Siebeck Dr. Mabuse und seine Monster
Wolfram Siebeck hat den Dokumentarfilm »We Feed the World« gesehen. Das hat ihn zu einer Kolumne über Lebensmittelkonzerne und Verbraucher inspiriert
Ach, wie klang das herzig, seinerzeit, als der Massenkonsument für sein falsches Denken und die daraus resultierenden Fehlkäufe noch als »Konsumtrottel« bezeichnet wurde! »Ja, was hat er denn da wieder für einen Mist gekauft, unser kleiner Trottel? Weiß er denn nicht, dass dieses bunte Billigprodukt praktisch nichts wert ist? Hat der kleine Doofie immer noch nicht begriffen, dass die Produzenten sich einen Dreck um sein Wohlbefinden kümmern und um seinen Geschmack schon gar nicht? Dass sie nur an seine Taler wollen und ihnen alles andere völlig egal ist? Seine Gesundheit? Egal! Seine geschmacklichen Vorlieben? Völlig egal! Die Auswirkungen der Massenproduktion auf die Umwelt? So was von egal!«
Unserem Konsumtrottel war das auch alles egal. Hauptsache, der Mist wurde in bunten Bildern angepriesen und war erschwinglich.
Das waren die guten alten Zeiten, das war früher. Inzwischen ist er erwachsen geworden, der Konsument, hat zugenommen an Muskeln und Gewicht. Lediglich sein Verstand ist nicht gewachsen. Er ist immer noch der Trottel von einst, nur dass wegen der Schwere der von ihm verursachten Schäden das Plüschtierhafte nicht mehr ausreicht zu seiner Charakterisierung. Er hat sich zu einem Monster entwickelt.
Zum Konsummonster, das unseren Planeten vernichtet.
Jedes vermeidbare Unglück auf dieser Welt hat seine Ursache im Kaufrausch dieser Monster. Ob in Afrika ganze Völker verhungern, ob vor unseren Küsten Massenmord an Fischen betrieben wird, ob die Hühnerhaltung mit KZs verglichen werden kann und die Anbaumethoden den Boden zerstören, auf dem wir leben, das Wasser vernichten, das wir trinken, und die Luft vergiften, die wir atmen – es sind die Schnäppchenjäger dieser Welt, die den Angriff auf unseren Planeten widerstandslos geschehen lassen.
Und wer ist der Dr. Mabuse unserer Tage? Wer ist der Wahnsinnige, der die Welt beherrschen will, auch wenn sie dabei Totalschaden erleidet?
Es sind die fünfhundert mächtigsten Konzerne der Welt, die ihren Glauben an Gott und die Menschheit aufgegeben haben und nur ihrem Götzen huldigen, dem Kurs der Aktien.
Als erste Bastion haben sie unsere Sprache ruiniert, indem sie ihr Viren des Konsums eingepflanzt haben: »King Size«, »light«, »Sonderangebot«, »gratis«, »Preiskrieg«, »Rabattschlacht«, »Highlight«, »super«, »cool«, »kinderfreundlich«, »Bonusfaktor«, »Miles & More«, »Nachlass«, »reduziert« – das sind Begriffe, die das Gehirn der Konsumenten verderben wie Kokain. Sie sind süchtig nach dem Glanz, den diese Wörter ausstrahlen.
Aber das weiß er doch alles, unser Konsument! Den Trottel hat er längst abgelegt. Er ist aufgeklärt, er ist zynisch und glaubt kein Wort von dem, was ihm eingeredet wird. Ständig wird er informiert über Lügen und Gemeinheiten. Das Fernsehen klärt ihn auf, die Tageszeitung klärt ihn auf, und die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass unsere Erde systematisch ruiniert wird. Er kennt das alles – und gibt doch immer wieder den Handlangern der Weltzerstörer seine Stimme, die sich je nach Opportunität als sozial, als christlich, liberal, patriotisch oder national bezeichnen.
Der neue Konsument stöhnt unter den hohen Benzinpreisen und fährt mit dem SUV zum Wochenmarkt, wo er die Biostände keines Blickes würdigt, weil dort das Gemüse etwas teurer ist als der synthetische Mist aus südeuropäischen Treibhäusern.
Wahrscheinlich wird der Konsument auch den Dokufilm We Feed the World sehen, der diese Woche in die Kinos kommt, und ihm wird schlecht werden beim Blick in die Hühnermastanstalt. Und er wird betroffen sehen, wie sich eine vom Kutter gefangene Seezunge von einer unterscheidet, die schon drei Wochen im Netz hinter den riesigen Fischfabriken hergeschleppt wurde, denen nach EU-Beschluss das Monopol des europäischen Fischfangs zugeschustert wird.
Das Ende der individuellen Fischerei nämlich ist fixiert.
Dasselbe Bild in jeder Sparte der Landwirtschaft: Familienbetriebe werden systematisch durch Verordnungen zugrunde gerichtet, welche allein den industriell betriebenen Produktionsstätten Profit bringen. Ob dafür die Regenwälder erbarmungslos abgeholzt werden oder ob Peter Brabeck-Letmathe, der Chef von Nestlé, die Meinung vertritt, eigentlich sei Wasser ja ein Lebensmittel und müsse deshalb einen Marktpreis haben. Er denkt dabei wahrscheinlich an Nescafé oder Erdbeerjogurt.
Das ist die gleiche Denkart wie die der Firma Monsanto, die sich Soja, Mais, Reis und andere genetisch veränderte Nutzpflanzen patentieren lässt, um damit bei den Bauern den Zehnten zu kassieren wie im Mittelalter, als die Bauern noch Leibeigene waren.
Sie werden es bald wieder sein, wenn es nach den Mabuses in den Konzernen und Banken geht.
*Eine Besprechung des Kinofilms »We Feed the World« findet sich im Feuilleton auf Seite 42
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Serie Siebeck haupttext
- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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