In der Welt, in der ich mich herumtreibe«, sagt Mousse T., »spielt es eigentlich keine Rolle, woher du kommst – solange du cool bist.« Der Discjockey und Produzent aus Hannover gilt in seiner Welt – der internationalen Popmusikszene – ohne Zweifel als cool. MousseT. wurde 1998 als erster europäischer Produzent aus Europa für einen Grammy nominiert, die höchste Auszeichnung der Musikindustrie. Er hat mit Michael Jackson und Quincy Jones gearbeitet. »Dass ich ein deutscher Türke bin, war lange kein Thema«, sagt der Mann mit dem eleganten Kinnbart, der eigentlich Mustafa Gündogdu heißt und 1966 als Sohn eines türkischen Arztes in Hagen geboren wurde. Er schätzt die Popkultur nicht zuletzt dafür, dass man dort nicht auf seine Herkunft festgenagelt wird. Doch die Frage, woher er kommt, wird zurzeit wieder wichtiger. Sandeep Singh Jolly wanderte 1982 aus Indien aus BILD

Nicht ohne Stolz erzählt er, dass man ihn in Amerika für einen Engländer und in England für einen Amerikaner hält. Aber in jüngster Zeit gibt es häufiger Momente, in denen die Flucht in die Coolness nicht gelingen will. Für seine vielen türkischen Fans in Deutschland wird immer wichtiger, dass er einer von ihnen ist. Sie nennen ihn Abi – »großer Bruder« – und sind stolz darauf, dass ein Türke es auf die ganz große Bühne geschafft hat. Je mehr von Bildungsversagen, Parallelgesellschaften und Integrationsproblemen die Rede ist, umso mehr klammern sie sich an Erfolgsgeschichten wie seine. Herr Gündogdu ist ein mittelständischer deutscher Unternehmer, der in seinem Tonstudio auf dem ehemaligen Expo-Gelände in Hannover 20 Festangestellte beschäftigt.

Warum aber ist er bei der Mehrheit im Lande nicht bekannter? Er hat für Tom Jones einen Welthit (Sex Bomb) geschrieben und produziert – und wurde doch bei der Echo-Preisverleihung nicht einmal erwähnt. »Man sieht mich nicht als deutschen Künstler«, sagt er. Er bekennt ohne Zögern, er sei »stolz, ein Deutscher zu sein, weil dies ein kreatives Land ist«. »Wenn ich Deutschland wäre«, wundert er sich, »würde ich mir die Erfolge der Einwanderer an die Brust heften.« Mousse T. ist Sohn eines türkischen Arztes BILD

Wenn Mousse T. im Konjunktiv von Deutschland spricht, liegt ein Hauch von unerwiderter Liebe und versagter Anerkennung in der Luft. Wer mit erfolgreichen Unternehmern, Künstlern und Akademikern spricht, die als Migranten nach Deutschland kamen, wird immer wieder auf diesen Ton stoßen. Die deutsche Öffentlichkeit hat nämlich nicht nur die Misserfolge vieler Zuwanderer viel zu lange ignoriert. Sie hat auch versäumt, die beeindruckenden Aufsteigergeschichten gebührend zu feiern und ihrem Selbstbild einzuverleiben. In Ländern, die mit Einwanderung mehr Erfahrung haben, wie etwa die Vereinigten Staaten, Kanada oder Australien, werden solche Erfolgsgeschichten an die große Glocke gehängt. Aufsteiger unter den Migranten werden als Vorbilder – auch für die Einheimischen – gepriesen. Ihre Geschichten werden zum Bestandteil der offiziellen Mythologie: Kein Einwanderungsland kann ohne Werte wie Tüchtigkeit und Unabhängigkeitsstreben erfolgreich sein.

In ihren Augen ist Deutschland ein Land der Chancen und Ideen

Es ist nicht schwer, solche Geschichten auch in Deutschland zu finden. In der Kulturszene gibt es immer mehr erfolgreiche Türken – wie den Schriftsteller Feridun Zaimoglu, den Filmemacher Fatih Akin oder den türkisch-arabisch-deutschen Comedian Kaya Yanar. Man kennt vielleicht noch den Vorzeigeunternehmer Vural Öger und Fußballprofis wie die beiden Altintops oder Yildiray Bastürk. Und dann wird es allmählich dunkel.

Doch in dem toten Winkel des öffentlichen Bewusstseins tummeln sich viele interessante Figuren. Die Geschichten der Zuwanderer, die es zu etwas gebracht haben, erzählen von Deutschland als einem Land der Chancen und Ideen – fast wie in den Imagekampagnen, mit denen sich das Land derzeit selbst beweihräuchert, ohne den Beitrag eines einzigen Einwanderers zu würdigen.