Politisches Buch

Kein Gefühl, nirgends

Ute Scheub hat sich auf die schwierige Suche nach ihrem Nazi-Vater begeben, der sich 1969 auf spektakuläre Weise das Leben nahm

Es geschah auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart 1969. Günter Grass hatte gerade aus einer noch unveröffentlichten Novelle gelesen, in der er sich kritisch äußerte gegen ritualisierten Protest, als ein Mann aufstand und viele wirre Sätze sagte über unbedingte Treue und selbstlose Opfer und darüber, dass er sich im Stich gelassen fühle. Ein Unerhörter, der sich endlich Gehör verschaffen wollte. Ein Ungeborgener in der Welt, der selbst in der Kirche nicht fand, worin er einst so geschwelgt hatte: Gemeinschaft. Im letzten Satz seiner Suada voller »Wortschutt«, wie Grass es später nennen wird, rief er seinen SSKameraden einen Gruß zu. Und fiel kurze Zeit später zu Boden. Ein Schwächeanfall – so die Vermutung. Tatsächlich hatte der Mann Zyankali genommen. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Manfred Augst nennt Günter Grass den Mann, der Zettel knüllt und Sätze verheddert, bevor er sich öffentlich tötet. Von ihm berichtet er in seinem Buch Aus dem Tagebuch einer Schnecke. Augst ist 56 Jahre alt, als er stirbt, Apotheker, verheiratet, Vater von vier Kindern. »Es war die Krankheit«, sagt Frau Augst dem Dichter, als er sie in Tübingen besucht. »Wir haben alles versucht, aber er trübte sich immer mehr ein.«

Auch Ute Scheub nennt diesen Mann Manfred Augst. Als brauche sie den erdachten Namen, den der Dichter dem Fremden gab, um sich dem ihr nur allzu Vertrauten nähern zu können – der Selbstmörder war ihr Vater. Als er sich umbrachte, war sie 13 Jahre alt. Und offenbar keine Sekunde lang traurig darüber, dass es ihn nun nicht mehr gab. Im Gegenteil – endlich war die Familie den freudlosen Peiniger los. Es ging ihr besser ohne ihn. Gleich nach dem Abitur stürzt die junge Frau sich ins so genannte wilde Leben in Berlin; die Flucht aus Tübingen ist auch eine Flucht vor dem Vater. Mit dem Nationalsozialismus beschäftigt sich die Studentin so wenig wie möglich.

35 Jahre nach der spektakulären Selbsttötung findet Ute Scheub, die inzwischen Journalistin geworden ist, unter anderem die taz mitbegründet hat, auf den Dachboden des elterlichen Hauses Feldpostbriefe, Manuskripte, Notizen ihres Vaters. Eine ganze Kiste voll. Sie hat von den Unterlagen nichts gewusst, vielleicht nichts wissen wollen – jetzt kann sie nicht mehr umhin, sich mit ihnen zu beschäftigen. Und beginnt, voller Angst und Abwehr, darin zu lesen. Wer möchte schon gern mehr herausfinden über einen Mann, der im Selbstmord die Kameraden von der SS grüßt und der eigene Vater war. Ihn nicht gemocht zu haben ist eine Sache – aber womöglich einen Verbrecher zu finden eine ganz andere.

Lange Zeit hatte sie sich so verhalten, »als ob er das Sandförmchen sei und ich seine Negativform«. Er war rechts, also wurde sie links; er war autoritär, also wurde sie antiautoritär; er war Nationalist, also wurde sie Internationalistin. Jetzt ist es an der Zeit, eine eigene Person zu werden. Den Vater zu erkennen, um sich lösen zu können. Es ist ein langer, schmerzlicher Weg, den die Autorin geht. Sie quält sich durch seine Schriften, durch sein Leben – sichtet Unterlagen in Archiven, liest die einschlägige Literatur. Stellt kluge Fragen über politische, soziale und psychische Voraussetzungen für den Verlust der Menschlichkeit, über die Auswirkungen der Taten auf die Nachfahren der Täter und die Frage, wie man umgehen kann mit Schuld. Wären Wahrheitskommissionen, wie es sie in Südafrika gibt, auch für uns ein Weg gewesen, die Vergangenheit in uns aufzunehmen, statt sie zu verdrängen?

