Lässt die Schule unsere Kinder allein?, fragten besorgte Eltern. Jetzt machen wir uns selbst überflüssig!, schimpften einige Lehrer. Kollegen aus anderen Schulen warfen den Pädagogen der Kantonsschule Zürcher Oberland Verrat vor. Presse und Fernsehen schickten Reporter, um sich die »Schule ohne Lehrer«, wie einige Journale es formulierten, genauer anzuschauen. BILD

Selbstlernsemester, abgekürzt SLS, heißt das Experiment, das die Schule in Wetzikon, einem Vorort von Zürich, landesweit bekannt gemacht hat. In Deutsch, Mathematik, Chemie, Biologie, Sport und zwei Sprachen müssen sich die fünften Gymnasialklassen (die elften nach deutscher Zählweise) das Wissen ein halbes Jahr lang weitgehend selbst beibringen. Zum Schuljahresbeginn werden sie mit dem Lernstoff für das ganze Halbjahr versorgt. Einmal die Woche dürfen sie pro Fach eine Stunde lang Fragen stellen und Nachhilfe einholen. Wer will, kann darüber hinaus per E-Mail oder in persönlichen Sprechstunden den Rat des Lehrers einholen.

Die Schüler arbeiten für sich zu Hause oder mit Mitschülern in einem leeren Klassenraum, sie büffeln Englischvokabeln im Schwimmbad oder verbringen ihre Sportstunde im Wald. Maria lernt Mathematik in der Schulbibliothek. Vor der 17-Jährigen liegt ein Buch mit Formeln, Pfeilen und Diagrammen. Vektorgeometrie steht auf dem Einband. Mathi, wie es in dieser Gegend der Schweiz heißt, ist nicht Marias Lieblingsfach. Viel Lust hat sie deshalb nicht. Sie könnte sich, wie die Jungen ein paar Meter weiter, einen Harry-Potter-Film auf Englisch anschauen. Oder den Schülern folgen, die am Fenster vorbeiziehen, in Richtung Kantine. Doch Maria bleibt eisern sitzen. Schließlich steht diese Mathi-Stunde in ihrem persönlichen Stundenplan.

Die Idee, dass Schüler ohne Lehrer selbstständig lernen, ist nicht neu. Pädagogische Literatur zum Thema – »Freies Lernen«, »Eigenverantworteter Unterricht«, »Selbstständige Klassen« – füllt Regalmeter. Und eigentlich ist das Ziel einer Gymnasialausbildung genau dieses: die Fähigkeit, sich auf einem soliden Wissensfundament neue Kenntnisse selbst anzueignen. Doch die Lehrer gleich für ein halbes Jahr in sämtlichen Hauptfächern weitgehend wegzulassen erscheint den meisten dann doch zu radikal. Entsprechend skeptisch waren die Reaktionen, als die Schulleitung vor zwei Jahren ihren Plan vorstellte. Selbst der Kantonsrat, das Zürcher Parlament, diskutierte die Frage: Unterricht ohne Lehrer, wie soll das funktionieren?

Die Noten sind besser geworden, die Teilnehmer selbstbewusster

Zwei Jahre später weiß man: ziemlich gut. Die Befürchtung, die Schüler würden ihre freie Zeit für vieles nutzen, nur nicht zum Lernen, hat sich weitgehend als haltlos erwiesen. Im ersten Versuchsjahrgang mit drei Klassen (65 Schüler) zeigten die SLS-Klassen fast gleich gute Leistungen wie jene, die ganz normalen Unterricht genossen hatten. »Enorme Fortschritte« dagegen attestierte eine externe Evaluation den Jugendlichen »im Erwerb von Selbstlernfähigkeiten«. Auch das Resümee des zweiten Versuchsjahres mit insgesamt zehn Klassen (200 Schüler) fiel positiv aus. Die Noten sind in vielen Fächern eher besser als schlechter geworden, die Zahl der Sitzenbleiber blieb gleich. »Für die meisten Schüler ist dies ein Wecksemester«, sagt der Prorektor Martin Zimmermann, einer der Initiatoren des Projekts.

