Ich habe ein winzig kleines Buch gelesen. Es heißt Bullshit. Das Buch hat 74 Seiten, ist Anfang des Jahres erschienen und stammt von einem 77-jährigen amerikanischen Philosophieprofessor, Harry G. Frankfurt.

Er stellt die Behauptung auf, dass es in unserer Welt immer mehr Bullshit gibt. Bullshit ist alles, was man sagt oder schreibt, um bei anderen gut anzukommen. Man schreibt zum Beispiel etwas, weil es schon oft von anderen Leuten geschrieben wurde und weil es gut für die Karriere sein könnte. Das Entscheidende beim Bullshit besteht darin, dass es dem Bullshit-Produzenten nicht auf die Wahrheit ankommt, also nicht darauf, wie es wirklich ist oder wie er selbst über eine bestimmte Sache denkt. Dem Bullshittenden oder Bullshitter kommt es einzig und allein darauf an, welchen Eindruck er macht.

Bullshit ist etwas anderes als Lüge. Bullshit kann nämlich wahr sein. Das ist dann allerdings Zufall. Der Lügner will die Wahrheit verschleiern. Dem Bullshit-Produzenten ist die Wahrheit völlig egal.

Warum gibt es so viel Bullshit? Frankfurt glaubt, dass es erstens mit dem Skeptizismus zusammenhängt. Also damit, dass viele glauben, so etwas wie Wahrheit gäbe es überhaupt nicht. Dann ist es eh egal, was man sagt. Zweitens müssten in den Medien ständig alle möglichen Leute, zum Beispiel Prominente, zu allen möglichen Dingen Meinungen oder Gedanken von sich geben, auch zu Dingen, von denen sie fast nichts verstehen. Dabei kann nur Bullshit herauskommen. Wenn man Michelle Hunziker fragt, ob Eros Ramazotti gut küsst und ob man Tätowierungen regelmäßig eincremen muss, gibt man ihr eine Chance, die Wahrheit oder zumindest ihre ganz persönliche Wahrheit zu sagen. Wenn man sie fragt, wie ein gerechtes Steuersystem aussehen könnte, zwingt man dieses bezaubernde Geschöpf dazu, bullzushitten. So etwas passiert aber in den Zeitungen und im Fernsehen andauernd.

Im Internet habe ich gelesen, dass in amerikanischen Konferenzen manchmal ein Spiel namens "Bullshit-Bingo" veranstaltet wird. Die Konferenzteilnehmer haben versteckte Kärtchen, auf denen in Kästchen typische Bullshit-Wörter stehen wie "Synergie" oder "fokussieren". Sobald ein solches Wort in der Konferenz verwendet wird, darf man ein Feld ankreuzen. Wer als Erster eine Fünferreihe voll hat, springt auf und ruft laut dröhnend in den Raum: "Bullshit-Bingo!" Ich glaube, dass man dieses Spiel auch bei der Lektüre von Leitartikeln spielen kann. In den Kästchen stehen dann Formulierungen, die kein Mensch von unversehrtem Verstande jemals benutzt, außer in ironischer Weise oder in Leitartikeln, und zwar aus dem einzigen Grund, damit es gewichtig klingt, Wörter wie "indes", "hierzulande", "Führungsriege" oder "gleichwohl". Wahrscheinlich könnte man auch in intimen Situationen Bullshit-Bingo spielen. In den Kästchen müssten dann aber etwas komplexere Formulierungen stehen wie "Ich habe meine letzte Beziehung noch nicht verarbeitet" oder "Mit dir kann man so toll über alles reden".

Damit möchte ich indes nicht behaupten, dass ich selber nie Bullshit von mir gebe. Darf man denn hierzulande immer nur die Fehler der anderen anprangern?