Gleiche Steuer für alle?

Finanzminister Peer Steinbrück will Dax-Konzerne und Mittelständler einheitlich belasten. Die Frage ist, ob der Staat sich das leisten kann

Diese Debatte passt Peer Steinbrück überhaupt nicht ins Konzept. Während seine Partei die Frage erörtert, ob man mehr Steuern eintreiben müsste, müht sich der Finanzminister, eine höhere Belastung von Bürgern und Wirtschaft auszuschließen. Drei zusätzliche Punkte bei der Mehrwertsteuer zur Sanierung der öffentlichen Finanzen, das sei unvermeidbar, noch mehr Steuern aber werde es mit ihm nicht geben. Mehr noch: Der forsche Sozialdemokrat brütet über der Reform der Unternehmensbesteuerung – und hat angekündigt, dass er die Steuersätze senken will.

In seiner ersten Haushaltsrede vor dem Bundestag Ende März verkündete Steinbrück die »Abkehr vom alten Dualismus der unterschiedlichen Besteuerung von Personengesellschaften und Kapitalgesellschaften«. Er versprach zudem ein Kunststück. Als »wichtiges Signal für Investoren« würden die Steuersätze gesenkt, so Steinbrück, aber ohne den Staatshaushalt »in Milliardenhöhe« zu belasten. Die Unternehmensteuern würden »transparenter, einheitlicher und rechtsformneutral«. Mit der Reform, die Anfang 2008 in Kraft treten soll, werde die Regierung »zu mehr Wachstumsdynamik in unserem Lande beitragen«.

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Steinbrücks Worte klingen zu schön, um wahr zu werden. Zu widersprüchlich sind die Ziele. Entweder er schichtet die Steuerlast unter den Unternehmen nur um. Dann kostet die Reform den Staat nichts, aber sie verfehlt den Hauptzweck: international wettbewerbsfähige Steuersätze für die gesamte Wirtschaft. Oder er senkt die Steuersätze kräftig – dann wird die Reform für den Staat teuer. Das Vorhaben wird noch schwieriger, weil Schwarz und Rot im Parlament verschiedener Meinung sind. CDU-Finanzpolitiker wollen alle Unternehmen entlasten, während für einflussreiche Sozialdemokraten wie den Fraktionsvize Joachim Poß jeder Schritt zu viel ist, der über die Beschlüsse des Job-Gipfels vor einem Jahr hinausgeht. Damals wurde unter anderem ein Körperschaftsteuersatz von 19 Prozent vereinbart.

Müssen die Unternehmen überhaupt entlastet werden? Nach der letzten, von Rot-Grün beschlossenen Unternehmensteuerreform wurden die Finanzämter sogar zu Auszahlungskassen für die Konzerne. Doch abgesehen davon, dass sich die Einnahmen aus der Körperschaftsteuer wieder normalisiert haben und auch die Gewerbesteuer wieder üppiger fließt (siehe Grafik), ist das nur ein Ausschnitt, nicht das Gesamtbild. Niemand weiß, wie hoch die Steuerlast der Wirtschaft in Deutschland insgesamt ist. Selbst die Fachleute der EU-Kommission, die regelmäßig internationale Vergleiche anfertigen, haben vor dem intransparenten deutschen Unternehmensteuerrecht kapituliert.

Das Problem sind die 2,8 Millionen meist mittelständischen Personengesellschaften und Einzelunternehmen, die insgesamt zwei Drittel aller deutschen Arbeitnehmer beschäftigen. Die Statistiken zeigen nicht, inwieweit die Steuern dieser Firmen dem betrieblichen und dem privaten Bereich der Inhaber zuzurechnen sind.

Klar ist dies nur bei den Kapitalgesellschaften. Die entsprechenden Zahlen deuten allerdings darauf hin, dass sich der Beitrag der Wirtschaft zur Finanzierung des Staates in Grenzen hält. Allein die 30 im Börsenindex Dax gelisteten Unternehmen, die Premiumklasse der Wirtschaft, wiesen im vergangenen Jahr zusammen mehr als 50 Milliarden Euro Gewinn aus. Alle 500.000 deutschen Kapitalgesellschaften zusammen zahlten aber gerade einmal gut 16 Milliarden Euro Körperschaftsteuer. Das ist weniger, als der Bund aus Tabak-, Kaffee- und Branntweinsteuer einnimmt.

Generell zahlen die Unternehmen also nicht zu hohe Steuern. Dennoch ist eine Reform nötig – zu hoch sind im internationalen Vergleich die nominalen Steuersätze. Das geben auch Kritiker wie der Ökonomieprofessor Lorenz Jarass von der Fachhochschule Wiesbaden zu, der sonst durchaus eine zu laxe Besteuerung der Betriebe bemängelt. Die nominalen Sätze sind im internationalen Wettbewerb entscheidend dafür, wo vor allem multinationale Konzerne investieren und Arbeitsplätze schaffen oder wo sie zumindest ihre Gewinne versteuern. Für sie sind die gegenwärtigen deutschen Steuersätze ein Anreiz, Gewinne ins Ausland und Verluste nach Deutschland zu verschieben.

