Kino Blut, Rauch, Schwefel
Die Zeiten werden härter, der weltweite Kapitalismus skrupelloser. Und mit Wucht kehrt der politische Dokumentarfilm zurück
Ein »globales Drama«, so nennt der amerikanische Agrarwissenschaftler Ricardo Salvador die Art und Weise, wie der reiche Teil der Menschheit die Welternährung organisiert hat. Und er zieht einen drastischen Vergleich: »Wenn ein äußerer Feind einem Staat einen Teil seiner natürlichen Ressourcen wegnehmen, die wichtigsten Wasserquellen vergiften, einen Teil seiner Bevölkerung hungern lassen und Krebsbomben säen würde – selbstverständlich würde das als hoch brisanter Angriff auf die nationale Sicherheit angesehen.« Genau diesen Gefährdungen aber setze die globalisierte Landwirtschaft die Weltbevölkerung aus – ohne angemessene Gegenmaßnahmen. Schuld daran sei wohl, meint Salvador, ein Feind von innen: »Unwissenheit«.
Man kann es auch sagen wie der Geflügelzüchter Hannes Schulz in dem Dokumentarfilm We Feed The World – Essen global. Tausende piepsender Küken, »lebende Ware«, lässt er über verschlungene Fließbandstraßen zappeln, auf Stapel grüner Industriepaletten laden und in die Mastanlage kippen, den künstlich beleuchteten Wartesaal. Dabei beklagt er in deftigem Steiermärkisch die Ignoranz der Großeinkäufer und Konsumenten, deren Ansprüche – viel und billig – solche Produktionsformen überall erzwängen: »Weltfremder werden die Leute, und brutaler, und härter.«
Globalisiert, aber weltfremd: Diesen Widerspruch will der Filmemacher Erwin Wagenhofer auflösen. Mit seinem Lebensmittelindustrie-Film versucht er, den Zuschauern die ferne Wirklichkeit einer Ökonomie nahe zu bringen, welche die Weltregionen in spezialisierte Produktionszonen einteilt und damit Verschwendung, Hunger und ökologische Wüsten schafft – ohne Rücksicht auf Menschen und Zukunftsressourcen . Wagenhofer begleitet die energie- und wasserverschlingend produzierte Ganzjahrestomate auf ihrer 3000 Kilometer langen Reise von den Treibhausbaracken im südspanischen Almería nach Mitteleuropa. Er beobachtet einen Manager des US-Konzerns Pioneer, der traditionell wirtschaftende Bauern in Rumänien vor der High-Tech-Landwirtschaft und damit seinem eigenen Hybrid-Saatgut warnt: »We fucked up our agriculture in the west…« Beim Flug über Brasiliens mächtigen Mato Grosso erkennt er, dass der »große Wald«, die Weltlunge, die Sauerstoff atmet und Wasser speichert, kaum mehr Wald ist: Quadratkilometer um Quadratkilometer werden dem Sojaanbau geopfert – Futtermittelherstellung für den Wohlstandshunger auf Fleisch, während die Menschen im Norden des gleichen Landes nichts zu essen haben. All das kommentiert Jean Ziegler, der Aufklärer und Moralist und derzeit UN-Beauftragter für das Recht auf Nahrung.
»We Feed The World« beginnt mit dem langen Blick auf ein wogendes Getreidefeld. Das wirkt wie die Hommage an einen Dokumentarfilmklassiker: Septemberweizen. Bereits 1980 war der Freiburger Filmemacher Peter Krieg darin dem Skandal des Hungers im Überfluss nachgegangen. Auch die Strukturen der globalen Fleischwirtschaft wurden schon in den Achtzigern entlarvt: in Peter Hellers McDonald’s-Satire Dschungelburger – Hackfleischordnung international.
