Gewalt Nachts in PotsdamSeite 3/3

Tamás Blénessy steht auf der Geschäftsstraße im Stadtzentrum vor dem Döner-Imbiss, wo er vorigen Sommer angegriffen wurde. Er spricht ruhig, fast emotionslos. Hält sich die Erlebnisse vom Leib. Vielleicht denkt er an die Sitzung des städtischen Beirats für Toleranz und Demokratie vor zwei Tagen, in dem auch er Mitglied ist. Einer der Teilnehmer sorgte sich um den Tourismus und forderte »dringend andere Bilder«. Diesem Zweck diene heute die Kundgebung, glaubt Blénessy. Deshalb liefert er selbst auch Bilder. Gegenbilder.

Am 3. Juli 2005 um 1.30 Uhr ist Blénessy mit einem Freund auf dem Nachhauseweg. Die Stadt ist dunkel, verlassen. Die letzte Tram fährt vorbei, plötzlich quietschen Bremsen, jemand hat die Notbremse gezogen. Ein Dutzend junge Leute steigen aus, sie laufen auf Blénessy zu. Ein paar von ihnen kennt er, es sind Rechte. »Da ist ja das linke Zeckenschwein«, brüllt einer. Eine Bierflasche zersplittert auf Blénessys Kopf, er geht zu Boden. Es hagelt Fußtritte, er reißt die Arme vors Gesicht. Eine Frau versucht, mit Stiefeln auf seinen Kopf zu springen. Auch der Freund, ebenfalls ein Student, wird geschlagen. Bevor die Horde von den beiden ablässt, rammt jemand dem Freund eine zerbrochene Flasche ins Gesicht.

Anzeige

Alle Täter wurden gefasst. Sechs der Schläger wurden im März wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt, zu zwei bis fünf Jahren Gefängnis. Blénessy hatte eine Gehirnerschütterung. Den Freund entstellen bis heute tiefe Narben.

»Die Rechten in Potsdam sind völlig enthemmt und bereit zu töten«, sagt Blénessy.

Er läuft zum Luisenplatz. Dort ist eine Bühne aufgebaut. Mehr als tausend Menschen drängen sich davor. Überall stehen Kameras, Übertragungswagen. Ein Anruf auf dem Handy. »Was, tatsächlich?« sagt Blénessy. Am Vorabend sind zwei Männer verhaftet worden, sie sollen Ermyas M. ins Koma geprügelt haben. Sie gehören zur Hooligan-Szene. »Einen kenn’ ich, ein Türsteher, eindeutig ein Rechter.«

Auch der Asylbewerber Enest ist zur Kundgebung gekommen. Er steht am Rand des Platzes, an einer Fußgängerampel, als sei er bereits im Begriff zu gehen. Plötzlich richtet sich eine Kamera auf ihn. Wie es ihm in Potsdam gefalle, will der Reporter wissen. Einen Moment lang bringt Enest kein Wort heraus. Dann sagt er: »Ich habe Angst.« Er sagt es noch einmal und geht über die Straße.

 
Leser-Kommentare
    • nfoo
    • 29.04.2006 um 9:13 Uhr

    ... macht es mittlerweile Krank wie in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen wird! Scheinheiligkeit!

    Es ist absolut richtig das rechte Gewalt wiederlich und zu ächten ist! Faschismus gehört bekämpft! Aber diese beiden Atribute sind nicht ausschließlich weiß, nicht auschließlich Deutsch.

    Hier meine kleine Geschichte:

    Wir lebten - bis wir Kinder auszogen - in einem Sozialwohnhaus. Ich war 16, meine Schwester 15. Wir trafen uns oft im Jugendzentrum. Es wurde natürlich von Jugendlichen Schlägerbanden "belagert". Rassisten. Aber keine Deutschen. Sondern verschiedener Nationalität, aber alle muslimisch. Man rottete sich stehts in riesigen Gruppen zusammen und beging kleine Raubzüge. Man machte keinen Hehl aus dem eigenen Rassismus. Allen Nicht-Moslems wurde stehts deutlich klar gemacht was man von Ihnen hielt.

