Der Widerspruch verblüfft: Selten waren die Berufschancen für angehende Akademiker so gut wie heute; gleichzeitig fürchten Abiturienten und Studenten um ihre Zukunft. Während die Gesamt-Arbeitslosenquote im Jahr 2005 höher lag als 2004 (11,2 statt 10,8 Prozent), sank im selben Zeitraum die Arbeitslosenquote der Akademiker von 4,0 auf 3,8 Prozent. Die Aussichten für Hochschulabsolventen seien glänzend, schwärmen Arbeitsmarktexperten. Rekorde zeigen indes auch Umfragen an Deutschlands Hochschulen: Nie zuvor hatten schon die Erstsemester so viel Angst, beruflich auf der Strecke zu bleiben.

Wie passt das zusammen?

Die Zukunftsangst hat viele Gründe. Schauergeschichten über nicht enden wollende Praktika nach dem Examen machen die Runde; das Schlagwort Hartz IV schwebt wie eine Drohung über den Abiturienten und Studenten, die Angst vor dem sozialen Absturz. Zudem haben sich Jahre zermürbender Pisa-Debatten tief in die Seele der Studienanfänger eingegraben. Seit Pisa weiß Deutschland, dass seine Schüler bestenfalls Mittelmaß sind. Pisa ist aber auch zum Synonym tiefgreifender Reformen im deutschen Bildungssystem geworden, die über den Umweg des so genannten Bologna-Prozesses auch die Hochschulen erfasst haben. Die vertrauten Abschlüsse Magister und Diplom verschwinden und werden bis 2010 europaweit durch die internationalen Grade Bachelor und Master ersetzt.

Eine Vielzahl neuer, spezialisierter Studiengänge entsteht, viele Hochschulen haben Aufnahmeprüfungen eingeführt, einige konkurrieren um das Prädikat Eliteuniversität. Gleichzeitig führen die ersten Bundesländer Studiengebühren ein, der finanzielle Druck wird stärker.

Insofern ist es kein Wunder, dass mittlerweile 59 Prozent der Studienanfänger schon ihre Studienwahl in hohem Maße von der Arbeitsmarktlage abhängig machen, wie eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) ergeben hat. »Viele Abiturienten denken sich: Wähle ich jetzt das falsche Studienfach, ist meine Zukunft gelaufen«, sagt Tino Bargel von der AG Hochschulforschung der Universität Konstanz.

In vielen Köpfen mag auch hängen geblieben sein, dass die Akademiker-Arbeitslosigkeit nach 2001 einen gewaltigen Sprung nach oben gemacht hat. Innerhalb von nur zwei Jahren stieg sie um mehr als zwei Fünftel. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase herrschte in vielen Branchen plötzlich Einstellungsstopp. Betroffen waren erstmals die Absolventen von Fachhochschulen und Fächern wie Betriebswirtschaft, die zuvor bei Konjunkturkrisen glimpflich davongekommen waren. »Keiner konnte sich mehr sicher fühlen«, sagt Bargel. »Das war der Unterschied zu früher.« Längst ist die Akademiker-Arbeitslosigkeit wieder zurückgegangen, bei Germanisten ebenso wie bei Elektroingenieuren. Doch die Wahrnehmung unter den Studenten blieb: Berufsanfänger haben kaum eine Chance, die Einlasstore zum Arbeitsmarkt sind dicht.

Höchstens vier Prozent bleiben länger als sechs Monate in Praktika hängen