Vladimir Ashkenazy, 68, geboren im russischen Gorkij, heute Nischnij Nowgorod, begann seine Musikerlaufbahn als Pianist und wurde als Dirigent weltberühmt.  Mit acht Jahren besuchte er die Zentrale Moskauer Musikschule, 1955 gewann er den Chopin-Wettbewerb  in Warschau. 1963 emigrierte er mit seiner Familie nach England, sechs Jahre später nach Island. Seit 1982  lebt Ashkenazy in der Schweiz.  Er dirigierte unter anderem das Deutsche Symphonie Orchester Berlin, das Londoner Royal Philharmonic Orchestra und die Tschechische Philharmonie. Derzeit ist er mit dem European Union Youth Orchestra auf Europa-Tournee. Ashkenazy ist mit einer Isländerin verheiratet, mit der er fünf Kinder hat

Mein Leben als Vater von fünf Kindern und seit 45 Jahren an der Seite meiner Frau ist so reich, dass es anmaßend und verletzend wäre, von etwas zu träumen, was noch darüber hinausgeht. Mein Leben ist ein Traum, einer, den ich nie bewusst gehegt habe, von dem ich in jungen Jahren nicht mal ahnte, dass er möglich wäre. Es ist der Traum, im Doppel-Leben als Pianist und Dirigent aufzugehen. Mein Leben ist dem Wesen des Traums schon allein deswegen verwandt, weil mir die Musik immer wieder die Flucht vor dem Alltag ermöglicht. Auch wenn die Aufgabe, schwierige Partituren mit Leidenschaft zu füllen, mitunter schrecklich real sein kann. 

Ich wollte nie dirigieren, obwohl mich symphonische Musik immer fasziniert hat. Schon im Alter von sechs oder sieben hinterließ der Klang aus dem Orchestergraben im Bolschojtheater tiefe Spuren bei mir. Es war so ergreifend, dass ich das Gefühl von damals bis heute hervorholen kann.

Vielleicht ist es aber eher mein ausgeprägter Pragmatismus, der mich so weit gebracht hat. Meine Hände sind ungewöhnlich klein für einen Pianisten, meine Finger kurz. Aber der Gedanke, irgendwann an Grenzen zu stoßen, lag mir fern. Als ich 15 oder 16 war, sah ich mir Rachmaninows zweites oder drittes Klavierkonzert an und war überzeugt, ich würde es nie bezwingen – viel zu viele Noten für zu große Hände. Deswegen träumte ich aber nicht von einem anderen Körper, im Gegenteil. Ich wollte vielmehr herausfinden, was man erreichen kann mit dem, was die Natur einem gegeben hat.

Mit diesen Voraussetzungen bin ich im Leben ziemlich weit gekommen, ich kann mich nicht beschweren. Anfang der siebziger Jahre besuchte uns Daniel Barenboim in Island. Ich hatte ihn gebeten, zwei Klavierkonzerte zu dirigieren, eins mit mir und ein zweites mit Pinchas Zuckerman. Als Zuckerman absagen musste, sagte Daniel spontan: Ich übernehme den Klavierpart, und du dirigierst! Weil ich das Konzert in- und auswendig kannte, schlug ich ein. Schließlich stand ich immer häufiger am Pult. Die ersten Kritiken waren desaströs, nach dem Motto: Er ist ein guter Musiker, aber ein miserabler Dirigent, das muss er erst lernen. Nie hätte ich mir erträumt, vor Weltorchestern zu stehen. Inzwischen dirigiere ich seit fast dreißig Jahren.

Ich habe mich nie gefragt, wohin mein Leben führen wird. Ambitionen hatte ich nicht. Streben nach Berühmtheit und Erfolg? Tat ich nicht. Als ich meine Klassenkameraden auf der Musikhochschule hinter mir ließ, dachte ich zunächst nur, was für ein verdammtes Glück ich hatte. Erst nachdem ich die ersten Preise gewonnen hatte, fing ich an, die Sache ernst zu nehmen. Ich empfand es wie einen Bonus, den man mir gegeben hatte, den ich mir aber erst nachträglich verdienen musste.

Meine Eltern waren blutjung, als ich geboren wurde, mein Vater gerade mal 21, meine Mutter nur ein Jahr jünger. Dass sie unverheiratet waren, war im Russland der dreißiger Jahre ein großes Problem. Mein Vater wollte mich ursprünglich abtreiben lassen. Daraufhin nahm sich der Arzt, der meine Mutter untersuchte, meine Eltern zur Brust. Ich sei ein so verdammt gesundes Baby, sagte er, dass er sie dafür hassen würde, wenn sie es abtreiben ließen. Schließlich willigte mein Vater ein.

In meinen ersten 14 Lebensjahren maß unser Wohnraum acht Quadratmeter, zwei mal vier Meter. Die Möblierung bestand aus einem Elternbett, einem Holzverschlag für mich, Tisch und einem Klavier. Küche und Toilette teilten wir mit vier anderen Familien.