    Eines Tages hatten sie sich meine Schwester ausgesucht. Wir hatten sie nicht provoziert. Nicht mal mit Ihnen geredet. Wir hatten viel zuviel Angst vor Ihnen. Wir mieden immer sogar den Augenkontakt.
    Sie fingen an sie zu bedrängen, beschimpften sie mit "deutsche Schlampe", "Du bist eine Nutte", "Du deutsche Nutte", daß volle Programm. Dann fingen Sie an unter Ihre Kleider zu gehen, an Ihr Geschlecht. Es waren 15 "Jungen". Ich versuchte dazwischen zu gehen und "bettelte" darum sie in Ruhe zu lassen: "Bitte, lasst Sie doch in Ruhe.".

    Dann kippte das ganze. Sie fingen an meine Schwester und mich zu bespucken und steigerten sich Stuück für Stück immer mehr hinein. Sie fingen an meine Schwester und mich zu schlagen und zu treten - sogar meine Schwester!

    Das ganze ging dann sehr schnell. Ich sagte meiner Schwester sie solle weglaufen und wollte die Schläge auf mich lenken indem ich zurückschlug - das half ihr auch. Aber nicht mir. Alle 15 schlugen mich zusammen. Ich verlore das Bewußtsein und wachte auf der Straße auf der Motorhaube eines Autos auf. Die Fahrerin war geschockt, rief die Polizei. Das war mein "Glück". Die 15 hauten ab.

    Ich mußte ins Krankenhaus. Ich hatte noch mehrere Wochen was davon. Viele der Täter waren - so sagte man mir bei der Polizei - einschlägig bekannt. "Akten bis unter die Decke". Aber eben alles Jugendliche. Nur zwei konnten von Zeugen identifiziert werden. Nur einer wurde bestraft. Sozialstunden und eine "Gegenüberstellung", bei der ich die Gelegenheit haben sollte in zu Fragen warum, wieso, weshalb. Ich habe drauf verzichtet. Ich habe nie etwas davon in der Presse gelesen. Oder je etwas über die Situation bei uns. Wie diese Banden unsere Gegend im Griff hatten. Das ist jetzt zehn Jahre her. Ich lebe immernoch in Düsseldorf. Es ist immernoch so.

    Es gibt in Düsseldorf oft AntiFa Aktionen. An meiner Uni ist die AntiFa recht groß. 20.000 Menschen demonstrierten gegen eine Demo von 300 Nazis. Verdammt richtig so! Ich hasse Nazis ebenso!
    Aber warum macht man das Auge vor nicht-deutscher Gewalt zu? Wir müssen diese Strukturen doch überall bekämpfen! Sie sind genau die gleichen.

    Ich bitte darum das endlich begriffen wird das Rassismus und Faschismus nicht außschließlich weiß, oder deutsch sind. Es gibt Gewalt gegen Deutsche, nur weil sie Deutsch sind; nicht "dazu gehören".

    Wir dürfen unsere Augen nicht schließen. So kann man keine Probleme lösen!

    • plural
    • 28.04.2006 um 20:19 Uhr

    Seltsam sind die veröffentlichten Reaktionen auf Gewalttaten. Opferschutz steht wohl ganz Hinten an bei vielen Politikern und einigen Vertretern der Exekutive. Nun könnten viele aufrechte Konservative zeigen, daß zwischen Koservativismus und dem Gewaltsumpf gegen Deutsche oder auch Nichtdeutsche, die von der Norm, wie diese auch aussehen möge, abweichen, auf keinen Fall ein Zusammenhang besteht. Ich würde mich freuen, wenn das vermeintliche Bündis der Demokraten auch zu einem Bekenntnis zum pluralistischen Staat mit all seinen Konsequenzen führen würde. Aber die veröffentlichten Äußerungen, der letzten Tage seien es Leserbriefe, Kommentare oder Politikeranmerkungen gewesen lassen mich erschaudern.

    • WIHE
    • 04.05.2006 um 13:48 Uhr

    auch als Ausländer mit schwarzer Hautfarbe sollte man irgendwelche Passsanten, auch wenn es Deutsche sind, nicht (schwule?)Schweinesau nennen und in den Arsch treten.

