Prekariat Von der Boheme zur UnterschichtSeite 3/3
Entsprechend heiß umkämpft bleibt Prekarisierung als Begriff und Strategie. Von der Auffassung hängt es nämlich ab, ob man seine Arbeitsbiografie als Schicksal erlebt, insgeheim doch noch auf den Traumjob hofft, ob man mit gewerkschaftlichen Positionen liebäugelt oder, ganz im Gegenteil, den flexibilisierten Zeiten »progressive« Aspekte abgewinnen kann. Die Theorieabteilungen des Euro Mayday weisen darauf hin, dass »Prekarität« ohne einen ausdifferenzierten Begriff von gesellschaftlicher Arbeit allenfalls zur Agitationsfloskel taugt. Tatsächlich entscheidet sich am Begriff der Arbeit, ob es sich bei den Prekarisierten um bloße Opfer der gesellschaftlichen Entwicklung handelt oder nicht doch um eine Avantgarde, die bereits in die Kämpfe der Zukunft verstrickt ist. Denn wenn die Macht der Verhältnisse darin besteht, sich die lebendige Arbeit anzueignen, dann schlummert in diesem Sachverhalt kraft Dialektik auch der Same der Veränderung.
- Datum 17.10.2006 - 12:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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...besteht darin, dass das Angebot spezifisch ausgebildeter Kräfte größer geworden ist, und Gering-, Mittel- und Falschqualifizierte daher immer weniger Chancen haben. Das Problem ist die sog. "Interessengeleitete Ausbildung", die letztendlich dazu führt, dass wir hunderttausende Germanisten mit Spezialfach "Sozialkonstruktivismus in der altmittelhochdeutschen Literatur" oder Pädagogen mit philosophisch-psychologischer Zusatzausbildung haben. Nichts gegen das Interesse an und für sich, aber wer den Marktbedarf derart bei seiner Wahl vernachlässigt, darf sich zumindest nicht wundern, wenn er oder sie "prekär" wird.
Studiengebühren werden das etwas regulieren, indem eine Ausbildungsentscheidung mehr (nicht ausschließlich, dafür sind sie zu gering) vor dem Hintergrund des Erwartungswertes der zukünftigen Einkünfte getroffen werden muss - in den meisten Fällen. Leider kontakariert das geplante Bachelor-Master-System diesen Mechanismus, da Bachelors so gut wie keine Vorteile gegenüber betrieblich ausgebildeten Fachkräften aufweisen und daher mit eben diesen konkurrieren werden. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich vermute: kein Ingenieur, Naturwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler, Mediziner oder Jurist dürfte für längere Zeit einer "präkeren Situation" ausgesetzt sein. Dafür umso mehr Philosophen, Historiker, Anglisten, Sozialpädagogen und "Medienfachkräfte".
30% weniger Personal im Gesundheitswesen???
Wenn das eintritt wünsche ich Ihnen, mit Verlaub, eine schwere, aber heilbare ;-), Erkrankung damit Sie das Gericht kosten können, was sie kredenzen wollen.
Herzlichst,Salve.
Sind die aufkommenden Zustände unnatürlich? Gibt es ein höheres Gesetz, dass intelligentere Menschen mehr verdienen müssen als dümmere?
Nein. Wer ungeschtet jeden volkswirtschaftlichen Bedarfs nur nach persönlichen Interessen geht, muss es sich auch leisten können. Der Anspruch, allein aufgrund eines Universitätsabschlusses ein Anrecht auf ein hohes Gehalt zu haben, ist durch nichts begründet.
Jeder, der verhindern will arm zu werden, muss sich eine Fähigkeit aneignen, für die jemand anders (Kunde oder Arbeitgeber) freiwillig etwas bezahlen möchte.
Der Satz "Studier, was dir Spaß macht" führt jährlich hunderttausende junger Menschen in eine ungewisse Zukunft.
Ich finde es bedauerlich, dass die uns Regierenden - ein bisschen gehöre ich auch dazu - zu sehr den Eindruck vermitteln, man liefe einer globalen Entwicklung hinterher, es sei auch schwer, diese zu durchschauen und und und.
Das stimmt zum einen nicht. Es gibt gute Ansätze in der Soziologie und Wirstschaftspolitik, die das beleuchten.
Zum anderen wird diese Welt was ihr daraus zu machen vermögt.