Sie beschreibt die immer wieder erschreckenden deutschen Erziehungsmaximen: »Härte zeigen, zu Härte erziehen«. Ein Junge weint nicht, ein Junge zeigt keine Angst und kennt keinen Schmerz. Aus Härte entsteht kein Gefühl für sich und somit auch keines für andere. Es gibt eine aufschlussreiche Szene, als die verwaiste Familie den Vater des Vaters besucht. Über den Toten kein Wort. Kein Gefühl, nirgends. Man spricht über den Nusskuchen und darüber, dass die Nüsse aus dem Garten kommen.

Als Ute Scheub im Laufe ihrer Recherchen eine Verwandte ihres Vaters aufsucht, findet sie an der Wand den Spruch: »Lerne schweigen ohne zu platzen.« 1933 tritt Manfred Augst in die SS ein. Er studiert Rassenkunde und Anthroplogie in Jena und wohnt in einem straff geführten SS-Mannschaftshaus. »Ich wollte dienen und für mich selber nichts als ein menschliches Genügen finden.« Ein Mitläufer, ein Mitmacher. Und dann die Kränkung: Die Waffen-SS will ihn nicht, weil er eine Brille trägt. Er kämpft im Afrika-Korps, später in Italien. »Der Dienst macht mir Freude«, schreibt er an seine Eltern. Die große Karriere hat er nicht gemacht. Zum Glück nicht. Vielleicht wäre ein großer Mörder geworden aus ihm. Seine »Zerstörungslust« hat er später an der Familie ausgelassen.

Eine Vatersuche vor diesem Hintergrund ist fraglos schwierig. Da stehen Liebes-Sehnsucht und Wahrheits-Suche einander gegenüber, das Wissen-Wollen und Nicht-wissen-Wollen. Es gehört Mut dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen, die Last des Erbes zu erkennen, die übertragenen Schuldgefühle. Ute Scheub glaubt allerdings sogar, einen »Auftrag« zu haben. »Vielleicht dieses Buch?«, fragt sie. Und der Leser beginnt sich ein wenig zu fürchten.

Dabei ist alles verständlich, die Qual nachvollziehbar. Und doch wird man so überschüttet von der Seelennot der Autorin, dass für den Leser kaum noch Raum bleibt für Mitgefühl. Ein wenig mehr kühle Analyse – und der Bericht wäre beklemmender geraten. Ein wenig mehr Selbst-Therapie vorab – und das Buch wäre klarer, eindringlicher geworden. Und es wären einem gewiss auch manche Wut-, Hass- und Sprachausbrüche der Autorin erspart geblieben. »Wuuurghxx! Ich möchte am liebsten laut kreischen. Eine Krähe flattert vor mir in die Höhe…«

Ganz kann sie sich bis zum Schluss nicht entscheiden, was oder wer der Vater nun war. Wie unbeugsam er blieb. Immer wieder schreibt sie, dass er gewiss auch Ekel gespürt habe vor den eigenen Taten, dass sein Suizid vielleicht eine »Art Gerichtsurteil gegen ihn selbst« gewesen sei, dass er aus Reue zum Pazifisten wurde; sie glaubt an seine »nie formulierten Schuldgefühle«, will daran glauben, muss es vielleicht tun, um sich endlich mit diesem Vater versöhnen zu können.

Ein nicht nur gelungenes Buch über den Schmerz der Nachgeborenen. Und doch ist es gut, dass Ute Scheub es geschrieben hat. Denn die Folgen der nationalsozialistischen Taten gehören noch lange nicht der Vergangenheit an.

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. Ihr Vater hat sich das Leben genommen, weil er die Niederlage Deutschlands nicht ertragen konnte. Und das Geschwätz der Besserwisser, die auch keine Antwort darauf haben, wie sich Deutschland denn bitte schön ohne Krieg gegen die Staaten des Versailer Vertrages hätte behaupten sollen.

