Der Mann auf der Klägerbank faltet die Hände, löst sie wieder, zieht einen blauen Kugelschreiber aus dem Koffer. Während der Richter am Koblenzer Verwaltungsgericht mit monotoner Stimme die »Anfechtung gegen den Abfallgebührenbescheid« verliest, lässt er den Kugelschreiber auf- und zuschnappen. Kläger Carl Rheinländer hat viel zu sagen, aber zu hören ist nur das Klicken seines Kulis. An einem solchen Plastikkugelschreiber entscheidet sich vielleicht dieser Prozess. BILD

Rheinländer, 46, klagt gegen den Landkreis Bad Kreuznach. Seit sieben Jahren weigert er sich, Restmüllgebühren zu bezahlen. In dieser Zeit hat er zwei Prozesse und 10000 Euro verloren. Sein Konto wurde gepfändet.

Er will die Welt verändern – und das Gericht fragt nach Windeln und Kulis

Dieser Mann wird getrieben von einem Wunsch, der stärker ist als jedes Urteil: die Umwelt retten. »Wenn ich kein Recht bekomme, heißt das noch lange nicht, dass ich kein Recht habe«, sagt er. Als erster und einziger Haushalt soll seiner von der Restmüllgebühr befreit werden. Ihren Restmüll verwertet Familie Rheinländer selbst weiter, so umweltverträglich wie möglich.

Rheinländer ist ein kleiner Mann. Freundlich blickt er aus braunen Augen. Der jahrelange Streit mit den Behörden hat Falten in sein Gesicht gegraben. Doch sein Haar ist noch immer dicht und ganz schwarz. Er ist freischaffender Künstler, nennt sich Bauökologe. Im Hunsrück ist er geboren und geblieben, das hört man auch, wenn er in singendem Pfälzisch spricht. Er trägt einen roten Wollpullover, seine dunkle Jeans hat Lederaufsätze an den Knien. Die Füße stecken in schwarzen Stiefeln mit roten Schnürsenkeln. Schwarz-Rot, die Farben der Anarchie.

Neben ihm auf dem Stuhl liegt ein abgegriffener Lederkoffer, in dem er alle Dokumente des Rechtsstreites verstaut hat. Das Reden überlässt er lieber seinem Anwalt. Der könne es besser »durchschauen, wenn das Gericht Intrigen plant«.

Der Landkreis kommt in Gestalt von Friederike Münzenberg, 39. Die Juristin ist Leiterin des Rechtsamtes im Kreisverband. Die schlanke Frau trägt die Haare kurz. Der elegante Blazer sitzt tailliert, und die Stoffhose fällt über hochhackige Schuhe.

Rheinländer möchte die Welt verändern – und das Gericht fragt ihn nach Babywindeln, Zigarettenkippen und Plastikkugelschreibern. Kein Wunder, dass Rheinländer unruhig wird und nervös auf seinem Kuli herumklickt. Bisher hat ihm kein Richter geglaubt, dass er seine Plastikkugelschreiber in einem Eimer sammelt und zu einem Kunststoffverwerter bringt.

Rheinländers Weigerung, die Restmülltonne anzuerkennen, kommt ihn teuer zu stehen. Sie kostet viel mehr als die Müllgebühren. Die Prozessgebühren bezahlt er aus dem Erbe seines Vaters.