20 Jahre Tschernobyl Ganz von gesternSeite 3/3

Gerechnet hat diese Industrie sich nie. Der französische Energieversorger EdF zählt zu den höchstverschuldeten Unternehmen der Welt, der neue finnische Reaktor ist ein EU-gesponsertes Groschengrab, die Planungs- und Bauzeiten sind zäh. Diesem gefährlichen Schwächling neuen Atem einzublasen soll »vernünftig« sein? Eine Lösung für verschuldete Entwicklungsländer? Denen wäre mehr geholfen mit Elektrogeräten, die aus integrierten Fotovoltaikzellen solar gespeist werden, sodass sie erst gar keine zentralistische Netzstruktur aufbauen müssen.

Der Schock von Tschernobyl hat den Paradigmenwechsel gerade in Deutschland beschleunigt: von teuren und riskanten zentralistischen Versorgungssystemen mit hohen Energieverlusten zu einer innovativen Vielfalt lokal jeweils verschiedener Kombinationen aus erneuerbaren Energietechniken. Je mehr Energie eingespart wird, desto weniger müssen dabei die Erneuerbaren leisten; desto schneller steigt ihr Anteil. Auch demokratischer ist der Umstieg, denn Verbraucher können ihre Versorgung selbst in die Hand nehmen.

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Irgendwie akzeptiert mittlerweile ja jeder die Notwendigkeit dieses Wandels. Und doch herrscht Kleinmut. Dass sich auch hierzulande manche Politiker immer wieder in die angebliche Überlegenheit der Kernenergie und womöglich in Laufzeitverlängerungen hineinreden lassen, liegt nicht nur an ihrer Nähe zu Unternehmen, die sich einem Strukturwandel aus Eigeninteresse in den Weg stellen. Schuld ist auch der Mangel an Fantasie für dezentrale Technologielösungen und die fehlende geistige Widerstandskraft gegenüber den Apologeten einer alten »Königsdisziplin«, der Hochenergiephysik. Schuld ist die, wie Carl Amery es genannt hat, »fast panische Flucht vor der Möglichkeit der Einfachheit«.

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Leser-Kommentare
    • zorc
    • 28.04.2006 um 3:04 Uhr

    Genau, WIHE, Strahlung ist gesund -- da kommt das Immunsystem so richtig in Fahrt. Ich freue mich schon über Ihre Ansichtspostkarte aus dem Kururlaub in dem Ferienparadies Tschernobyl. (Oder soll's doch lieber noch mal Malle sein?)

  1. WIHE
    „
    Da wird mit tausenden von Toten gerechnet, die noch gar nicht tot sind.
    „

    Offensichtlich nimmt man den Unterschied nicht so genau.

    Ein bezeichnendes Beispiel ist der einflussreiche SPD-Politiker Scheer in der
    © DIE ZEIT 29.07.2004 Nr.32. (http://www.zeit.de/2004/3...)

    Er schreibt hier von 70000 Todesopfer, (offensichtlich effektiv Tote) und noch von möglicherweise weiteren Zehntausenden Spätopfer, die e r m i t t e l t worden seien.

    Im Juli 2004 sprach das Tschernobyl-Forum lediglich von bis dahin 45 (später 56) Todesopfern in direktem Zusammenhang mit dem Unglück von Tschernobyl.

    Scheer ist Alternativer Nobelpreisträger. Wahrscheinlich nimmt die gesamte „Grüne Bewegung“ und alle Atomgegner seine Äußerungen für bare Münze.

    Wörtliches Zitat
    „

    Zu diesem Argumentationsmuster gehört, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu verharmlosen. Auch Gero von Randow schreibt in der ZEIT (Nr. 31/2004), es habe dort nur 45 Tote gegeben und gerade einmal 2000 registrierte Fälle von Schilddrüsenkrebs. Das sind Zahlen interessengebundener Institutionen. Unabhängige Untersuchungen wie die des Münchner Strahleninstituts haben 70000 Todesopfer einschließlich verzweifelter Selbstmorde ermittelt und erwarten Zehntausende weiterer Spätopfer. „

  2. Atomenergie als Zukunft ? Die Vorräte an Uranium werden nicht länger reichen als das Erdöl, vor allem bei dem riesigen Energiebedarf Chinas, Indiens und Brasiliens. Was kommen wird, ist, dass wir wieder einfacher leben müssen und endlich einsehen , dass grenzenloses Wachstum nun mal nicht möglich ist.

  3. Wie blind und unwissend müssen unsere Nachbarn um uns herum in Europa sein , aber nicht nur die, da sie nicht bemerken, da offensichtlich unwissend und wahrscheinlich unbelehrbar, dass sie den ökologisch einzig richtigen Weg, den Deutschlands, nicht erkannt haben.

    Und wie blind und unwissend müssen diese Nachbarn sein, dass sie es sich erlauben nun plötzlich der Atomenergie wieder eine Zukunft beizumessen und nicht nur die Laufzeiten der Atommeiler zu verlängern, sondern sogar neue Typen zu erforschen und sich zudem erdreisten neue Meiler zu bauen?

    Wieso verfügen sie nicht über die Einsicht, dass man funktionsfähige und sichere Atomkraftwerke abschalten muss, die, da bereits abgeschrieben und voll finanziert, das Kilowatt Strom zu etwas mehr als einem Cent produzieren können, dass man aber z. B. Photovoltaikanlagen pro Kilowatt über eine Laufzeit von 20 Jahren mit 54 Cent subventionieren muss?

    Und was ist mit den Chinesen und Indern ? Warum befolgen Sie nicht die Feststellung von Christiane Grefe:
    „
    Sie ist teuer, riskant und veraltet. Die Kernenergie hat ausgedient. Warum bloß verteidigen sie einige noch immer?“

    Wer leidet da nur unter Realitätsverlust ?

