Potsdam Befremdliches Land
Ein deutscher Wissenschaftler mit dunkler Hautfarbe liegt im Koma – die Osternacht von Potsdam wirft ebenso viele Rätsel auf wie die Debatte danach
Potsdam
Der Präsident des Deutschen Bundestages war im Osten unterwegs, in den neuen Ländern. Um sich selbst ein Bild zu machen von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Ein Mann war angegriffen worden. Seit zwanzig Jahren lebte er in diesem Land. Er hatte seine Frau hier kennen gelernt, und seine Kinder waren hier zur Welt gekommen. Nach jeder sinnvollen Definition des Begriffes war er hier zu Hause. In den Augen seiner ostdeutschen Angreifer musste er immer ein Fremder bleiben. Er war schwarz. Der Präsident sagte, er sei dagegen, den Blick nur auf den Osten zu richten. Es handele sich hier um ein gesamtdeutsches Problem. Aber was er sah, war bedrückend. So viel Hass. Er kam nicht umhin festzustellen: »Der Unterschied ist schon gravierend, nicht nur quantitativ. Der Rechtsextremismus im Osten ist direkter, brutaler, spontaner. Und er ist weniger gebunden an rechtsextreme Parteien. Er ist – das ist das eigentlich Bedrohliche – zum Moment einer Alltagskultur geworden.« Ein Reporter fragte ihn, ob er das Gefühl gehabt habe, in einem fremden Land gewesen zu sein. Da sagte Wolfgang Thierse: »In einem befremdlichen Land, ja.« Das ist sechs Jahre her.
Hat man ähnlich klare Worte gehört in den vergangenen Tagen? Von irgendeinem machthabenden Politiker? Nun, da in einem Potsdamer Krankenhaus ein deutscher Wissenschaftler äthiopischer Herkunft im Koma liegt, dem ein Teil der Schädeldecke fehlt. Die Ärzte sagen, er werde eine Lungenentzündung bekommen, weil er Erbrochenes eingeatmet habe. Also ist zu befürchten, dass dieser Mann sterben wird. Er lebte seit 19 Jahren hier. Hatte hier geheiratet, Kinder bekommen. Er befand sich mitten in der Promotion, Leibniz-Institut für Agrartechnik in Potsdam-Bornim, Abteilung Technik im Gartenbau, Thema der Doktorarbeit: »Entwicklung von Waschdüsen für eine effizientere Wäsche von Gemüse und Speisekartoffeln«. Es geht darum, Wasser zu sparen.
Unmissverständliche, eindeutige Worte, so wie Thierse sie im Jahr 2000 nach dem Mord an einem Mosambikaner in Dessau fand, kamen aus den für Sicherheit und Ordnung zuständigen Innenbehörden nicht, nicht aus dem Bundeskanzleramt und nicht aus dem Bundestag. Die Politiker der Union wanden sich. »Mir liegt daran, dass dieser Fall schnell aufgeklärt wird, dass vor allen Dingen auch Schuldige gefunden werden und dass wir insgesamt sehr deutlich machen, dass wir Fremdenfeindlichkeit, Gewalt – rechtsradikale Gewalt genauso wie alle andere Gewalt – aufs äußerste verurteilen und dass dieses nicht das ist, was die absolute Mehrheit der Bevölkerung möchte«, umständelte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Inhaltlich ähnlich unscharf, nur in den Worten präziser formulierte Wolfgang Schäuble: »Wir müssen jede Form von Extremismus, von Gewalttätigkeit, Fremdenhass bekämpfen.« Und Jörg Schönbohm kam es vor allem darauf an festzustellen: »Brandenburg ist kein braunes Land.«
Da war überall wieder dieses tiefe Bedürfnis nach Abwiegeln, Relativieren und Wegsehen zu spüren. Am deutlichsten brach das in einem Radiointerview aus dem Bundesinnenminister heraus, es war live, die Worte entglitten ihm, er konnte sie nicht mehr einfangen: »Es werden auch blonde blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Das ist auch nicht besser.« Die Entrüstung im Land war groß. Nur die Union, sie schwieg über die eigentümlichen Assoziationen des Präsidiumsmitglieds Schäuble. Was hatte da aus dem Innenminister gesprochen? Ironie? Oder Rassismus? Oder Freud? Oder ein bisschen von allem? Denn von Straftaten, die Ausländer gegen Inländer begehen, hört man allerhand. Aber dass diese einer verbreiteten rassistischen Weltsicht entsprängen, hat man noch nie gehört. Und das macht, anders als Schäuble insinuiert, einen erheblichen Unterschied. Weil das, was man in Amerika ein hate crime nennt, ein Verbrechen aus rassistischem Hass, eben eine besondere Form der Straftat ist. Darum hat auch Generalbundesanwalt Kay Nehm die Ermittlungen an sich gezogen, der nach dem Gesetz immer dann zuständig ist, wenn eine Tat »bestimmt und geeignet ist, die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen«. Weiß der Jurist Schäuble das nicht?
