Interview

"Ich bin noch klar in der Birne"

Rudi Assauer, das letzte Unikat der Bundesliga, über den »eiskalten Jürgen Klinsmann«, die Frisierkünste seiner Lebensgefährtin und seine Gegner beim modernen FC Schalke

DIE ZEIT : Herr Assauer, wer sind Ihre Helden?

Rudi Assauer : Di Stéfano, das war der absolute Superheld für mich. Alfredo Di Stéfano, der perfekte Spieler. Der hat vorne gespielt und Tore gemacht, im Mittelfeld gespielt, in der Abwehr gespielt, der konnte alles. Der Größte.

ZEIT : Di Stéfanos glanzvolle Zeit bei Real Madrid reichte bis in die Mitte der sechziger Jahre. Sie wuchsen damals in Herten auf, nicht weit von hier, und Ihre Karriere als Fußballprofi begann bei Borussia Dortmund, auch ganz in der Nähe. Können Sie den Rudi Assauer von damals beschreiben?

Assauer : Tja, wie war ich…?

ZEIT : Wie war zum Beispiel Ihre Frisur?

Assauer : Wie jetzt auch. Das heißt: Nein, ich hatte auch mal einen Scheitel. Ich habe immer kurze Haare getragen. Nein, das stimmt nicht ganz. Einmal habe ich lange Haare getragen.

ZEIT : Wer hat aus Rudolf damals Rudi gemacht?

Assauer : Solange ich mich erinnern kann, haben alle »Assi« geschrien, gar nicht Rudi und Rudolf erst recht nicht.

ZEIT : Ihre Mutter und Ihr Vater haben auch »Assi« geschrien?

Assauer : Nein, manchmal hat meine Mutter Rudi gesagt, und wenn es ernst wurde, sagte sie: Rudolf! Mein Vater hat immer gesagt: »Sohnemann, komm her.« Der hat nie meinen Vornamen gerufen, das fällt mir erst jetzt im Nachhinein auf.

ZEIT : Und die Mädchen? Haben die Rudi gesagt?

Assauer : Rudi, ja. Da hat keine Rudolf gesagt.

ZEIT : Wissen Sie noch, wann Schalke zuletzt deutscher Meister wurde?

Assauer : Ich glaube 1958, da war ich 14 Jahre alt.

ZEIT : Werden Sie Ihr Lebenswerk für unvollendet halten, wenn Sie mit Ihrem Verein keine Meisterschaft mehr erleben sollten?

Assauer : Es wäre schon schön, wenn es noch käme.

ZEIT : Und wenn nicht?

Assauer : Ich habe im Fußball so viel mitgemacht. Als Spieler bin ich mal Europapokalsieger geworden, das reicht ja. Mir fehlt nichts.

ZEIT : Und wenn Sie von August an nicht mehr Manager, sondern Präsident des FC Schalke sind…

Assauer : Ach Gott, hören Sie auf damit…

ZEIT : Denken Sie manchmal an Ihre Zukunft als Präsident?

Assauer : Woran soll ich denken?

ZEIT : Daran, dass der Trainer bei Ihrem Morgenappell bald sagt: »Guten Tag, Herr Präsident!«

Assauer : Es gibt viele Überraschungen im Leben. Erst muss ich unterschrieben haben, dann gucken wir mal.

ZEIT : Sobald Sie einen Trainer einstellen, wissen Sie im Grunde bereits, dass Sie ihn einmal entlassen werden. Fürchten Sie sich vor dem Tag, an dem Ihnen dasselbe passiert wie bislang Ihren Trainern?

Assauer : Fürchten? Nein.

ZEIT : Dann kommt jemand zu Ihnen und sagt: »Assi, es geht nicht mehr.«

Assauer : Was meinen Sie, wie viele Leute immer an meinem Stuhl kratzen und machen und tun, um meine Position einzunehmen? Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ob es alte Kumpels sind oder nicht – sie kratzen.

ZEIT : Nur dass Sie sich sehr sicher fühlen.

Assauer : Ich bin noch so klar in der Birne, dass ich frühzeitig weiß, wann der Tag gekommen ist, an dem ich aufhöre. Ich sage mir manchmal: Assi, du hast genug gearbeitet, jetzt lässt du alles los, und das machen jetzt die anderen.