    Zu viel trinken ist auch nicht gut. Die Abstützreflexe leiden, was zu schwersten Verletzungen führen kann.

    Ob der Getretene Deutsche wohl Anzeige wegen eines tätlichen Angrffs einleiten wird?

    Ich würde es nicht tun, der Äthiopier ist mehr als genug gestraft mit seinen Verletzungen, außerdem kann er nicht für die Reaktion der Staatsanwaltschaft.

    • ZyciX
    • 28.04.2006 um 20:22 Uhr

    Nach Di Lorenzos letzten Artikel hatte ich ja die leise Hoffnung, dass die Redaktion der Zeit die Begriffe Differenzierung und Unschuldsvermutung bei Wikipedia nachgeschlagen hat, aber da habe ich mich wohl leider getäuscht.

    • dalini
    • 29.04.2006 um 0:58 Uhr

    Was genau ist an "Alle Täter wurden gefasst. Sechs der Schläger wurden im März wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt, zu zwei bis fünf Jahren Gefängnis." so schwer zu verstehen? Das sind eher Tatsachen, denn Behauptungen und von Unschuld kann da wohl keine Rede sein.
    Es mag sein, das beim letzten Fall, Koma macht halt mehr her, nicht alles so sauber A gegen B gewesen sein mag. Das sollte aber nicht von den älteren, offensichtlich gerichtlich bewiesenen, Vorfällen ablenken, die leider kein so starkes Presseecho fanden.

    • FGAlte
    • 28.04.2006 um 12:20 Uhr

    Es war wohl kein Angriff auf Ermyas M., nach den natürlich unter Verschluß befindlichen Ermittlungsergebnissen. Soweit aus anderen Zeitungen bekannt wurde, war es eher umgekehrt. Aber die Wahrheit ist der "Zeit" ja generell egal, wenn ordentlich Ossi-Bashing betrieben werden kann. Di Lorenzo ist je eh gut dafür bekannt. Wahrscheinlich fühlt er sich dann ein wenig besser. Frage: Wo sind hier denn die eigentlichen Chauvies zu finden?

  1. Ob zwei einzelne Menschen, zwei Gruppen, etc. miteinander auskommen oder nicht, hängt doch eigentlich nur von zwei Faktoren ab: Wie stellen sie sich an (d.h. wie (un)tolerant, wie viel/wenig Respekt, wie viel/wenig Bemühen, den anderen zu verstehen...)

  2. Gibt es nicht ausreichend Gesetze um Straftäter zu verfolgen? Ja es gibt in Deutschland tatsächlich einen latenten Rasissmus. Das habe ich als - blauäugiger, blonder, großer, männlicher - Deutscher tatsächlich erleben müssen. Nämlich, als ich in Berlin mit Ausländern in einem Studentenwohnheim gewohnt habe und mit Ausländern zusammen Kunstprojekte durchgeführt habe. Aber: Es gibt auch Rassismus unter den Ausländern, bzw. zwischen den einzelnen Ausländergruppen. Und es gibt sie tätsächlich: Ausländer die unsere Gesetze missachten. Auch das habe ich hautnah als Bewohner in der Kurfürstenstrasse in Berlin erleben müssen. Ohnmacht angesichts libanesischer Drogendealerbanden. Ich selbst bin mit 20 Jahren gemeinsam mit meiner damaligen Freundin auf einem Berg in Kreata von Kindern fast zu Tode gesteinigt worden. Als Revance für das was die Nazis den Griechen angetan haben. Die erwachsenen Griechen haben aus ihren Häusern zugesehen und gelacht. Wir sind um unser Leben gerannt. Fremdenhass gibt es überall - nicht nur in Deutschland. Brutale, primitive Menschen gibt es auch überall. Aber es gibt auch Strafgesetzte. Und die müssen angewendet werden. Konsequent. In alle Richtungen und gegen ALLE Straftäter. Und wir Deutsche müssen zusehen, dass es bei uns rechtmäßig zugeht. Wir müssen unser eigenes Haus sauber halten. Und wir dürfen den Rassismus hierzulande nicht mit dem Rassismus anderer Länder rechtfertigen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service