Prekariat : Von der Boheme zur Unterschicht

Job, Geld, Leben – nichts ist mehr sicher. Eine neue Klasse der Ausgebeuteten begehrt auf: Das Prekariat

Uns steht das Wasser bis zum Hals: Mehr Botschaft kennen die Arbeitsproteste des neuen Jahrhunderts auf Anhieb nicht. Die Entwicklung in Frankreich hat gezeigt, dass weder Soziologen noch Politiker vorhersagen können, wo genau sie aufflackert. Fest steht einstweilen bloß das Offensichtliche: Der Protest formiert sich als Reaktion auf die Entsicherung des sozialen Lebens durch befristete Beschäftigung, Minijobs, Dauerpraktika, modernes Tagelöhnerwesen. Aus prekären Arbeitsverhältnissen folgen prekäre Existenzweisen, in Analogie zum Proletariat wurde deshalb schon die Begriffsbildung Prekariat für die neue Form einer ausgebeuteten Klasse vorgeschlagen.

Prekarisierung, das andere Wort zur Krise, ist aus der beschränkten Öffentlichkeit linker Thesenpapiere und soziologischer Fallstudien inzwischen schon in die Alltagssprache vorgedrungen. Im Umfeld des Euro Mayday finden sich Prekarisierungsforen und -arbeitskreise zu den Themen Kündigungsschutz und Flexibilisierung. Im vergangenen Jahr präsentierten Mailänder Aktivisten auf ihrem Umzug P-Superhelden aus Pappmaché, darunter ein Wesen namens Super Flex. Bei Super Flex hat der Stress der Flexibilisierung zu einer »erfreulichen Mutation seiner Moleküle« geführt, was ihn befähigt, weltweit »mit anderen Superflexiblen zu kommunizieren«. Ein Schutzpatron ist in Italien auch schon ausgerufen worden: der anbetungswürdige San Precario.

San Precario ist ein seltsamer und großzügiger Heiliger, ein Tröster für viele Lebenslagen. Ob er für einen zuständig ist, lässt sich durch simple Selbstbefragung herausfinden. Woher kommt morgen mein Geld? Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Reicht das Geld für den Kita-Platz? Welche Jobs gehen ohne Pass? Was ist, wenn ich krank werde? Wie will ich wohnen? Wie finanziere ich mein Studium, was mache ich danach? Warum denke ich ständig an Arbeit? Weshalb macht der Kerl nicht den Haushalt? Wie will ich leben? Was können kollektive Garantien für ein besseres Leben heute sein? Wer in einem oder mehreren Punkten betroffen ist, darf sich mit der Diagnose anfreunden, prekarisiert zu sein. Doch so einheitlich, wie es scheint, ist die Interessenlage der Unzufriedenen auf den zweiten Blick nicht.

Zunächst einmal ist die Rede von der Prekarisierung alles andere als neu. Bereits Anfang der 1980er taucht der Begriff in der französischen Soziologie auf, als Bezeichnung für saisonale oder temporäre Beschäftigungen. Auch hat es prekäre Arbeitsformen immer gegeben, im globalen Maßstab waren und sind sie bis heute die Regel. Virulent wurde der Prekarisierungsdiskurs erst, als Anne und Marine Rambach in ihrer 2001 erschienenen Streitschrift Les intellos précaires (»Die prekären Intellektuellen«) das Bild einer Intelligenz entwarfen, die mit dem Widerspruch leben muss, bei relativ hohem Sozialstatus immer schlechteren Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu sein – und damit in Frankreich einen Bestseller landeten. Neu an der Debatte sind also nicht ihre Sachverhalte, neu ist die Tatsache, dass diese die urbanen Mittelschichten ergriffen haben.

Der weite Weg, den die gefühlte Prekarität dabei von den Rändern der Gesellschaft her zurücklegen musste, hat seinen Grund ironischerweise in der Erfolgsgeschichte des europäischen Sozialstaats: Vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedroht, das waren jahrzehntelang immer die anderen. Erst seit der Finanznot des Staates diskutiert auch die Mittelschicht über Proletarisierung, Existenzängste oder »stilvolles Verarmen«. Die »Generation Praktikum« hat den Blick auf die immer rasantere Verwandlung garantierter Arbeitsverhältnisse in schlecht oder gar nicht bezahlte Jobs gelenkt – eine Entwicklung, die in Wahrheit die gesamte Gruppe der Freiberufler und Kulturarbeiter betrifft. Dass ihre Erwerbsbiografien in den seltensten Fällen geradlinig verlaufen, haben sie am eigenen Leib erfahren müssen. Weil viele dennoch daran glauben, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handelt, schwankt die Reaktion hierzulande bislang zwischen nochmals erhöhtem persönlichem Einsatz und aggressiver Bejahung des eigenen Status als Lumpenintelligenzler.