erzähler vom Ende der Welt – spät begreifen wir, was von Anfang an zu ahnen war, dass es der hartgekochte Held selbst ist –, dieser Ich-Erzähler ist nämlich Novize des Weltendes und hat noch nicht alle Fasern seiner Seele verloren. Deshalb versteht er nur mühsam, was geschieht: warum ihm sein Schatten abgeschnitten und vom grobschlächtigen Wächter in ein dunkles Verlies gesperrt wird, warum er in bleichen Einhornschädeln Träume früherer Individuen lesen muss und warum die Kadaver der traumschönen Tiere jeden Winter in Massen verbrannt werden müssen.

Während sich Held A aus der hard-boiled Welt langsam auf sein Verschwinden in der inneren Matrix vorbereitet, kämpft Held B im niemals endenden Ende der Welt um seine Rückkehr in die bunte Welt begehrlicher Seelen und der Erinnerung. Es ist das reine Zwei-Welten-Konzept: die perfide Schöpfung mit ihren Kämpfen um die göttliche Funktion der Weltkonstruktion hier und die leidenschaftslose jenseitige Welt des Immergleichen dort.

Ein Welt ohne Leidenschaft – wunschloses Unglück