So wirft die Debatte über die Ereignisse der Potsdamer Osternacht nicht weniger Rätsel auf als die Ereignisse selbst. Es ist ja noch unklar, was da geschah, vor dem Bahnhof Charlottenhof, in der Zeppelinstraße, unweit des Parks von Sanssouci: ein Besuch in der nahe gelegenen Discothek, ein Nachtbusfahrer, der 19,50 Euro in Münzen herausgeben wollte, ein Anrufbeantworter, auf dem die Worte »dreckiger Nigger« zu hören sind, ein Taxifahrer, der zwei Männer sah, die sich über einen am Boden Liegenden beugten, ein blutendes Opfer mit einem Blutalkoholwert von 2,08 Promille, eine schwere Schädelverletzung über dem Auge, mit Quetschung des Hirns, verursacht durch einen Schlag oder durch einen Sturz, DNA-Spuren an einer Bierflasche, zwei Tatverdächtige mit kurz geschorenen Haaren, die als Alibis Aussagen ihrer Mütter vorweisen… Viele lose Enden. Aber nicht mehr, als in solchen Kriminalfälle üblich. Polizei und Gericht werden das klären – mit großer Zuverlässigkeit.
Und in gewisser – trauriger – Weise tut das auch die Politik. Es herrscht, wenn es darum geht, was das Fremde ist und was das Eigene, wie man mit Ausländern umzugehen hat und wie mit Inländern, unter der CDU-Kanzlerin Merkel schon ein anderer Ton als unter ihrem Vorgänger von der SPD. Ist es Zufall, dass die CDU die schlichte Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, über Jahre geleugnet hat und dass sie auch heute noch Mühe hat, es auszusprechen: Einwanderungsland? Ist es Zufall, dass das Ja zur Einwanderung in Reden von Unionspolitikern immer ganz kurz ist, dem Aber hingegen viel Platz und Sorgfalt eingeräumt wird? Jörg Schönbohm freilich hatte noch einen anderen Grund, die Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft zu kritisieren: Fußball. »Ich wollte verhindern, dass das Land Brandenburg unmittelbar vor der Fußballweltmeisterschaft in ein schlechtes Licht gerückt wird.« Wenn der Leitsatz: »Die Welt zu Gast bei Freunden« einen zynischen Beigeschmack erhielte, wäre das für Land und Team und Sponsoren katastrophal. Schon wollen Bürgerrechtsgruppen Warnzettel an farbige WM-Teilnehmer verteilen, in denen über lebensgefährliche Gebiete im Osten Deutschlands aufgeklärt wird.
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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Da werden sie wohl die "Junge Freiheit" abonieren müssen, denn da ist der Artikel her. Schade, dass das nicht kenntlich gemacht wurde, die Autorin dieses tollen Artikels hat es auf jeden Fall verdient.
Dies ist ein schoener Artikel, ich verstehe die Deutschtuemmelei der Kommentatoren hier jedoch nicht.
Bei aller berechtigten Kritik an der ZEIT wollen wir nicht vergessen, dass diese Zeitung den Mut hat, dieses Forum nahezu unzensiert zuzulassen.
Wobei man schwermütig wird zugeben zu müssen, dass die unzensierte Wahrheit Mut erfordert.
Trotzdem nochmal Dank an die Redaktion der ZEIT.
Das US-Ami-Kauderwelsch des leider unvergeßlichen Disk-Jockeys Mel Sondock (WDR, ca. 1977) kam mir unwillkürlich in den Sinn, als ich die Bilder der beiden grotesk vermummten (und gewiß auch) mutmaßlichen Täter des Überfalls auf den Äthiopier in den Medien sah.
Ich schätze, die Sache lief in Potsdam ungefähr so ab:
Zwei Türsteher-Typen aus der mehr oder weniger rechten Szene (ist ja zum Glück nicht verboten in Wessiland) kommen ziemlich angesoffen vom Dienst oder sonstwo her.
Sie unterhalten sich über dies und das, als sie plötzlich auf jenen Doktoranden aus Äthiopien treffen, der gerade vorhin in ihrer Disco noch ziemlichen Ärger gemacht hat.
Die beiden gehen ziemlich angefressen an dem Herrn vorbei und überlegen sich, ob sie ihm nicht eine reinhauen sollen, als dieser zu ihrem Entzücken "Schweinesau" sagt und einen von ihnen "ins Gesäß" tritt (Zitate aus der Weltpresse).
Da die beiden Türsteher nicht wissen, daß "Schweinesau" als Kosewort auf die getrenntlebende deutsche Ehefrau bezogen gewesen ist, drehen sie sich um und hauen dem Doktoranden eine rein.
Ein wenig später landen in Potsdam zwei Hubschrauber. Aus jedem springt eine komplette Anti-Terror-Einheit, fesselt, knebelt und augenbindet die Täter und fliegt die immer noch unter Restalkohol stehenden Potsdamer helikoptermäßig direktemang zu - - - Kay Nehm.
Da hätte ich mir gedacht: "Hey Baby, be dabei!"