Ziel ist eine Gesamtsteuerlast von nicht mehr als 30 Prozent

Leser-Kommentare
  1. Das sollte der Anfang sein - aber da geht niemand ran: nirgendwo wird die Bemessungsgrundlage künstlich so runtergerechnet wie bei uns. Da sind die formalen Hebesätze zu vernachlässigen. Alles andere ist Augenwischerei.
    Aber darüber wird nur ganz gelegentlich gesprochen - auch dieser Artikel streift das eigentliche Problem nur in einem kleinen Atemzug.
    Das tut niemandem weh. Gut so? Nein, eben nicht.
    Überhaupt: unser Steuerstaat ist noch völlig pleite durch die absolut unverantwortlichen rot-grünen Steuersenkungsorgien - jetzt dürfen die Belastungen (bei den Besitzenden, Vermögenden, der Wirtschaft) nur noch nach oben gehen. Heute schon wieder von "sprudelnden Steuereinnahmen" (die es für die Wirtschaft zu verbraten gilt) zu faseln, ist völlig verantwortungslos.

  2. Der Zug ist in weiten Bereichen doch längst abgefahren, seit auch der Mittelstand den Weg gen Osten gefunden hat.

    Ich arbeite in einem mittelständisches Unternehmen, Entwicklung und Fertigung von Elektronikbauteilen.

    2000 : rd.180 MA in Deutschland
    2005 : 114 MA in Deutschland, rd. 350 MA in Estland

    Für 12/2007 geplant : Schliessung der Produktion in Deutschland. Lediglich der Vertrieb bleibt (zunächst) erhalten. F+E wird (zunächst) als eigenständiges Unternehmen weitergeführt. Ob wir überhaupt überleben können, steht in den Sternen.

    Deutsches Steuerrecht etc. interessiert unsere Geschäftsleitung nach eigenem Bekunden schon heute kaum noch. Mir wurde gesagt, man habe einfach keine Lust mehr, sich mit der verfahrenen Situation in Deutschland auseinanderzusetzen.

    Schönen Tag noch.

  3. Statististische Aufbereitung der Zahlen ist eine Sache, die Interpretation eine andere.

    1. Aus der Betrachtung des Verhältnises Gewinne der Dax-Unternehmen/Körperschaftssteueraufkommen aller Unternehmen die gesamte Steuerebelastung aller Unternehmen als zu niedrig zu werten, ist unvollständig.

    Ein Grund unter vielen könnte die große Ungleichverteilung der Gewinne sein. Wenn die meisten auf den Binnenmarkt beschränkten Unternehmen die letzten Jahre mit einem mageren Ergebnis abgeschlossen und nur die international tätigen Unternehmen nennenswerte Gewinne gemacht haben, sagt das Verhältnis nur wenig aus. Desgleichen muß berücksichtigt werden, daß die Zahl Kapitalgesellschaften die vielen Verwaltungsgesellschaften der GmbH &Co.KG und Ein-Personen-GmbH im unteren Gewinnsegment beinhaltet.

    2. Wir können uns drehen, wie wir wollen. Entscheidend sind die Steuersätze im internationalen Vergleich. Bei zunehmender Technisierung der Verwaltungsabläufe stehen die Verlagerung aller Vorgänge, die sich auf PC übertragen lassen zu befürchten. Denn die Länder Tschechien, Slowakei, Kroatien, Slowenien verfügen über deutschsprachiges und immer besser ausgebildetes Personal bei niedrigeren Lohnkosten und Steuersätzen.

    korfstroem

    • sbo78
    • 02.05.2006 um 1:19 Uhr

    Die wichtigste Reform des Steuerrechts wäre es, den Paragraphendschungel zu lichten. Auch auf die Gefahr hin, dass viele Vergünstigungen (die oft gerechtfertigt sind!) wegfallen würden.

    Dann hätte man ein einfaches, durchschaubares System mit weniger Gestaltungsspielräumen vor allem für große, internationale Unternehmen. Und könnte sich daran machen, die Steuersätze so festzulegen, dass das Aufkommen an sich gleich bleibt - unter den Unternehmen jedoch gerechter (am tatsächlichen Gewinn bemessen) verteilt wird.

    Da Kapital insgesamt sehr flüssig ist, gilt es auch darauf zu achten, dass die Belastung international wettbewerbsfähig ist. Obwohl das zwangsläufig ungerecht ist, weil hohe Einkommen dadurch eine für deutsche Verhältnisse zu geringe Steuer zahlen würden.

    Wie wäre es, wenn man Gewinne erst besteuert, wenn sie ausgeschüttet werden oder ins Ausland fließen? Dann stünden die Gewinne für Investitionen steuerfrei zur Verfügung und könnten in folgenden Jahren höhere Gewinne erarbeiten - die dann bei Ausschüttung an die Anteilseigner besteuert würden. Hier eine gerechte und umsetzbare Lösung zu finden dürfte allerdings schwer bis unmöglich sein - also fangen wir besser erstmal mit obigem an!

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