Dass diese und weitere Filme selbst nach 25 Jahren kaum an Aktualität eingebüßt haben – Septemberweizen kommt in der Reihe Delikatessen demnächst wieder in 50 deutsche Lichtspielhäuser –, zeigt, dass die Globalisierung tatsächlich nicht neu ist, sondern ein seit langem voranschreitender Prozess, der sich nur beschleunigt hat. Zugleich belegt das thematische Revival Ricardo Salvadors Urteil, dass sich zwar viel geändert hat – aber, trotz UN-Konferenzen, Klimaabkommen und Bio-Boom, nicht genug; dass die »Gegenmaßnahmen« längst nicht »angemessen« sind.
Dennoch – besser: deshalb – scheinen Dokumentarfilmer sich nach Jahren der Konzentration auf leichtes Fernsehfutter wieder vermehrt an das große Trotzdem der Aufklärung zu wagen, das in den ideologisch monochromen, ironisch abgebrühten neunziger Jahren gern als anachronistisch und »politisch korrekt« verhöhnt wurde. Je härter die Zeiten, desto mehr haben Dokumentarfilme wieder Konjunktur, die scheinbar undurchschaubare Verbindungen und Folgen der Globalisierung ins Bild setzen. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass überraschend viele ihrer Autoren aus Wagenhofers Heimat Österreich stammen, wo man, noch und wieder, auch regionale Wirtschaftskulturen zu verteidigen hat.
Der »schönen neuen Welt« der Agrarproduktion widmet sich beispielsweise auch Nikolaus Geyrhalter, der bei seiner Partie aufs ausgeräumte Land radikal nur leise Bilder sprechen lässt; sein Film Unser täglich Brot läuft Anfang Mai beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in München. Heftig umstritten stellt Darwins Albtraum von Hubert Sauper die vorherrschende Entwicklungsstrategie der Globalisierer für die Dritte Welt infrage, am Beispiel des Exports von Victoriabarschfilets aus Tansania nach Europa. Auch Peter Hellers Rauchopfer tourt durch Programmkinos und Diskussionsveranstaltungen: eine filmische Recherche über die Invasion der Tabakkonzerne in Afrika, die, vom amerikanischen Zeitgeist in Bedrängnis gebracht, jetzt im südlichen Afrika Wälder zerstören und Kunden verführen.
In den Achtzigern transportierten Dokumentarfilm-»Verleihgenossen« ihre »Filme im Rucksack« und schufen »Gegenöffentlichkeit«. Heute beauftragt Erwin Wagenhofer eine Media-Agentur, die allein in Österreich 59 Organisationen als Kooperationspartner gewonnen hat, und auch in Deutschland trommeln Organisationen von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft über Bioland bis Greenpeace schon seit Wochen für seinen Film.
Sie sollen mit ihren Materialien und Diskussionsveranstaltungen wohl auch nachliefern, was ihm fehlt: tiefere Analyse, Lösungen, Widersprüche. Warum wollen oder müssen Bauern in die Falle der Massenproduktion? Woher rührt unsere prassende Ess-»Kultur«? Wie soll man anders essen, warum tun es so wenige? Die bruchlose Empörung, die unter der scheinbaren journalistischen Lakonie der Szenen brodelt, ist zugleich die Schwäche wie die große Stärke von Wagenhofers Film, den allein in Österreich schon sensationelle 190000 Zuschauer gesehen haben.
Ebenfalls in dieser Woche startet Workingman’s Death, Michael Glawoggers grandioser filmischer Essay über körperliche Arbeit, den Pepe Danquart produziert hat. Glawoggers Epos ist nachdenklicher, vielschichtiger, künstlerischer gestaltet als We Feed The World. Er macht einen existenziellen Aspekt des Lebens sichtbar, von dessen Härte in fernen Teilen der Weltgesellschaft Dienstleistungs-Werktätige ebenso weit wie von der Herstellung ihrer Lebensmittel entfremdet sind, und führt an Orte, wo die körperliche Arbeit die Menschen täglich gefährdet. Für ihr Ausgeliefertsein erfahren sie nicht einmal mehr jene propagandistische »Wertschätzung«, mit der Arbeit hundert Jahre früher, so Glawogger, zu einer »Theologie« erhoben wurde.