ZEIT : Zeit für einen klaren Schnitt?

Assauer : Vielleicht, ja.

ZEIT : Aus Ihrem Bürofenster auf die gewaltige Arena zu schauen muss doch für Sie ein gutes Gefühl sein. Sie haben einmal gesagt, die Arena sei Ihr Baby.

Assauer : Sehen Sie, genau das ist doch das Problem. Die Leute verstehen es nicht. So etwas Großartiges wie diese Arena haben diese Kritiker nicht erreicht, und sie verstehen deshalb den Stolz nicht. Meinen Stolz. Die Besserwisser haben nie beweisen müssen, dass sie echt besser sind als ich. Sie glauben, es sei leicht, etwas vom Fußballgeschäft zu verstehen, dass es ein Geschäft sei wie jedes andere Unternehmen. Das haut aber nicht hin.

ZEIT : Sie haben keine Angst vor dem Loslassen?

Assauer : Ich mache es doch schon, ich habe einen Nachfolger eingearbeitet.

ZEIT : Offiziell heißt es, Sie werden am 1. August Präsident des FC Schalke.

Assauer : Offiziell ja, aber die entscheidende Frage lautet: Wer macht dann die ganze Arbeit?

ZEIT : Ihr Nachfolger, der Schalker Sportmanager Andy Müller.

Assauer : Das geht nicht. Der Andy soll sich um den Fußball kümmern, okay, aber unsere 20 Großsponsoren, die ich hier reingeholt habe, wollen mich auch weiterhin sehen. Ich bin mit den Topleuten dieser Firmen seit Jahren befreundet. Ich bin hier der Türöffner. Deswegen gerate ich in eine beschissene Situation: Wenn ich das mit den Sponsoren alles weitermachen würde, hätte ich als Präsident ja nichts für mich gewonnen, hätte weiterhin fast keinen Urlaub. Ich spüre ja jetzt schon, dass mein Körper leerer wird. Nach so vielen Jahren im Verein merke ich das plötzlich.

ZEIT : Sobald Sie in der Geschäftsstelle auftauchen, fühlen Sie sich für alles Entscheidende zuständig?

Assauer : In der Regel schon. Aber überlegen Sie mal: Wenn bei Schalke etwas schief läuft – wer kriegt denn dann in der Öffentlichkeit was auf die Schnauze? Assi kriegt was auf die Schnauze.

ZEIT : Assauer und Schalke 04, das funktioniert nur ganz oder gar nicht?

Assauer : Ganz oder gar nicht.

ZEIT : Was von beidem würden Sie wählen, wenn Sie auf den Verein keine Rücksicht nähmen?

Assauer : Ich nehme immer Rücksicht auf den Verein!

ZEIT : Fürchten Sie den Tag Ihrer Entscheidung?

Assauer : Nein, wieso, was habe ich denn zu verlieren? Wenn ich ganz aufhöre, dann machen sie mich hier zum Ehrenpräsidenten oder so was.

ZEIT : Sie sind seit 13 Jahren ununterbrochen Fußballmanager beim FC Schalke, der ja heute kein Skandalverein mehr ist, sondern eine gute Adresse, und von der 190 Millionen Euro teuren Fußballarena vor Ihrem Fenster war schon die Rede… Warum, glauben Sie, ist es bei Ihnen so gut gelaufen? Glück?

Assauer : Wer nicht abgehoben durch die Welt läuft, kann etwas erreichen. Ich hatte, als ich anfing, nicht tausend Mädchen im Kopf und all solche Geschichten. Die heutige Jugend ist ja schon mit 15 Jahren geschlechtsreif.

ZEIT : Wann wurden Sie denn geschlechtsreif?

Assauer : Oh, erst mit 18.

ZEIT : Rechtzeitig zur bestandenen Führerscheinprüfung?

Assauer : Das war damals ganz knapp. Herten-Mitte, an der Kranzplatte, meine Zeit als Fahrschüler damals. 27 Grad, die Sonne schien, herrliches Wetter. Mein Alter machte zu Hause ein Pennemätzchen nach dem Mittagessen. Da habe ich die Autoschlüssel aus seiner Tasche geholt, rein in den alten VW, bin losgefahren, da passiert es: Ein Mopedfahrer rutscht über den Bordstein, fliegt wie eine Rakete durch eine Schaufensterscheibe in ein Hutgeschäft. Wäre meine Schwester nicht beim Verkehrsamt gewesen, hätte ich den Führerschein nicht mehr machen dürfen.

