Werte Dagegen war Kohl modernSeite 4/4
So werden die »Fremden« gern vorgestellt als diejenigen, die sich abkapseln oder einbunkern in »Parallelgesellschaften«. Ganz lassen sich solche Tendenzen nicht von der Hand weisen. Zunächst einmal aber ist das kein Problem der Migranten allein. Eine »Parallelgesellschaft« bilden die Kinder der Rütli-Schule nicht, weil es sich vornehmlich um deutsch-türkische und deutsch-arabische Ethnien handelt. Die Hauptschulen sind vielmehr zum Teil einer sozial deklassierten »Parallelgesellschaft« geworden, die sich selbst perpetuiert – das Migrantenproblem kommt nur erschwerend hinzu.
Blind aber ist die Öffentlichkeit nicht speziell gegenüber »Parallelgesellschaften« von Migranten, sondern gegenüber Ausgrenzungen und Selbstausgrenzungen, gegenüber der wachsenden Zahl der Deklassierten unserer Moderne ganz generell.
Bis zum Rückzug auf das eigene »kulturelle Kapital« ist es dann, wie Heitmeyer/Leibold und Kühnel in einer Untersuchung über »Parallelgesellschaften« schreiben, gerade bei Zuwanderern oft nur noch ein kleiner Schritt: Insbesondere die Religion gewinne als letztes Kapital, über das die Migranten autonom verfügen können, daher rasch ihre besondere Rolle. Ja, Stoff wäre das für eine differenzierte Debatte, die hinter der Parole »Integration« nicht nur Ausgrenzungswünsche verbirgt.
Stattdessen wächst die Neigung, sich den Islam herauszugreifen als Paradebeispiel für solche Selbstausgrenzung, als sei er an sich das Problem. So wie Bischof Wolfgang Huber für die protestantische Seite auf den Karikaturenstreit in Dänemark reagierte, was er erwiderte auf das Urteil zum Mord an Hatun Sürücü, schimmert da nicht eine pauschale Abwehrhaltung durch? Auffällig ist jedenfalls schon, wie vergleichsweise tolerant und liberal der katholische Episkopat reagierte. Weil er mit Papst Benedikt einen wortmächtigen Wortführer und Wertdefinierer hat? Oder weil der moderne Protestantismus in der säkularisierten Arena seinen Halt unter den Füßen verliert und besonders begierig nach dem fundamentalistischen Strohhalm greift, der unter der Oberfläche nie so ganz fremd war?
Was, die Politik fragt nach Leitkultur? Haben wir im Angebot, erwidern die Kirchen. Wünschen würde man sich stattdessen, sie fielen der Politik in den Arm, wo diese unsicher wird, wo sich Überfremdungsfantasien in die Debatte über die sinkende Geburtenrate mischen oder wo der ethnisch bereinigte Begriff eines aussterbenden »Deutschtums« (ohne Muslime) auftaucht, der weit hinter den Einwanderungskompromiss und das Staatsbürgerschaftsrecht zurückfällt. An dieser Stelle, beim interkulturellen Brückenschlag (nicht zu verwechseln mit »Dialog der Kulturen«), hätte man sich die Kirchen, einschließlich Wolfgang Huber, erhofft – in der Absicht, mit der multikulturellen Realität vertraut zu machen, den Begriff also von seinem destruktiven Beigeschmack zu befreien.
Ob Angela Merkel sieht, dass sie einiges gerade rücken müsste? Kay Nehm sollte sie unterstützen, wenn er argumentiert, er müsse eingreifen, wenn eine »fremdenfeindliche Straftat« geeignet ist, »Verfassungsgrundsätze zu untergraben«. Was der Bundesanwalt nicht ausspricht, muss man allerdings an der Stelle hinzufügen: Es gibt Anlass, daran zu erinnern, dass nicht nur Extremisten, sondern auch Politiker und Journalisten aus der Mitte heraus mit ihrer öffentlichen Sprache »Verfassungsgrundsätze untergraben« können.
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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Wie Sie schreiben, glaubten Sie
"ganz fest daran, dass man manche der sattsam beschriebenen Auswüchse sehr wohl verhindert hätte, wenn man nur darauf verzichtet hätte, den nachwachsenden Generationen ständig einzutrichtern, dass sie auschließlich Rechte (davon aber satt und lange, Vater Staat bezahlt!), nie aber auch Pflichten hätten."