Sein Film beginnt mit dokumentarischen Splittern, die den sowjetischen Mythos Stachanow feiern, den Bergarbeiter, der in der Ukraine 102 Tonnen Kohle in einer Schicht zu fördern in der Lage gewesen sein soll. Solche Verherrlichung der Arbeit war nur möglich, weil sie deren eigentliche Ausprägungen außen vor ließ. Schweiß, Schmerzen, Erschöpfung; die Konzentration des Körpers, sein ertastetes, beobachtetes Wissen um Material und Werkzeug; die Angst, die Witterung für Risiken; der immer neue Selbstantrieb; die mit Kollegen getauschten Griffe und Blicke: diese ausgeblendeten, sinnlichen Dimensionen der Arbeit sind es, die Glawogger würdigt.
Nur als bittere, absurde Anspielung lässt er dabei auch seine ungefeierten, vergessenen Stachanows posieren: die neuen »Helden« in der Ukraine, die wieder wie ihre Ururgroßväter rücklings durch 40 Zentimeter hohe Flöze kriechen, um Kohle abzubauen, weil sie keine andere Arbeit mehr haben. Die »Geister« in Ostjava, die im Eiltempo schwere Körbe voller Schwefelbrocken einen Vulkan herunterschleppen, beinahe schwebend trotz der 70Kilo-Last. In der nigerianischen Stadt Port Harcourt begegnet Glawogger »Löwen«, Schlachthofarbeitern, die in einer Hölle aus Blut, Rauch und Schlamm Rinder und Ziegen abstechen, rösten, waschen, häuten, zerteilen. Im pakistanischen Gaddani zerlegen »Brüder« zwischen Explosionen und herabstürzenden Trümmern gigantische Öltanker, die aus dem globalen Verkehr gezogen sind. Chinesische Stahlarbeiter blicken ihrer Abschaffung durch die technische Modernisierung entgegen.
Nein, dies sind keine revolutionären Subjekte. Es sind auf sich selbst Geworfene, Einzelkämpfer, in Unsicherheit nicht Ruhende, deren Solidarität in der Konkurrenz globaler Märkte keine Macht mehr erzeugt, sondern nur noch in leisen Gesten der gegenseitigen Hilfe bestehen kann. Verstörend ist ihr Fatalismus. Selbst der nigerianische Schlachter, der Einzige, dessen archaischem Werk auch Status zugeschrieben wird, sagt: »Wir sind in die Leiden geboren…«
Er wolle, sagt Michael Glawogger, »den Arbeiter zum Helden machen, ohne dass ich etwas von ihm will«. Man könnte diese Haltung Liebe nennen. Auch Wolfgang Thalers Kamera zeugt davon. Er muss selbst ein Held der Arbeit geworden sein, wie er im Akkord mit dem indonesischen Schwefelträger durch die stinkende Hitze hetzt oder durch die engen Schlachthofgassen mit den nigerianischen Männern, die riesige Fleischfetzen wie Kleider über Schultern und Leib zu den wartenden Autos tragen.
Glawogger und Thaler haben einen empathischen, nie überheblichen Blick. Die kunstvolle Komposition ihrer Bilder bleibt diesseits der Grenze zu einer Ästhetisierung, welche die Menschen nur funktionalisieren würde. Immer wieder stoßen sie auf Momente, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart brechen; etwa wenn der gleiche Schwefelarbeiter, der eben noch seine Angst vor Unfällen mit einem Ziegenkopfopfer vertrieben hat, nun von Bon Jovi schwärmt und auf seinem Vulkan für europäische Wandertouristen posiert.
Die Härte ihrer Beobachtungen unterstreichen Regisseur und Kameramann mit symbolischen Farben: dem trügerischen Rosa der Morgens, wenn die Arbeit beginnt. Dem Schwarz-Grau der tristen ukrainischen Landschaft. Dem giftigen Gelb-Grün des Kraters. Dem Schwarz-Rot von Fleisch und Asche, Blut und Tod in Nigeria.