    • WIHE
    • 28.04.2006 um 10:51 Uhr

    Mallorka steht noch auf der Liste, ich war noch nicht da.

    Aber im Sommer werde ich wahrscheinlich von Hütte zu Hütte durch die Alpen wandern.

    Da bin ich etwas intensiver der Höhenstrahlung ausgesetzt, die hoffentlich mein Immunsystem etwas verstärkt. Ob sie es tut, weiß ich nicht, alles Spekulation, vielleicht schadet sie auch, ebenfalls Spekulation.

    Gruß WIHE

  4. Wo genau werden denn "weltweit" die vielen neuen Reaktoren gerade gebaut? Frankreich? England? USA? Andorra? Swasiland?

    Zitat aus themenpapier_atomkraft.pdf des Bundesumweltministeriums:
    "Unter den 27 (einschließlich Taiwan mit 29) Reaktoren, die die IAEA zum Beleg einer bevorstehenden
    globalen Renaissance anführt, sind fast die Hälfte schon zwischen 17 und 29 Jahren „im Bau“ – normalerweise nennt man so etwas Bauruinen.
    Dazu kommen zwei Meiler aus amerikanischer Produktion in Nordkorea, die die USA dem kommunistischen Regime versprochen haben, sofern es auf die Entwicklung von Atombomben verzichtet. Danach sieht es derzeit nicht aus. Mehr als vorbereitende Arbeiten für eine Baustelle gibt es am vorgesehenen Standort bis heute nicht. Es bleiben übrig: acht Bauvorhaben in Indien, zwei in China, zwei in Taiwan, zwei in Japan, eines in Südkorea.
    Sieht so eine „weltweite Renaissance“ aus?"

    Wenn Leute wie OttoN oder Herr von Randow, oder totalitäre Regimes wie China und Nordkorea die Markt- und Naturgesetze aus ideologischen Gründen ignorieren, ist gerade dies ein weiterer Grund für Deutschland, das Gegenteil zu tun.

    Gruß Skarrin

    • Dinu
    • 27.04.2006 um 16:27 Uhr

    Liebe Frau Grefe, schön das es wenigstens eine art gegendarstellung zu dem Artikel von Gero von Randow in der Zeit vom 20. April 2006 gibt.

    Ich finde der Artikel "Von der Angst verstrahlt" von Gero von Randow ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten, denn die Menschen in Weißrussland werden nicht von der Angst verstrahlt, sondern durch die Aufnahme von Cäsium 137, Strontium 90 und Plutonium über die Nahrung. Jeden Tag!

    Die Menschen dort haben auch keine Angst vor dem Atom oder vor verseuchter Nahrung, sondern dass man Ihnen Ihre Kuh wegnimmt. Radioaktivität sieht man nicht und riecht man nicht und sie tut nicht weh - sie jagt niemandem Angst ein!

    Der Verdrängungsprozess, den Sie beschreiben ist augenscheinlich. Alle Probleme scheinen gewesen und damit gelöst zu sein: "Aber die Kernschmelze war auch hierzulande eine entfernte Möglichkeit. Viele Jahre hat es gedauert, bis die hiesige Industrie..." (Gero von Randow).

    Der Tenor im Artikel ist, dass das einzige Problem in Weißrussland eine übertriebene Hysterie ist. Auch im Bericht der IAEA ist folgendes zu lesen: "Armut, Lifestyle-Krankheiten, und psychische Probleme stellen eine viel größere Bedrohung für die lokalen Gemeinden als die Verstrahlung dar." (Pressemitteilung der IAEA, vom 5.9.2006, Seite 3). Auf einer solchen Pressemitteilung basieren dann die Berichte von ZEIT und Wikipedia!

    Das traurige ist, dass eine Wochenzeitung, die 20 Jahre ZEIT zum recherchieren hatte, sich nicht mal die Mühe macht, die Zahl der mißgebildeten oder an Leukämie erkrankten Kinder zu ermitteln.

    Und die IAEA hat bis 10 Jahre(!) nach dem Unfall die 4000 Schilddrüsenkrebsopfer "irgendwie übersehen" und erst jetzt in Ihrem neuen Bericht 2005(!) gnädig eingeräumt. Das kommt davon, wenn ganze "Batallione von Medizinern Informationen zusammentragen" (Gero von Randow).

    In den letzten Tagen konnte jeder Zuhörer von SWR2 "Wissen" Zeuge werden von den Zuständen vor Ort. Sie finden unter www.swr2.de/wissen (Artikel "Verstrahlt, vermessen, vergessen" vom 26.4.2006 und "Leben in der verbotenen Zone" vom 21.4.2006) jedenfalls mehr Informationen als in 20 Jahren ZEIT, Abteilung ""Wissen".

    (ich habe diesen beitrag auch als leserbrief an die ZEIT geschickt)

    Liebe Grüße,
    Dr. Dinu Scheppelmann

    • Wilmen
    • 28.04.2006 um 12:52 Uhr

    Vielen Dank für Ihren Artikel "Ganz von gestern", in dem Sie Ihrem Kollegen Gero von Randow vehement widersprechen.

    Wie schreibt die taz in ihrem Artikel "Medien-Fallout" heute so schön: "Den sowjetischen Havarieorden am Bande für die nachträglich erfolgreichste Liquidation der Katastrophe gebührt allerdings der ZEIT". Dieser trefflichen Beschreibung der Berichterstattung zum Thema in Ihrer Zeitung sind Sie mit Ihrem Beitrag wenigstes ein Stück weit entgegen getreten.

    Angelika Wilmen

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