Aber das hat man doch:
/Zitat
Eltern sind wieder strenger - Die Zeiten liberaler Erziehung sind offenbar vorbei.
Die Tage liberaler und antiautoritärer Erziehung sind gezählt. Die Ziele der Erziehung haben sich nach Einschätzung der stellvertretenden Leiterin des Instituts für Demoskopie in Allensbach, Renate Köcher, in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland radikal geändert. Während in den 70er Jahren eher die freie Entscheidung der Kinder als Wert betont wurde, wollten die Eltern nun ihre Kinder wieder stärker prägen. Eltern wollten beispielsweise mitbestimmen, welche Freunde ihre Kinder haben oder welche Bücher sie lesen. (Südwest Presse 26.04.1993)
/Zitat
Nehmen Sie so etwas einfach nicht zur Kenntnis? Dabei werden Veröffentlichungen von Allensbach von allen Medien verbreitet und von ungleich mehr Leuten gelesen, als irgendwelche Wirr-Schriften eines seinerzeit unter sopätburtären Zuckungen leidenden Cohn-Bendit. Ich z. B. habe noch keine Zeile von ihm gelesen.Wie also sollte er mich beeinflusst haben?
Wieso impliziert die Bemerkung, auch Blonde und Blauäugige könnten Opfer von Überfällen werden, dass diese Überfälle von schwarzen Schlägertrupps ausgeführt werden? War da noch was in Schäubles Äußerung, was der Autor weggelassen hat - ich hab den Satz also nochmal gelesen, kam immer noch nicht zum Schluss des Autors, aber immerhin zu einer lebhaften Vorstellung vor meinem geistigen Auge, von einem hysterischen Journalisten der mit ausgestrecktem Finger ruft "Da!Da! Eine rassistische Bemerkung! Ich hab's zuerst gesehen!" - Was soll das? Über sehr verquere Wege komme ich tatsächlich dazu, diese Bemerkung als rassistisch aufzufassen, wenn ich nämlich "blond-und-blauäugig" in eine Reihe mit Wendungen wie "Blut-und-Boden" oder "Schnell-wie-Windhunde" setze (was ich, ganz ehrlich, reichlich bescheuert finde), da bin ich zwar dann immer noch nicht bei den dunkelhäutigen Schlägertrupps, aber immerhin! So ein alter Nazi, der!
Von der Aussage her kann ich dem Artikel im übrigen zustimmen - aber so was wie oben beschrieben hatte er nicht nötig.
Sie schreiben:
"Was das Bündnis für Erziehung angeht, so kann ich Herrn Hoffmann nicht nachvollziehen.
Das basiert meiner Meinung nach ausschließlich auf Schwarz/Weiss Vorstellungen und den dazugehörigen Vorurteilen. Denn die Schlussfolgerungen sind nicht zwangsläufig"
Doch, denn die Bilder sind eindeutig, und die Bilder sind die Botschaft: links ev. Bischöfin - rechts kath. Bischof - in der Mitter die CDU-Ministerin: an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen.
Sie schreiben:
"Wahrscheinlich haben Sie mich missverstanden, ich meinte nicht den abstrakten Rahmen, sondern den konkreten Erziehungsfall, da kann ich nicht mit dem Grundgestz wedeln"
1. Warum benützen solche herabsetzenden Begriffen wie "mit dem Grundgesetz wedeln". Fällt es Ihnen, der Sie sich doch offensichtlich als chrstlich verstehen, die Meinung Anderer einfach zu respektieren, ohne diese gleich herabzusetzen? Mit welchen Werten würden Sie den eine solche Haltung begründen?
2. Sie halten es offensichtlich nicht für erforderlich, nachzudenken oder sich gar zu informieren, bevor sie Ihre Meinung kundtun. Halten Sie es nicth für nachdenkenswert, warum ein allem Anschein nach erfahrener Fachmann ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Die Würde des Schüler ist antastbar", der sich unübersehbar auf Art.1,1 des GG bezieht, wenn dies nichts mit konkretem Erziehungshandeln im Alltag zu tun hätte?
Sie schreiben ferner:
"Mehr Kenntnisse über die Religion die uns jahrhundertelang geprägt hat, und die Werte, die sie vertritt, wären wünschenswert."
Meinen Sie das wirklich? Würde mehr Kenntnis über die jahrhunderlange Praxis christlicher Religionen nicht eher dazu führen, dass noch mehr Menschen sich regelrecht entsetzt abwenden würden, wenn sie detaillierter wüßten, was im Namen des Christentums in den vergangenen zweitausend Jahren so alles veranstaltet wurde?