Es ist eine Schande, dass junge Menschen nicht mehr träumen und wagen können.
So gesehen ein klares Bekenntnis zu beidem: Avantgarde und "Prekariat". (und ein klares Nein zu Snobismus und Elend)
Für manche FreibeuterInnen.
Wer stringenter aufbauen kann, organisiert sich woanders.
Um z.B. bei den Gewerkschaften mitzumachen als Intellektuelle muß man schon ein paar Vorstellungen über die Entwicklung der Arbeitswelt mitbringen, die man dann getrost einbringen und verwandeln kann. Besser ist es aber vielleicht konkrete Erfahrungen miteinzubringen.
Und Leute, mir steht zwar das Kämpfen oder das Abwehren langsam bis zum Halse, aber wenn einfach nur wieder eine Bewegung zum Leben, zum Frieden, zur Freude da ist, geht es mir schon wieder so gut, dass ich in meinem Rahmen weiter mache.
Es gibt ganz viele Bereiche, in die man arbeitsmäßig hineinwachsen kann.
Habe ich früher nicht gesehen und deshalb ist der saturierte Teil dieser Gesellschaft gefordert - ich hoffe da gibt es keine großen Widersprüche - die Wege zu öffnen und Bereicherung auf Kosten der nachwachsenden Generationen abzulehnen.
Ein richtig guter Artikel und genauso gute Kommentare bis hierher.
Einen schönen Sommer Euch.
abfinden mus man sich mit dem tod
Mein lebenserhaltender "Nebenjob" als Student endet am 30.05.06 - Verlängerung ungewiss. Das geht nun schon seit Jahren so: Arbeitsvertrag für ein halbes Jahr, dann viermonatige Pause. Damit vermeidet der sog. Arbeitgeber ein unbefristetes Arbeitsverhältnis nach zwei Jahren. Zwei Möglichkeiten der Überbrückung sind möglich und beide wurden von mir schon ausprobiert. Vorarbeiten während der Vertragszeit mit der Konsequenz, daß das Studium darunter leidet oder kurzfristige Annahme eines anderen Jobs in der Hoffnung nach vier Monaten in den lukrativeren "Erstjob" zurückkehren zu können. Der Clou an der Sache ist, daß die Abteilung in der ich diesen "Erstjob" habe, durch die von der Verwaltung dieses großen Berliner Krankenhauses vorgeschriebene Befristung aufgrund der "Fluktuation" regelmäßig kurz vor dem Kollaps ist, weil das Personal fehlt. Dazu sei bemerkt, daß diese Abteilung dem Krankenhaus viel Geld einbringt, mithin tiefschwarze Zahlen schreibt. In meinem Bekanntenkreis sind etliche Jungärzte die, teilweise seit Jahren, nur Jahresverträge bekommen
Ich stimme Ihnen weitgehend zu. Nur: es werden sich auf Dauer nicht die "Besten" durchsetzen, sondern die mit den besten Voraussetzungen (sprich: dem besten Elternhaus). Und das - da haben Sie völlig recht - war auch vor 2000 Jahren schon so.
Ich stimme auch mit Ihnen überein, dass es vermutlich keine Vollbeschäftigung mehr geben wird.
Damit ist aber auch klar, ein einfaches "weiter so, wird schon irgendwie werden, und wers nicht schafft, ist selber Schuld", darf es nicht geben. Wir müssen Grudsätzlich umdenken, und zwar schleunigst. Die neoliberale Märchenwelt hilft uns nicht mehr weiter.
Also: Vorwärts, bundesboy!
Der satz wird in diesem Zusammenhang mehrfach kritisiert.
Da möchte ich doch um Vorsicht bitten.
Gerade das Zweckstudium, des schnöden Mammons wegen, hat in den letzten Jahrzehnten die meisten Karrieren bestimmt.
Der Erfolg zeigt sich in völlig nüchternen, jedem ethischen Ziel oder Berufung baren Management, die heute außer Rendite in ihrer nichtselten begrenzten Fantasie gar keine anderen Ziele mehr kennen.
Also Vorsicht, sicher muss die Entscheidung für eine "brotlose Kunst" wohl überlegt werden, nichts desto trotz sollte man eine Ausbildung wählen, die der persönlichen Mentalität und Zielen entspricht und das sollte erst an 2. Stelle das Geld sein.
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