Nun macht er es wirklich wahr, der Indio in dem Strickpullover. Frisch zurück aus Havanna, hat Evo Morales, der neue Präsident Boliviens, nun tatsächlich die Verstaatlichung der Öl- und Gasindustrie seines Landes verkündet – und gleich zwei Raffinerien symbolisch mitbesetzt. Welch eine Botschaft zum 1. Mai, Che Guevara würde jubeln.

Wirtschaftsexperten schäumen indes, allerorten sorgt man sich noch ein bisschen mehr um die Sicherheit der globalen Energieversorgung, und manch einer entdeckt gar in Lateinamerika eine neuen Achse des Bösen. Da werden flugs alle linken Regierungen von Chávez (Venezuela) bis Kirchner (Argentinien) in dieselbe Klischeekiste geworfen. Links ergo unberechenbar ergo böse.

Nichts wäre falscher. Zwar gewinnen die Linken in Lateinamerika tatsächlich immer häufiger aus ähnlichen Gründen: Die Bürger verzweifeln ob ihrer Armut. Sie haben die Nase von der unsozialen Politik ihrer Regierungen voll. Ihnen reichen die schlecht kontrollierten Privatisierungsexzesse, die der Westen empfahl und die am Ende doch nur die Reichen reicher und die Armen ärmer machten. Und nicht zuletzt sind sie ihrer häufig korrupten und unfähigen Elite müde – und zwar zu Recht.

Doch weitere Verallgemeinerungen greifen dann zu kurz. Die sozialdemokratischen Regierungen in Chile, Argentinien und Brasilien haben wenig mit Populisten à la Chávez oder nun auch Morales gemeinsam. Erstere könnten wirklich etwas zum Besseren wenden. Ihre moderate sozialdemokratische Politik könnte ihre Völker sogar wieder mit dem Markt versöhnen.

Bei Letzteren bleibt hingegen nur die vage Hoffnung, dass sie ihre Länder nicht noch tiefer in die Misere stürzen. Schließlich ist es vergleichsweise leicht, ausländischen Ölkonzernen die Misere Boliviens oder Venezuelas anzukreiden, sie zu enteignen und die Bodenschätze dem »Volk« zurückzugeben. Schwierig hingegen ist es, die Industrie dann staatlicherseits gut zu verwalten, erfolgreich zu modernisieren und mögliche Erträge auch noch fair zu verteilen. Daran sind bislang noch die meisten Regierungen gescheitert. Für die weltweiten Öl- und Gaskunden könnte das teuer und ärgerlich werden. Für die Bolivianer aber ein Desaster.