PrekariatVon der Boheme zur Unterschicht

Job, Geld, Leben – nichts ist mehr sicher. Eine neue Klasse der Ausgebeuteten begehrt auf: Das Prekariat von T. Groß

Von Gespenstern, die umgehen, ist vorläufig nicht die Rede, wohl aber ist eine Bewegung zu erkennen. In Mailand zeigte sie sich zuerst, in den folgenden Jahren kamen Paris, Genf und Helsinki hinzu. Bald waren es ein Dutzend europäische Städte, im vergangenen Jahr erreichte sie erstmals Hamburg, und für diesen Frühling wird mit einer weiteren sprunghaften Zunahme gerechnet. Das Phänomen lässt sich auf keine bekannte Formel bringen, es kursiert bloß der Name Euro Mayday für die Demonstrationen, die zum 1. Mai in Hamburg und anderswo den gewerkschaftlichen Traditionsumzügen Konkurrenz machen werden. Nicht zufällig allerdings klingt im Namen der traditionelle Funknotruf an.

Uns steht das Wasser bis zum Hals: Mehr Botschaft kennen die Arbeitsproteste des neuen Jahrhunderts auf Anhieb nicht. Die Entwicklung in Frankreich hat gezeigt, dass weder Soziologen noch Politiker vorhersagen können, wo genau sie aufflackert. Fest steht einstweilen bloß das Offensichtliche: Der Protest formiert sich als Reaktion auf die Entsicherung des sozialen Lebens durch befristete Beschäftigung, Minijobs, Dauerpraktika, modernes Tagelöhnerwesen. Aus prekären Arbeitsverhältnissen folgen prekäre Existenzweisen, in Analogie zum Proletariat wurde deshalb schon die Begriffsbildung Prekariat für die neue Form einer ausgebeuteten Klasse vorgeschlagen.

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Prekarisierung, das andere Wort zur Krise, ist aus der beschränkten Öffentlichkeit linker Thesenpapiere und soziologischer Fallstudien inzwischen schon in die Alltagssprache vorgedrungen. Im Umfeld des Euro Mayday finden sich Prekarisierungsforen und -arbeitskreise zu den Themen Kündigungsschutz und Flexibilisierung. Im vergangenen Jahr präsentierten Mailänder Aktivisten auf ihrem Umzug P-Superhelden aus Pappmaché, darunter ein Wesen namens Super Flex. Bei Super Flex hat der Stress der Flexibilisierung zu einer »erfreulichen Mutation seiner Moleküle« geführt, was ihn befähigt, weltweit »mit anderen Superflexiblen zu kommunizieren«. Ein Schutzpatron ist in Italien auch schon ausgerufen worden: der anbetungswürdige San Precario.

San Precario ist ein seltsamer und großzügiger Heiliger, ein Tröster für viele Lebenslagen. Ob er für einen zuständig ist, lässt sich durch simple Selbstbefragung herausfinden. Woher kommt morgen mein Geld? Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Reicht das Geld für den Kita-Platz? Welche Jobs gehen ohne Pass? Was ist, wenn ich krank werde? Wie will ich wohnen? Wie finanziere ich mein Studium, was mache ich danach? Warum denke ich ständig an Arbeit? Weshalb macht der Kerl nicht den Haushalt? Wie will ich leben? Was können kollektive Garantien für ein besseres Leben heute sein? Wer in einem oder mehreren Punkten betroffen ist, darf sich mit der Diagnose anfreunden, prekarisiert zu sein. Doch so einheitlich, wie es scheint, ist die Interessenlage der Unzufriedenen auf den zweiten Blick nicht.

Zunächst einmal ist die Rede von der Prekarisierung alles andere als neu. Bereits Anfang der 1980er taucht der Begriff in der französischen Soziologie auf, als Bezeichnung für saisonale oder temporäre Beschäftigungen. Auch hat es prekäre Arbeitsformen immer gegeben, im globalen Maßstab waren und sind sie bis heute die Regel. Virulent wurde der Prekarisierungsdiskurs erst, als Anne und Marine Rambach in ihrer 2001 erschienenen Streitschrift Les intellos précaires (»Die prekären Intellektuellen«) das Bild einer Intelligenz entwarfen, die mit dem Widerspruch leben muss, bei relativ hohem Sozialstatus immer schlechteren Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu sein – und damit in Frankreich einen Bestseller landeten. Neu an der Debatte sind also nicht ihre Sachverhalte, neu ist die Tatsache, dass diese die urbanen Mittelschichten ergriffen haben.