ZEIT : Ist das die stärkste Erinnerung an Ihre Jugendzeit?

Assauer : Nein, es ging mir schon damals um Fußball. Mit 14 verließ ich die Schule, dann ging ich in die Lehre, das Abendgymnasium habe ich abgebrochen. Im Fernsehen gab es an einem Mittwoch ein Endspiel, Real Madrid gegen Benfica Lissabon. Und dann sollte ich auch an diesem Mittwoch wieder in die Abendschule gehen. Vorher hatte ich den Lehrer noch gefragt, wie viele von uns es wohl am Ende bis zum Abitur schaffen würden. »Drei bis vier von euch 40«, sagte der Lehrer. In diesem Moment dachte ich: Nee, ich bin doch nicht bescheuert. Also habe ich vor dem Endspiel meine Tonne mit den Schulbüchern genommen und vom Balkon unserer Wohnung auf den Rasen geschmissen. Meine Mutter hat getobt.

ZEIT : Da hießen Sie wieder Rudolf.

Assauer : »Rudolf, die Tonne wieder hoch«, hat sie gesagt. Doch dann habe ich gemeint: »Nee, alles verbrennen.« Später fing ich bei Borussia Dortmund an und habe mit Stan Libuda zusammen gespielt.

ZEIT : Libuda war auch Ihr Held?

Assauer : Der Stan war absolut, ja, ein Held. Der hatte nur immer die falschen Freunde.

ZEIT : Die Episoden, die Sie erzählen, ähneln sich: Das Schicksal bestraft den einen oder anderen, aber immer belohnt es Rudi Assauer. Sie waren, im Rückblick betrachtet, nicht ein einziges Mal gefährdet?

Assauer : Einmal bin ich als Jugendlicher unter einen Lastwagen gekommen. Ich wollte nur den Ball holen, wir spielten neben der Straße Fußball. Der Laster hat mich frontal umgestoßen, sodass ich genau zwischen den Rädern lag, als er über mich hinwegrollte. Mir ist nichts passiert.

ZEIT : Was fällt Ihnen im Moment am schwersten?

Assauer : Dass wir sportlich keinen Erfolg haben – das fällt mir schwer. Was habe ich hier die ganzen Jahre malocht. Und dann ist man weit oben, in der Tabellenspitze, wie letztes Jahr, man ist es dieses Jahr auch wieder, und dann nippeln die Jungs einfach so ab. Das ist nicht gut. Das ist immer ein Schlag ins Gesicht. Ich bin ja auf die Herren auf dem Platz angewiesen.

ZEIT : Was können Sie da machen? Gar nichts?

Assauer : Mit den Jungs reden, sie fragen, warum sie so nervös sind. Ihnen sagen, dass sie nicht wie ein Hühnerhaufen agieren sollen.

ZEIT : Vielleicht wird der FC Bayern auch deswegen so oft Meister, weil die anderen Vereine sich selbst nichts zutrauen. Die Bayern gewinnen zu Saisonbeginn fünf Spiele hintereinander, und dann sagen sich die anderen: Die Bayern machen sowieso das Rennen, abhaken. Wieso kommt nicht der FC Schalke auf die Idee, dass er besser sein könnte als die Bayern?

Assauer : Waren wir ja schon mal. Vier Minuten lang waren wir deutscher Meister.

ZEIT : Meister der Herzen, im Jahr 2001. Aber dann schoss der FC Bayern in der 94. Minute des letzten Spiels ein Freistoßtor, und Schalke war plötzlich nur noch Vizemeister. Auch Sie haben im Stadion geweint.

Assauer : Das alles haben wir dem Schiedsrichter Markus Merk zu verdanken, der das Bayern-Spiel damals pfiff und die vier Minuten Verlängerung gab. Manche dachten, er lässt so lange spielen, bis die Bayern ihr Tor haben. Hat er schließlich auch. Und dazu noch der schlimme Fehler beim entscheidenden Freistoßpfiff. Heute meidet Merk den FC Schalke. Ich muss fairerweise sagen, dass ich nicht wüsste, was passieren könnte, wenn Merk in unserer Arena ein Spiel pfeifen würde. Da garantiere ich für nichts.