"Nicht zu fassen Von FriederGerstenschaum - Der "Nigger" hat "Schweine" gesagt und gehört also nach Meinung eines Teils der erlauchten ZEIT - Leserschaft totgeschlagen."
Niemand gehört totgeschlagen, um das mal festzuhalten. Gewalt jeglicher couleur ist abzulehnen.
Hier ging es darum, die Vorverurteilung der Medien richtig zu stellen und eine gewisse Sensibilität zu schaffen, um nicht einige Menschen gleicher als gleich zu behandeln. Positiver Rassismus würde der Soziologe wohl sagen.
Was du allerdings wohl verpasst hast (oder ignoriert), will ich dir nochmal vor Augen führen.
Stern titelt heute "Opfer soll Übergriff provoziert haben"
http://www.stern.de/polit...
"So zitiert die "Berliner Morgenpost" Zeugen, die gesehen hätten, wie der stark alkoholisierte 37-Jährige einem von zwei vorbeigehenden Männern nach einem kurzen Gespräch einen Tritt ins Gesäß verpasst habe."
Tritt in die Weichteile. Also ich wäre da auch "not amused".
Märkische Allgemeine
http://www.maerkischeallg...
"Als jedoch der alkoholisierte Wissenschaftler (zwei Promille) - der sich zuvor mit seiner Frau gestritten hatte - beim Bezahlen der Fahrkarte mit dem Busfahrer in Streit geriet, setzte dieser den Fahrgast vor die Tür. Ermyas M. hatte sich dem Vernehmen nach heftig darüber erregt, dass der Busfahrer den Geldschein mit einer großen Menge Münzen wechseln wollte."
"Der Tritt wird durch die Zeugenaussage eines vorbeifahrenden Taxifahrers bestätigt. "Schwein" ist auf dem originalen Mailbox-Mitschnitt zu hören."
Und so weiter und so fort, mit news.google.de ist der Eigenrecherche keine Grenzen gesetzt. Anstatt hier zu polemisieren, solltest du dich lansam auf Quellenrecherche begeben und dir ein sachliches Bild über die Sache machen.
"Der 'Nigger' hat", so schreiben Sie, lieber Frieder Gerstenschaum, mit bitterer Ironie, " 'Schweine' gesagt und gehört also nach Meinung eines Teils der erlauchten ZEIT - Leserschaft totgeschlagen..."
Nein, natürlich nicht.
Kein Mensch behauptet das.
Und ich zum wenigsten.
Es geht mir nur auf die Nerven, daß sich alle grünen Gutmenschen wiehernd auf die Schenkel schlagen würden, wenn sie folgende Nachricht lesen würden:
Jamaica. Ein Einwanderer aus Ziesel (Bayrischer Wald) hat im Vollrausch nachts um Vier zwei Rastafari in den Hintern getreten und sie als 'pigs" bezeichnet.
Der Bayer liegt nun mit einem Schädelbruch in der 'No Women No Cry-Clinic' in Rastatown, Jamaica.
Bester Herr Gerstenschaum,
als 'echter Rasta-Mann' ist das bedauernswerte Opfer dieser völlig überflüssigen Gewaltat von einem Teil der deutschen Presse gefeiert worden - wissen Sie eigentlich, welcher abgrundtiefe Rassismus dem Begriff des 'Rastafari'-Wesens innewohnt?
Ich erklär's Ihnen bei Bedarf gerne.
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Bei Ihrem Eugen Prinz
Der "Nigger" hat "Schweine" gesagt und gehört also nach Meinung eines Teils der erlauchten ZEIT - Leserschaft totgeschlagen.
Da redet die Dame der JF von Einheitsverlierer. Sind das etwa durchschnittlich oder gar besser qualifizierte junge Menschen, die zu Aggressivität und Gewalttätigkeit neigen. Nein, es sind Dummbolzen, um es klar zu sagen, dumm und blöd. Ein 50-Jähriger Kollege von mir, der eine dunklen Teint und einen Kinnbart besitzt, wurde von diesen geistigen Eintagsfliegen als Türke beschimpft. Es gibt bestimmte S-Bahnstationen in Berlin, wo man diese Einheitsverlierer, die schlicht und einfach zu faul in der Schule waren, massiert antrifft. Dann machen Sie sich an alle ran, die ihnen irgendwie auffallen. Ob die nun Ausländer sind oder nicht, ist unerheblich. Sie sind dafür verantwortlich, daß sie sich nichts leisten können. Über ihren eigenen Anteil an diesem sich nichts leisten können nachzudenken, wäre ja auch zu anstrengend. Nein, sie sind nicht daran schuld, daß sie in dieser Lage sind. Schuld sind immer die Anderen. Sie sind völlig unschuldig. Das sie im Gehirn ummöbliert sind, die deutsche Sprache anders als stammelnd und grunzend nicht benutzen können, fällt ihnen natürlich nicht auf. Wer soll solche Typen für welche Arbeiten beschäftigen? Die können vielleicht Laub fegen, da war es aber auch schon.
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