Ein ganz anderes Farbspiel zeigt ihr Epilog. Aus dem Stahlwerk in Duisburg ist die Industriearbeit verschwunden. Während man den bunten Strahlen eines Lichtkünstlers auf dem mächtigen Gebäudekoloss folgt und dem Lachen der Freizeitgesellschaft auf Arbeiterkulturstätten-Besichtigung, schießt einem unwillkürlich der Satz der Ukrainerin in ihrer Kohlenmine durch den Kopf, die es auch einmal anders gekannt hat: »Alles wird geschlossen. Alles zerfällt.« Und die Frage drängt sich auf: Wie lange noch werden wir Profiteure einer nur vermeintlich »entmaterialisierten« Wirtschaft bleiben, die auf der Schufterei anderswo gründet und auf Entwurzelung?
- Datum 12.01.2012 - 21:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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Dass die Urwälder die "Lunge der Welt" sind ist ein Mythos!! Die Ozeane sind diejenigen, die den meisten Sauerstoff produzieren. Was natürlich nicht heißen soll, dass man (Ur-)Wälder deswegen nicht/weniger schützen sollte...
die beschriebenen Filme, oder zumindest der eine, "We feed the world", leiden offenbar immer noch unter der alten Schwäche ihrer Vorgänger: der, wie es die Autorin so schön nannte, "bruchlosen Empörung, die unter der scheinbaren journalistischen Lakonie der Szenen brodelt" - oh wie ich das hasse. Natürlich ist kein Film, kein Buch, kein Artikel objektiv, natürlich wird er immer vom Erkenntnisinteresse des Schaffenden geprägt - aber ist denn niemand in der Lage, einen nüchternen, eben "journalistisch lakonischen", aufklärenden Film zu drehen, den ich mir ebenso gerne ansehen würde wie mir bei den anderen die Wut hochkommt. Ich kann diesen sozial-selbstgerecht-moralisierenden Ton sowenig vertragen, dass ich den sicherlich sehr wichtigen und erklärenden Inhalt des Films gar nicht mehr wahrnehmen kann - wie soll man auch? Sobald man merkt, dass der Filmmacher ungefähr so neutral und klar denkend ist wie einer der versucht sein brennendes Haus zu löschen, kann man doch gar nicht anders als nichts so zu akzeptieren, wie es einem gezeigt wird. Und das wars dann. Ich finde, man dürfte sowas nicht Dokumenatrfilm nennen. Nennt es Betroffenheitsfilm, und dann lasst jemanden an euer Material der kein Herz und kein Gefühl kennt, und der darf dann die Doku schneiden. Dann gehen Leute wie ich auch wieder in solche Filme.
We feed the world ist beeindruckend sachlich - ja, das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte zu diesem Thema schon so viele überzogene oder tendenziöse Filme, so viele fast missionarischen Worte und skandalheischenden Bilder gesehen. Hier aber sprechen die Worte und Bilder ihre eigene, ruhige, authentische und deutliche Sprache. Man muss eben nur sehr genau hinsehen und hinhören. Der Film ist nichts für nebenbei. Er sagt auch nicht: Geh raus und mach es so und so; dafür ist die Situation viel zu komplex. Darin besteht also die Herausforderung: Ursachen und Zusammenhänge erkennen und verstehen - und erst dann reden und losgehen und daran arbeiten, dass nicht alles so bleibt, wie es ist, weil es nicht so bleiben kann. Der Film sollte m.E. übrigens allen Schülerinnen und Schülern in zehnten Klassen gezeigt werden, damit sie ein wenig davon verstehen, wie die Welt um sie herum funktioniert und sie wissen, welche Folgen ihre persönlichen Entscheidungen haben können.
Hallöle!
Hab ich gerade entdeckt:
Die Indie-Filmplattform www.realeyz.tv sponsert zum 15-jährigen Bestehen der Filmzeitschrift "Schnitt" den preisgekrönten Michael Glawogger Film WORKINGMAN'S DEATH. Den Film kann man sich kostenlos online ansehen auf http://www.schnitt.de/str...
:)
MC
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