Wäre dieses Entsetzen nicht noch größer, wenn bekannt würde, wie z. B. bis in die 1970er hinein in christlich geführten Heimen, z. T. unter direkter bischöflicher Aufsicht, "christliche Werte" verrmittelt wurden? Die damals davon als Opfer Betroffenen beginnen jetzt, sich öffentlich zu äußern. Nach heutigen Maßstäben müssten die Verantwortlichen - auch Bischöfe - wegen Misshandlung Heranwachsender hinter Gitter.
Liebe Frau rettich, ich bin doch durchaus mit Ihnen überein: Als Europäer sollte man vom Christentum wissen, sonst versteht man zuviel Geschichte nicht. Und ich habe auch nichts gegen Eltern, die ihre Kinder auf eine christliche Privatschule schicken, weil sie glauben, die sei besser als eine staatliche. (Ich vermute nur, dass "Privat-" hier wichtiger ist als "kirchlich".)
Und mit den christlichen Werten muss man halt ein bisschen vorsichtig sein: Zu viel lässt sich aus Bibel und Kirchengeschichte herausklauben, das nicht zusammenpasst oder sonstwie schal schmeckt. Aber wenn wir da klug auswählen und die Verbindungslinien zu den Werten der Aufklärung herausarbeiten, können wir wahrscheinlich ganz zufrieden sein.
Ärgerlich wird es nur, wenn man das Christentum als Bollwerk gegen das Fremde, Uneuropäische missbraucht -- Europa steckt viel zu tief drin in fast allem, was in den letzten Jahrhunderten in der Welt geschehen ist und heute geschieht, als dass solche Abgrenzung glaubwürdig wäre.
Vielen Dank für diesen Artikel, v.a. nachdem sich jüngst auch die "Zeit" einige unselige Beiträge zu der Debatte beigesteuert hat. Mittlerweile hatte ich schon jede Lust verloren, mir die Medienbericht und Meinungen zu diesem Thema zu Gemüte zu führen.
Ich stimme Ihnen, Herr Hoffman, auf ganzer Linie zu. Vielleicht hätten Sie noch die zugegebenermaßen erst in ihren Anfängen befindliche Debatte zum Thema "Popetown" erwähnen sollen. Ich befürchte, dass wir es erleben werden, wie laute Entrüstungsschreie aus einer Ecke kommen werden, für die die Mohammed-Karikaturen noch als Ausdruck demokratischer Meinungsfreiheit galten. Allein schon der Werbekampagne wegen: Wohlgemerkt, der islamische Religionsbegründer trug eine Bombe auf dem Kopf, der christliche sitzt nur lässig im Sessel, um fern zu sehen. Wie gesagt, die Debatte steht erst am Anfang. Aber ich habe noch keine Solidaritätskundgebungen für MTV gehört, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Mal sehen, was da noch auf uns zukommt. Ich befürchte aber, dass die Doppelzüngigkeit auch diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen wird, sich ihren Weg in die deutsche Öffentlichkeit zu bahnen.
Moeglicherweise hat Frau v.Leyen auch gedacht dass man erstmal die Christen ( Prot.Kath) unter einen Hut kriegen muss bevor man z.B Muslime einlaedt an diesen Gespraechen.Man kann nicht einfach behaupten dass sie es aus negativen Gruenden nicht getan hat. Denn wir wissen alle dass innerdeutsche Betrachtungen in Bezug Erziehung nicht unbedingt gut sind,es gibt zuviele Stolpersteine.
Herr Hofmann, 30 Jahre feuilletonistische Blabla in "Der Zeit" sind genug. Gehen Sie in Rente. Wie kommt ein alternder Alt-68iger Ideologe eigentlich dazu den Begriff "Modernität" für seine eigenen Wertvorstellung von Vogestern zu reklamieren. Ob Kohl 'moderner' als von der Leyen war, mag ich nicht zu beurteilen. Moderner und frischer im Denken als Sie war und ist er dagegen bestimmt.
Übrigens Herr Hofmann, warum sitzt denn der blauäuge und ehemals blonde Schäuble im Rollstuhl? Na?? Vergessen?Er ist nämlich selbts Opfer sinnloser nihilistischer Gewalt!. Als solches hat er schon ein gewisses Mitspracherecht!
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