ZEIT : War diese 94. Minute der schlimmste Moment in Ihrem Leben?

Assauer : Hier in Schalke war es für mich der schlimmste Moment. Weil es sportlich nicht gerecht war. Da verzweifelst du.

ZEIT : Wie oft haben Sie sich das Spiel hinterher noch angeguckt?

Assauer : Nie mehr.

ZEIT : Und trotzdem wissen Sie noch heute jedes Detail der letzten Spielminuten?

Assauer : Das habe ich im Kopf und habe es im Fernsehen gesehen, als Wiederholung vielleicht fünfmal. Der DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder hat damals im Stadion auch den Fehler gemacht, dass er dem Kalle Rummenigge in der 94.Minute um den Hals gefallen ist. »Vorfelder«, habe ich ihm später gesagt, »du wunderst dich immer, dass die Fans auf Schalke dich bis heute auspfeifen, aber du musst mal nachdenken. Dein Platz war damals nicht bei den Bayern. Du musst neutral sein.«

ZEIT : Hat Schalke Mayer-Vorfelder inzwischen vergeben?

Assauer : Nein, die Fans nicht. Bei jedem Länderspiel hier – Schalke pfeift, sobald MV sich zeigt. Furchtbar. Wir haben schon versucht, das irgendwie zu dämpfen, aber das schafft man nicht.

ZEIT : Sind Sie noch Mitglied der FDP?

Assauer : Nein. Nach dem Tod von Möllemann bin ich ausgetreten.

ZEIT : Möllemann war im Aufsichtsrat des FC Schalke. Sie haben ihn offenbar geschätzt.

Assauer : Nur wegen Möllemann war ich in die FDP gegangen. Als er Selbstmord beging, dachte ich: Jetzt ist eine Ära zu Ende. Den haben sie in der Partei ja ziemlich in die Mangel genommen. Nee, raus aus dieser Partei, raus.

ZEIT : War Möllemann Ihr Freund?

Assauer : Freund – nein, aber Möllemann hat mich respektiert. Er war einer, der immer in die Richtung gegangen ist, die er angekündigt hatte. Ich mochte seine Art. Der hat nicht herumgeeiert, sondern gesagt: Okay, wir machen das so. Wupp, durch.

ZEIT : Auch in Ihrer Arena gibt es jede Menge VIP-Logen. Passt das zu einer Stadt, in der jeder Vierte arbeitslos ist?

Assauer : Ach, so ist das ja nicht. Bei uns rückt man zusammen. Die Übergänge sind bei uns fließend. Da hält sich keiner für eine Elite, nur weil er ein bisschen mehr Geld verdient. Auch die, die knapp bei Kasse sind, kaufen sich ihre Karten. Da fragt man sich immer, wo die das Geld hernehmen.

ZEIT : Wo nehmen die es denn her?

Assauer : Die sparen sich das ab, weil Schalke für sie zum Lebensinhalt gehört.

ZEIT : Und welchen Unterschied macht es für Sie, ob Sie einen Abend mit so genannten VIPs verleben oder mit weniger betuchten Fans aus Ihrer Stadt?

Assauer : Keinen. Bei uns ist es ja wesentlich anders als zum Beispiel bei Bayern München, wo es eine Davidoff-Lounge vom Allerfeinsten in der Allianz-Arena gibt. Wie die großen Fürsten aus dem bayerischen Land sitzen sie da. Unglaublich.

ZEIT : Dort fühlen Sie sich fremd?

Assauer : Ja.

ZEIT : Herr Assauer, ein paar kurze Fragen für einen Mann der schnellen Entscheidungen. Es geht allein darum, wen Sie besser finden. Keine lange Bedenkzeit, okay?

Assauer : Okay.

ZEIT : Reinhard Mey oder Roberto Blanco?

Assauer : Reinhard Mey.

ZEIT : Kevin Kuranyi oder Gerald Asamoah?

Assauer (überlegt) : Beide gleich.

ZEIT : David Beckham oder Wayne Rooney?

Assauer : Rooney.