Dabei stand nicht etwa der Wille zu innovativer Pädagogik, sondern schlicht ein Spardiktat der Kantonsverwaltung am Anfang des Versuchs. Um 900000 Franken muss die Schule in Zukunft ihre Ausgaben reduzieren, rund sieben Prozent ihres Personalbudgets. Schon in früheren Kürzungsrunden hatte die Schulleitung Wahlfächer gekappt, Projektwochen gekürzt, Klassen vergrößert. Nun ging es an die Substanz, die Stundenzahl in Kernfächern stand zur Disposition.

Wie macht man aus weniger mehr? Diese Frage musste sich besonders jener Kreis von Lehrern stellen, der das Schul-Curriculum für die nächsten Jahre entwerfen sollte. Schweizer Schulen genießen Autonomie. Wie sie den Stoff auf den Stundenplan verteilen, bleibt größtenteils ihnen überlassen. Nur die Ergebnisse müssen stimmen. Doch daran entzündet sich seit einigen Jahren Kritik. Die Universitäten des Landes beklagen, dass die Studienanfänger nicht jene Fähigkeiten mitbringen, die angehende Akademiker heute benötigen, und drohen mit Aufnahmeprüfungen. Zu unselbstständig seien viele Schüler, schnell frustriert und unfähig, sich selbst zu organisieren. Einige Lehrer sind ähnlicher Ansicht: »Wir müssen unsere Schüler stärker fordern«, sagt Martin Zimmermann, »die sind noch nicht am Limit.«

Einer der Lehrplanvordenker fand die Lösung des Problems bei der Lektüre von Theodor Mommsen. In seinem Gymnasium in Hamburg-Altona, berichtet der Historiker in seiner Lebensbeschreibung, seien die Besten gefördert worden, indem man ihren Stundenplan um ein Drittel reduziert habe. »Absurde Idee«, hieß es zuerst, doch dann wurde ein »Lasst es uns mal versuchen« daraus. Die fünfte Klasse, das Jahr, in dem die Lehrer vom Du zum Sie wechseln, schien für das Experiment am besten geeignet.

Die Kantonsschule Zürcher Oberland gilt seit vielen Jahren als experimentierfreudig. Sie kann es sich auch leisten. Nur gut 20 Prozent der Schüler insgesamt gehen in der Schweiz aufs Gymnasium, in der Wetzikoner Kantonsschule ist die Auswahl noch etwas ausgewählter. Die Bankenmetropole Zürich liegt wenige Autominuten entfernt. Viele Lehrer haben einen Doktor- oder gar Professorentitel. Die Begriffe »Gewalt«, »Sprachprobleme mit Migranten« oder »Schwänzertum« muten hier an wie Wörter aus einer anderen Welt. »Unsere Schüler wollen lernen«, sagt der Schulleiter Dieter Schindler.

Dennoch verspürten viele Jugendliche anfangs mehr Furcht als Freude angesichts der neuen Freiheit – besonders als sie die Berge an Lernstoff vor sich sahen, die sie bewältigen sollten. »Ich hatte Angst, dass ich das nicht packe«, sagt die Schülerin Melanie Pfändler. »In unserem Alter denkt man ja nicht nur an die Schule«, ergänzt ihre Freundin.

Seit kurzem wissen sie, dass ihre Angst unbegründet war. Die letzte Prüfung, ein Deutschvortrag über ein selbst gewähltes Werk zum Thema Erwachsenwerden, haben beide mit Bravour bestanden. Gekonnt fassten sie das Wichtigste aus Robert Musils Die Verwirrungen des Zögling Törless zusammen, analysierten Sprachstruktur und Personenkonstellationen des Romans und beantworteten souverän alle Fragen. Zweimal Bestnote.