Der weite Weg, den die gefühlte Prekarität dabei von den Rändern der Gesellschaft her zurücklegen musste, hat seinen Grund ironischerweise in der Erfolgsgeschichte des europäischen Sozialstaats: Vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedroht, das waren jahrzehntelang immer die anderen. Erst seit der Finanznot des Staates diskutiert auch die Mittelschicht über Proletarisierung, Existenzängste oder »stilvolles Verarmen«. Die »Generation Praktikum« hat den Blick auf die immer rasantere Verwandlung garantierter Arbeitsverhältnisse in schlecht oder gar nicht bezahlte Jobs gelenkt – eine Entwicklung, die in Wahrheit die gesamte Gruppe der Freiberufler und Kulturarbeiter betrifft. Dass ihre Erwerbsbiografien in den seltensten Fällen geradlinig verlaufen, haben sie am eigenen Leib erfahren müssen. Weil viele dennoch daran glauben, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handelt, schwankt die Reaktion hierzulande bislang zwischen nochmals erhöhtem persönlichem Einsatz und aggressiver Bejahung des eigenen Status als Lumpenintelligenzler.

Leserkommentare
  1. ...besteht darin, dass das Angebot spezifisch ausgebildeter Kräfte größer geworden ist, und Gering-, Mittel- und Falschqualifizierte daher immer weniger Chancen haben. Das Problem ist die sog. "Interessengeleitete Ausbildung", die letztendlich dazu führt, dass wir hunderttausende Germanisten mit Spezialfach "Sozialkonstruktivismus in der altmittelhochdeutschen Literatur" oder Pädagogen mit philosophisch-psychologischer Zusatzausbildung haben. Nichts gegen das Interesse an und für sich, aber wer den Marktbedarf derart bei seiner Wahl vernachlässigt, darf sich zumindest nicht wundern, wenn er oder sie "prekär" wird.

    Studiengebühren werden das etwas regulieren, indem eine Ausbildungsentscheidung mehr (nicht ausschließlich, dafür sind sie zu gering) vor dem Hintergrund des Erwartungswertes der zukünftigen Einkünfte getroffen werden muss - in den meisten Fällen. Leider kontakariert das geplante Bachelor-Master-System diesen Mechanismus, da Bachelors so gut wie keine Vorteile gegenüber betrieblich ausgebildeten Fachkräften aufweisen und daher mit eben diesen konkurrieren werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Ich vermute: kein Ingenieur, Naturwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler, Mediziner oder Jurist dürfte für längere Zeit einer "präkeren Situation" ausgesetzt sein. Dafür umso mehr Philosophen, Historiker, Anglisten, Sozialpädagogen und "Medienfachkräfte".

    • salve
    • 05. Mai 2006 5:25 Uhr

    30% weniger Personal im Gesundheitswesen???
    Wenn das eintritt wünsche ich Ihnen, mit Verlaub, eine schwere, aber heilbare ;-), Erkrankung damit Sie das Gericht kosten können, was sie kredenzen wollen.
    Herzlichst,Salve.

    • lsl
    • 30. April 2006 22:59 Uhr

    Sind die aufkommenden Zustände unnatürlich? Gibt es ein höheres Gesetz, dass intelligentere Menschen mehr verdienen müssen als dümmere?

    Nein. Wer ungeschtet jeden volkswirtschaftlichen Bedarfs nur nach persönlichen Interessen geht, muss es sich auch leisten können. Der Anspruch, allein aufgrund eines Universitätsabschlusses ein Anrecht auf ein hohes Gehalt zu haben, ist durch nichts begründet.

    Jeder, der verhindern will arm zu werden, muss sich eine Fähigkeit aneignen, für die jemand anders (Kunde oder Arbeitgeber) freiwillig etwas bezahlen möchte.

    Der Satz "Studier, was dir Spaß macht" führt jährlich hunderttausende junger Menschen in eine ungewisse Zukunft.