ZEIT : John Wayne oder James Stewart?

Assauer (überlegt) : Beide gleich.

ZEIT : Schröder oder Merkel?

Assauer : Weil ich den Alten ganz ordentlich kenne, sage ich Schröder.

ZEIT : Kahn oder Lehmann?

Assauer : Lehmann.

ZEIT : Was wissen Sie über Lehmann?

Assauer : Alles. Wir sind Kompagnons. Wir haben zusammen ein Altenwohnheim gebaut vor vielen Jahren, in Radevormwald. Jens und ich haben ein Haus, bei einem anderen Haus ist unser Stürmer Ebbe Sand noch mit drin, und Frau Thomalla ist auch dabei.

ZEIT : Wieso bauen Sie Altenwohnheime? Wollen Sie da später einziehen?

Assauer : Es war eine so günstige Situation. Aus den Häusern ist inzwischen ein kleines Dorf für Alte geworden, mit Rundumbetreuung.

ZEIT : Dort haben Sie Jens Lehmann von seiner kaufmännischen Seite kennen gelernt.

Assauer : Jens ist von der Birne her top. Er hat Abitur.

ZEIT : Meinen Sie, Deutschland kann sich bei der WM auf ihn verlassen?

Assauer : Total. Jens frisst Gras, der hat so was von Ehrgeiz.

ZEIT : Sie hätten sich an Klinsmanns Stelle also auch für Lehmann statt für Kahn entschieden?

Assauer : Ich hätte frühzeitig entschieden. Ich habe schon vor langer Zeit gesagt: Klinsmann hat sich schon entschieden, der kriegt es nur nicht raus.

ZEIT : Ist Klinsmann feige?

Assauer : Schwer zu sagen. Er macht immer einen netten, aparten Eindruck, wie der ideale Schwiegersohn. Der stellt was dar, ist redegewandt. Aber es gibt bei ihm noch eine andere Ebene. Er ist ein eiskalter Hund, das hat er ja schon als Spieler bewiesen. Sein Berater war damals der Einzige, der eine Sonderprämie ausgehandelt hatte für Klinsi. Damals gab es so etwas ja noch gar nicht.

ZEIT : Unabhängig von Klinsmanns Entscheidung in der Torwartfrage – war es für Sie in Ordnung, wie der Teamchef mit Kahn umgegangen ist?

Assauer : Dass ein absoluter Topmann wie Kahn auf einmal auf dem kalten Weg abserviert wird, hat dieser Mann nicht verdient. Bopp. Mit einem Strich ist alles vorbei. Dafür war Kahn einfach zu wertvoll für Deutschland, da hätte man sich einen anderen Abgang vorstellen können. Das wiederum wirft ein Licht auf Klinsmann.

ZEIT : Sie mussten viele unangenehme Gespräche führen, vor allem mit Trainern, die Sie entlassen haben. Ist die Situation am Ende immer ähnlich?

Assauer : Nein, da gibt es riesige Unterschiede. Der Erste, den ich hier habe rausschmeißen müssen, war Helmut Schulte. »Pass auf, wir stehen kurz vor dem Abstieg, es geht nicht mehr«, habe ich ihm gesagt. »An deiner Stelle würde ich genauso handeln«, hat er geantwortet. Auch zu dem Trainer Jörg Berger ist mein Verhältnis heute noch gut. Jupp Heynckes ist leider ein negatives Beispiel. Er hat den Kontakt zu mir völlig abgebrochen. Genauso wie der Trainer Ralf Rangnick. Es gibt Leute, die am Ende die beleidigte Leberwurst spielen.

ZEIT : Nimmt Sie ein solcher Rausschmiss manchmal persönlich mit?

Assauer : Das tut immer weh, weil ich es ja bin, der die Trainer hierher geholt hat. Wenn es dann mit einem nicht klappt, bin ich ja beteiligt an dieser Niederlage.

ZEIT : Ist Ihnen die Gefahr klar, dass Sie in Ihrer Position zu mächtig werden können?

Assauer : Ja. Und wenn man diese Macht dann ausspielt, wird es gefährlich.

ZEIT : Entdecken Sie an sich solche Züge?

