Es begann auf dieser satten Wiese, die leuchtet wie ein blank polierter Granny Smith. Wenn die pralle Sonne die dicken Wolken durchbricht, schließt man schnell die Augen – der Grünstich blendet zu sehr. Im Hafen von Porto Paranagu werden die Lastwagen entladen, die das Sojakorn aus dem Inland heranschaffen BILD

Johanna Döbereiner hat der Grünstich die Augen geöffnet. Die deutsch-tschechische Agrarforscherin, damals Mitte 40, stand in den siebziger Jahren im wuchernden Gras vor den Toren Rio de Janeiros, als ihr ein »Wow!« entfuhr. Und eine Prophezeiung: »In diesem satten Grün liegt Brasiliens Zukunft.« Johanna Döbereiner sollte mit dieser Eingebung zur Prophetin eines beispiellosen Agrarbooms in Brasilien werden. Der fünftgrößte Staat der Erde könnte dauerhaft zum Weltexporteur Nummer eins für Fleisch und Felderträge aller Art werden.

China hat sich zur Werkbank der Welt entwickelt. Indien gilt als das neue Service-Zentrum der Welt. Und Brasilien? Brasilien könnte zum Ernährer der Welt werden, zur »globalen Agrarsupermacht«, wie der ehemalige amerikanische Außenminister Colin Powell vorhersagt.

Dabei galt natürlicher Reichtum bislang eher als »Rohstofffluch« denn als Segen für die Entwicklung eines Landes. Brasilien schickt sich an, das zu widerlegen. Wer das verstehen will, muss die Arbeit von Johanna Döbereiner verstehen.

Die Visionärin. Wahrscheinlich brauchte es den Blick einer deutsch-tschechischen Emigrantin, um sich zu wundern. Wie konnte so ein Riesenland so wenig aus seiner Vegetation machen?

»Johanna glaubte fest daran, dass man dieses satte Grün nur erforschen musste, um praktisch das ganze Land fruchtbar zu machen«, erzählt Helvecio de Polli. Der Ingenieur war dabei, als Döbereiner vor 30 Jahren auf Brasiliens Wiesen schaute. Seit dieser Zeit arbeitet er für die staatliche Agrar-Forschungsagentur Embrapa, nördlich von Rio.

Tatsächlich wurde die Wissenschaftlerin bald fündig: Bradyrhizobium japonicum nennt sich ein Bakterium, das sie durch Hornbrille und Mikroskop hindurch in einem der leuchtend grünen Blätter entdeckte. Ein Bakterium, mit dem sich das Blattgrün gierig den Stickstoff aus der Luft holt. Und wächst und wächst und wächst.