    Er grüsst die SS-Kammeraden und schluckt Zyankali, wie kann man den dahinein Schuldgefühle interpretieren? Selbst wenn sie noch so links ist, muss sie doch erkennen, dass ihr Vater zeitlebens überzeugt war, das Richtige zu tun.

  2. Wo bleibt ein Gefuehl der Dankbarkeit fuer den Vater? Nicht alles ist Dunkelheit genau wie es nicht nur Licht geben kann. Was suchte sie wirkich, welchen Ausgangspunkt nahm die Autorin bevor sie sich entschloss ueber ihren Vater zu schreiben? Da sind einige Fragen offen.
    Freundliche Gruesse!

  3. Man sollte die Geschichte der Scheub realistisch sehen und nicht etwas hineininterpretieren, um sie aufzuwerten.

    Erstens lassen sich diese "schwierigen Suchen" nach Nazivaetern, "die Aufarbeitung einer schmerzlichen Vergangenheit", das " Ringen um Wahrheit" und andere Gefuehlsduselein selbst 60 Jahre nach Kriegsende immer noch gut verkaufen, vor allem, wenn einer journalistisch taetig und bekannt ist. Ich bin mir sicher, dass eine solche Geschichte, von einer biederen Hausfrau geschrieben, nicht gedruckt worden waere. Es handelt sich hier also wohl mehr um ein geschicktes Marketing.

    Auf der anderen Seite ist kaum nachzuvollziehen, dass Fr. Scheub 37 (!) Jahre nach dem Tod des Vaters auf dem Dachboden ploetzlich Kartons mit genau den Unterlagen ( Feldpostkarten.... ) findet, die dem Schreiben des Buches dienlich waren.

    Ich habe meinen Vater und Onkel als Offiziere in Russland verloren und war 7 als der Krieg zu Ende war. Unsere Familie hat ihren "Nazi"-Vaetern immer ein ehrenvolles Andenken bewahrt, ohne ihr Verhalten zu rechtfertigen oder beschoenigen. Wir haben stets gewusst und verstanden, dass sie ihr Bestes gegeben hatten. Dass in einem Buch zusammen zu fassen, war nicht noetig. Das war unsere Privatangelegnheit.

  4. @guderjan: Sie haben recht. An dieser Geschichte stimmt einiges nicht. Zum Beispiel nicht, dass ein "Nazi-Vater" oder eine ex Nazi- Groesse 25 Jahre nach Kriegsende Selbstmord begeht, weil er die Schmach der Niederlage nicht mehr ertraegt. Sowas macht man entweder kurz vor oder kurz nach einem verlorenen Krieg. Bei dem guten Mann muessen andere seelische Probleme vorgelegen haben.

    • 08.05.2006 um 14:21 Uhr
    • leosch

    Also erstens sind mir ihre Beitraege suspekt:

    @guderjan "Und das Geschwätz der Besserwisser, die auch keine Antwort darauf haben, wie sich Deutschland denn bitte schön ohne Krieg gegen die Staaten des Versailer Vertrages hätte behaupten sollen."

    Wie, alle anderen sind schuld? Ich hoffe, dieser Beitrag kommt aus dem rechten Eck, dann mueeste ich jetzt nicht anfangen, ueber vergebene Muehe in der deutschen (und oesterreichsichen) Aufarbeitung zu reden.

    @marypastor "Unsere Familie hat ihren "Nazi"-Vaetern immer ein ehrenvolles Andenken bewahrt, ohne ihr Verhalten zu rechtfertigen oder beschoenigen. Wir haben stets gewusst und verstanden, dass sie ihr Bestes gegeben hatten."

    Also, auch hier bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll: Ehrenvoll und das beste gegeben, aber nicht beschoenigt...

    Wahrscheinlich ist dieser Artikel einfach noch nicht oft genug gelesen worden, um die Mehrheit der Zeit Leser zu hochwertigen Meldungen zu bewegen.

    Wie auch immer, ich interessiere mich schon fuer dieses Buch. Bis jetzt hat mich noch keines dieser "Wer war mein Vater - Aufarbeitungs - Buecher restlos ueberzeugen koennen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Gabriele von Arnim
  • Datum
  • Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
  • Kommentare 5
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Staat | | | | | Innenpolitik | | | | |
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service