Assauer : Na ja, vor Jahren schon, ja. Es ist immer das alte Lied: Wenn es einem Verein dreckig geht, dann wollen sie damit alle nichts zu tun haben. Geht es einem Verein gut, dann kommen sie alle raus aus den Löchern und sagen, sie würden gerne mitmachen. Die wollen nur das, was man erreicht hat, schön weiter verwalten.

ZEIT : War Reiner Calmund, der frühere Fußballmanager von Bayer 04 Leverkusen, zu mächtig?

Assauer : Calmund hat sicherlich überzogen, der hatte ja in Leverkusen einen Freifahrtschein. Das wird jetzt für ihn zu einem Bumerang.

ZEIT : Staatsanwälte ermitteln gegen ihn. Er soll Geld aus der Vereinskasse für undurchsichtige Geschäfte abgezweigt haben. Können Sie sein Bedürfnis nach Machtfülle nachvollziehen? Verstehen Sie ihn?

Assauer : Ich verstehe ihn, ja, ich kann aber seine Arbeit nicht beurteilen. Natürlich hat er Bayer Leverkusen nach oben gebracht, die Frage ist aber: zu welchem Preis?

ZEIT : Auf Sie wird auch gezielt. Kürzlich hat der Sportmoderator Jörg Wontorra in einer Sendung erzählt, Sie hätten ein Alkoholproblem. Später hat er sich dafür entschuldigt. Hat der Angriff Sie getroffen?

Assauer : Da draußen gibt es viele Ratten. Viele, die versuchen, einem ans Bein zu pinkeln. Ich hätte nach diesem Vorfall mit Wontorra ja sagen können: Der fliegt raus, der Jörg Wontorra. Die vom Fernsehsender haben mich angerufen und gesagt: Sie können entscheiden. Wenn Sie sagen »Weg«, dann fliegt er. Aber dann habe ich die vom Sender gefragt: Was für Chancen hätte der noch, wenn er raus wäre? »Keine mehr in Deutschland«, haben die vom Sender gesagt.

ZEIT : Hat Wontorra sich persönlich bei Ihnen entschuldigt?

Assauer : Ja, kurz nach der Sendung. »Ich habe vielleicht eine Scheiße gebaut«, hat er zu mir am Telefon gesagt. »Das glaube ich auch, dass du Scheiße gebaut hast«, habe ich geantwortet, »das kannst du nie wieder gutmachen. Wie kannst du so was über mich behaupten?« – »Assi«, hat Wontorra gesagt, »ich war ja so von der Rolle.« Ich: »Vielleicht warst DU die ganze Nacht unterwegs«.

ZEIT : Haben Sie ihm verziehen?

Assauer : Ich habe ein großes Sportlerherz.

ZEIT : Assauer, der gute Pate von Gelsenkirchen.

Assauer : Warum soll ich einen abschießen? Dann lieber nachdenken, was klüger ist.

ZEIT : Und wie viel Arbeit verwenden Sie morgens nach dem Duschen auf Ihre Frisur?

Assauer : Überhaupt keine! Da gehe ich einmal mit der Bürste drüber, dann Gel rein und auf Wiedersehen.

ZEIT : Kaum zu glauben.

Assauer : Ach, in meinem Alter braucht man nicht mehr eitel zu sein. Wie lange kenne ich die Thomallasche jetzt? Fünf Jahre. Seit fünf Jahren war ich nicht mehr beim Frisör.

ZEIT : Frau Thomalla schneidet Ihre Haare?

Assauer : Ja sicher. Ist doch das Beste. Sie macht das sehr gut, muss ich sagen. Ob sie als Schauspielerin auch so gut ist? Ich glaube ja, obwohl ich nicht viele Filme gesehen habe. Aber Haare schneiden kann sie jedenfalls.

Das Gespräch führten Stephan Lebert und Stefan Willeke

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Leser-Kommentare

  1. Herr Assauer hat etwas womit er alle anderen an die Wand spielt:Charme und den ohne Floskeln, wie so manch anderer in seiner Position.

    Hoffentlich bleibt er dem FC Schalke noch lange erhalten und wird mit ihm Meister. Zu wünschen ist es diesem Mann auf jeden Fall.

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  • Von Lebert/ Willeke
  • Datum
  • Quelle DIE ZEIT 04.05.2006 Nr.19
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