    • uff
    • 09. Mai 2006 16:28 Uhr

    Ich finde es bedauerlich, dass die uns Regierenden - ein bisschen gehöre ich auch dazu - zu sehr den Eindruck vermitteln, man liefe einer globalen Entwicklung hinterher, es sei auch schwer, diese zu durchschauen und und und.
    Das stimmt zum einen nicht. Es gibt gute Ansätze in der Soziologie und Wirstschaftspolitik, die das beleuchten.
    Zum anderen wird diese Welt was ihr daraus zu machen vermögt.
    Es ist eine Schande, dass junge Menschen nicht mehr träumen und wagen können.
    So gesehen ein klares Bekenntnis zu beidem: Avantgarde und "Prekariat". (und ein klares Nein zu Snobismus und Elend)
    Für manche FreibeuterInnen.
    Wer stringenter aufbauen kann, organisiert sich woanders.
    Um z.B. bei den Gewerkschaften mitzumachen als Intellektuelle muß man schon ein paar Vorstellungen über die Entwicklung der Arbeitswelt mitbringen, die man dann getrost einbringen und verwandeln kann. Besser ist es aber vielleicht konkrete Erfahrungen miteinzubringen.
    Und Leute, mir steht zwar das Kämpfen oder das Abwehren langsam bis zum Halse, aber wenn einfach nur wieder eine Bewegung zum Leben, zum Frieden, zur Freude da ist, geht es mir schon wieder so gut, dass ich in meinem Rahmen weiter mache.
    Es gibt ganz viele Bereiche, in die man arbeitsmäßig hineinwachsen kann.
    Habe ich früher nicht gesehen und deshalb ist der saturierte Teil dieser Gesellschaft gefordert - ich hoffe da gibt es keine großen Widersprüche - die Wege zu öffnen und Bereicherung auf Kosten der nachwachsenden Generationen abzulehnen.
    Ein richtig guter Artikel und genauso gute Kommentare bis hierher.
    Einen schönen Sommer Euch.

  2. abfinden mus man sich mit dem tod

    • salve
    • 28. April 2006 5:22 Uhr

    Mein lebenserhaltender "Nebenjob" als Student endet am 30.05.06 - Verlängerung ungewiss. Das geht nun schon seit Jahren so: Arbeitsvertrag für ein halbes Jahr, dann viermonatige Pause. Damit vermeidet der sog. Arbeitgeber ein unbefristetes Arbeitsverhältnis nach zwei Jahren. Zwei Möglichkeiten der Überbrückung sind möglich und beide wurden von mir schon ausprobiert. Vorarbeiten während der Vertragszeit mit der Konsequenz, daß das Studium darunter leidet oder kurzfristige Annahme eines anderen Jobs in der Hoffnung nach vier Monaten in den lukrativeren "Erstjob" zurückkehren zu können. Der Clou an der Sache ist, daß die Abteilung in der ich diesen "Erstjob" habe, durch die von der Verwaltung dieses großen Berliner Krankenhauses vorgeschriebene Befristung aufgrund der "Fluktuation" regelmäßig kurz vor dem Kollaps ist, weil das Personal fehlt. Dazu sei bemerkt, daß diese Abteilung dem Krankenhaus viel Geld einbringt, mithin tiefschwarze Zahlen schreibt. In meinem Bekanntenkreis sind etliche Jungärzte die, teilweise seit Jahren, nur Jahresverträge bekommen

  3. Ich stimme Ihnen weitgehend zu. Nur: es werden sich auf Dauer nicht die "Besten" durchsetzen, sondern die mit den besten Voraussetzungen (sprich: dem besten Elternhaus). Und das - da haben Sie völlig recht - war auch vor 2000 Jahren schon so.

    Ich stimme auch mit Ihnen überein, dass es vermutlich keine Vollbeschäftigung mehr geben wird.

    Damit ist aber auch klar, ein einfaches "weiter so, wird schon irgendwie werden, und wers nicht schafft, ist selber Schuld", darf es nicht geben. Wir müssen Grudsätzlich umdenken, und zwar schleunigst. Die neoliberale Märchenwelt hilft uns nicht mehr weiter.

    Also: Vorwärts, bundesboy!

    • Anonym
    • 04. Mai 2006 16:32 Uhr

    Der satz wird in diesem Zusammenhang mehrfach kritisiert.
    Da möchte ich doch um Vorsicht bitten.
    Gerade das Zweckstudium, des schnöden Mammons wegen, hat in den letzten Jahrzehnten die meisten Karrieren bestimmt.
    Der Erfolg zeigt sich in völlig nüchternen, jedem ethischen Ziel oder Berufung baren Management, die heute außer Rendite in ihrer nichtselten begrenzten Fantasie gar keine anderen Ziele mehr kennen.

    Also Vorsicht, sicher muss die Entscheidung für eine "brotlose Kunst" wohl überlegt werden, nichts desto trotz sollte man eine Ausbildung wählen, die der persönlichen Mentalität und Zielen entspricht und das sollte erst an 2. Stelle das Geld sein.

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