Politisches Buch Kein Gefühl, nirgendsSeite 2/2

Eine Vatersuche vor diesem Hintergrund ist fraglos schwierig. Da stehen Liebes-Sehnsucht und Wahrheits-Suche einander gegenüber, das Wissen-Wollen und Nicht-wissen-Wollen. Es gehört Mut dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen, die Last des Erbes zu erkennen, die übertragenen Schuldgefühle. Ute Scheub glaubt allerdings sogar, einen »Auftrag« zu haben. »Vielleicht dieses Buch?«, fragt sie. Und der Leser beginnt sich ein wenig zu fürchten.

Dabei ist alles verständlich, die Qual nachvollziehbar. Und doch wird man so überschüttet von der Seelennot der Autorin, dass für den Leser kaum noch Raum bleibt für Mitgefühl. Ein wenig mehr kühle Analyse – und der Bericht wäre beklemmender geraten. Ein wenig mehr Selbst-Therapie vorab – und das Buch wäre klarer, eindringlicher geworden. Und es wären einem gewiss auch manche Wut-, Hass- und Sprachausbrüche der Autorin erspart geblieben. »Wuuurghxx! Ich möchte am liebsten laut kreischen. Eine Krähe flattert vor mir in die Höhe…«

Ganz kann sie sich bis zum Schluss nicht entscheiden, was oder wer der Vater nun war. Wie unbeugsam er blieb. Immer wieder schreibt sie, dass er gewiss auch Ekel gespürt habe vor den eigenen Taten, dass sein Suizid vielleicht eine »Art Gerichtsurteil gegen ihn selbst« gewesen sei, dass er aus Reue zum Pazifisten wurde; sie glaubt an seine »nie formulierten Schuldgefühle«, will daran glauben, muss es vielleicht tun, um sich endlich mit diesem Vater versöhnen zu können.

Ein nicht nur gelungenes Buch über den Schmerz der Nachgeborenen. Und doch ist es gut, dass Ute Scheub es geschrieben hat. Denn die Folgen der nationalsozialistischen Taten gehören noch lange nicht der Vergangenheit an.

Das falsche LebenPolitisches BuchEine VatersucheUte ScheubBuchPiper Verlag2006München18,90291
 
Leser-Kommentare
  1. Ihr Vater hat sich das Leben genommen, weil er die Niederlage Deutschlands nicht ertragen konnte. Und das Geschwätz der Besserwisser, die auch keine Antwort darauf haben, wie sich Deutschland denn bitte schön ohne Krieg gegen die Staaten des Versailer Vertrages hätte behaupten sollen.

    Er grüsst die SS-Kammeraden und schluckt Zyankali, wie kann man den dahinein Schuldgefühle interpretieren? Selbst wenn sie noch so links ist, muss sie doch erkennen, dass ihr Vater zeitlebens überzeugt war, das Richtige zu tun.

  2. Wo bleibt ein Gefuehl der Dankbarkeit fuer den Vater? Nicht alles ist Dunkelheit genau wie es nicht nur Licht geben kann. Was suchte sie wirkich, welchen Ausgangspunkt nahm die Autorin bevor sie sich entschloss ueber ihren Vater zu schreiben? Da sind einige Fragen offen.
    Freundliche Gruesse!

  3. Man sollte die Geschichte der Scheub realistisch sehen und nicht etwas hineininterpretieren, um sie aufzuwerten.

    Erstens lassen sich diese "schwierigen Suchen" nach Nazivaetern, "die Aufarbeitung einer schmerzlichen Vergangenheit", das " Ringen um Wahrheit" und andere Gefuehlsduselein selbst 60 Jahre nach Kriegsende immer noch gut verkaufen, vor allem, wenn einer journalistisch taetig und bekannt ist. Ich bin mir sicher, dass eine solche Geschichte, von einer biederen Hausfrau geschrieben, nicht gedruckt worden waere. Es handelt sich hier also wohl mehr um ein geschicktes Marketing.

    Auf der anderen Seite ist kaum nachzuvollziehen, dass Fr. Scheub 37 (!) Jahre nach dem Tod des Vaters auf dem Dachboden ploetzlich Kartons mit genau den Unterlagen ( Feldpostkarten.... ) findet, die dem Schreiben des Buches dienlich waren.

    Ich habe meinen Vater und Onkel als Offiziere in Russland verloren und war 7 als der Krieg zu Ende war. Unsere Familie hat ihren "Nazi"-Vaetern immer ein ehrenvolles Andenken bewahrt, ohne ihr Verhalten zu rechtfertigen oder beschoenigen. Wir haben stets gewusst und verstanden, dass sie ihr Bestes gegeben hatten. Dass in einem Buch zusammen zu fassen, war nicht noetig. Das war unsere Privatangelegnheit.

  4. @guderjan: Sie haben recht. An dieser Geschichte stimmt einiges nicht. Zum Beispiel nicht, dass ein "Nazi-Vater" oder eine ex Nazi- Groesse 25 Jahre nach Kriegsende Selbstmord begeht, weil er die Schmach der Niederlage nicht mehr ertraegt. Sowas macht man entweder kurz vor oder kurz nach einem verlorenen Krieg. Bei dem guten Mann muessen andere seelische Probleme vorgelegen haben.

    • leosch
    • 08.05.2006 um 14:21 Uhr

    Also erstens sind mir ihre Beitraege suspekt:

    @guderjan "Und das Geschwätz der Besserwisser, die auch keine Antwort darauf haben, wie sich Deutschland denn bitte schön ohne Krieg gegen die Staaten des Versailer Vertrages hätte behaupten sollen."

    Wie, alle anderen sind schuld? Ich hoffe, dieser Beitrag kommt aus dem rechten Eck, dann mueeste ich jetzt nicht anfangen, ueber vergebene Muehe in der deutschen (und oesterreichsichen) Aufarbeitung zu reden.

    @marypastor "Unsere Familie hat ihren "Nazi"-Vaetern immer ein ehrenvolles Andenken bewahrt, ohne ihr Verhalten zu rechtfertigen oder beschoenigen. Wir haben stets gewusst und verstanden, dass sie ihr Bestes gegeben hatten."

    Also, auch hier bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll: Ehrenvoll und das beste gegeben, aber nicht beschoenigt...

    Wahrscheinlich ist dieser Artikel einfach noch nicht oft genug gelesen worden, um die Mehrheit der Zeit Leser zu hochwertigen Meldungen zu bewegen.

    Wie auch immer, ich interessiere mich schon fuer dieses Buch. Bis jetzt hat mich noch keines dieser "Wer war mein Vater - Aufarbeitungs - Buecher restlos ueberzeugen koennen.

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