Früher hätten sie sich öfters gelangweilt und gehofft, dass die Stunde schnell zu Ende geht, erzählen die Mädchen. Davon konnte in den vergangenen Monaten keine Rede sein. Selten hätten sie mehr für die Schule getan. Die beiden, erklärt ihr Deutschlehrer Marcel Meyer, seien schon immer gute Schülerinnen gewesen. Aber »so brillant und selbstbewusst« wie in der Prüfung habe er sie noch nie gesehen. »Die guten Schüler profitieren vom Selbstlernsemester am stärksten«, fasst der Deutschlehrer das Ergebnis des Schulversuchs zusammen. Aber auch schwächere Schüler hätten die Literatur entdeckt. »Richtig ans Herz gewachsen ist denen ihr Buch. So etwas erreiche ich im normalen Unterricht schwer.«

Viele Schüler entdecken erst jetzt, wie toll ihre Lehrer sind

Ganz so positiv blicken nicht alle Lehrer zurück. Kritisch bis zuletzt blieben die Mathematiker. Ihr Fach sei zu schwer, könne den meisten Schülern »nur in kleinen Schritten« nahe gebracht werden, sagt Erika Ledergeber. Zu viele hätten im Schulversuch irgendwann den Anschluss verloren und dann aufgegeben. Die Quittung gab es in der Prüfung. Auch sie könne sich viele schöne Lernmethoden vorstellen, sagt die Mathematikerin, nur schaffe sie dann ihren Unterrichtsstoff nicht mehr.

Die Schüler sahen es positiver, rund die Hälfte fand auch Mathi für das eigenständige Lernen geeignet. Von den ersten drei Versuchsklassen antworteten sogar 70 Prozent, sie hätten im Selbstlernsemester über alle Fächer hinweg besser gelernt als im gewohnten Unterricht. Natürlich gab es auch Probleme mit der Eigenverantwortung. Das Gefühl, selbst nach langem Lernen nicht genug getan zu haben, überfordert manchen 17-Jährigen. Andere entdeckten die Qualitäten ihrer Lehrer. »Plötzlich hieß es: Wir haben tolle Lehrer, die alles wissen und für uns perfekt aufbereiten«, berichtet der Prorektor.

Einige Pädagogen scheinen glücklich, das Experiment erst einmal hinter sich zu haben. Nur widerwillig hatten sie ihre Schüler mit Hausaufgaben und Lektürelisten überhäuft und ihnen die lange Leine gegeben. Der Rollenwechsel vom Stoffvermittler zum Lernbegleiter sei einigen Kollegen schwer gefallen, sagt der Prorektor.

Im kommenden Semester soll ein dritter Jahrgang das Selbstlernen erproben. In Mathematik werden sie eine zusätzliche reguläre Unterrichtsstunde erhalten. Auch im Sport soll es nun freiwillige Angebote geben. Hier hatten – im Gegensatz zu den anderen Fächern – eher die Unsportlichen das Semester genutzt, um sich ohne hämische Blicke der anderen fit zu halten. Die Sportskanonen dagegen hatten die ausgefallenen Turnstunden als freie Zeit verbucht.

Eine abschließende wissenschaftliche Auswertung des Schulversuchs steht noch aus. Jürgen Oelkers, Pädagogikprofessor der Universität Zürich und Mitglied im Bildungsrat des Kantons, bewertet die ersten Ergebnisse als ermutigend. Sie zeigen, dass man Gymnasiasten »mehr zutrauen kann, dass sie auch dann lernen, wenn sie nicht im Klassenverband unterrichtet werden«. Er hält die Experimente für nachahmenswert, um auch deutsche Schüler besser auf die Universität vorzubereiten. Rechtliche Hindernisse ließen sich aus dem Weg räumen. »Nirgendwo steht geschrieben, dass Unterricht ständig die Anwesenheit einer Lehrkraft verlangt«, sagt Oelkers.

In der Schweiz ist die anfängliche Abwehr großem Interesse gewichen. Immer wieder müssen die Wetzikoner Lehrer und Pädagogen über das Selbstlernsemester berichten. Etwas können sie jedoch nicht erzählen: weniger Arbeit für die Lehrer. Der Spareffekt blieb minimal. Mehr Leistung für weniger Geld – dieses Wunder von Wetzikon blieb aus.

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