Zeitläufte Ein deutsches Leben
Vom Rastatter Freiheitskämpfer zum Innenminister der USA: Das abenteuerliche Schicksal des Carl Schurz, der im Mai 1906 in New York gestorben ist
Die Lage ist aussichtslos, Rastatt in Baden, die Festung der Freiheit, von den preußischen Truppen umzingelt. An ihrer Spitze steht Prinz Wilhelm, der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. Zu den eingeschlossenen Republikanern in jenem kurzen Sommer des Freiheitstraums 1849 gehört der 20-jährige Carl Schurz, Student aus Bonn. Auch ihm droht die standrechtliche Erschießung, wenn die Festung fällt. Doch das schreckt ihn nicht.
In Rastatts Schloss, das fast so groß ist wie der Ort selbst, liegt er auf dem damastenen Sofa und träumt vor sich hin. »Ich hatte mir dieses Sofa ausgewählt, schreibt Schurz in seinen hinreißenden Lebenserinnerungen, »weil ich von ihm einen besonders günstigen Blick auf ein Deckengemälde genoß, das für mich ein eigentümliches Interesse hatte. Es war eine allegorische Darstellung, in welcher wahrscheinlich irgendein Zähringer, ein Vorfahr der badischen Fürstenfamilie, als Jupiter, oder Mars, oder Apollo figurierte. Der Gegenstand des Bildes zog mich daher nicht an. Aber ich fand darin eine weibliche Figur, irgendeine Göttin, deren Gesicht mich lebhaft an Betty erinnerte; und wenn ich von meinem Sofa hinaufschaute, so blickten mich Bettys Augen gütig an. Kein Wunder also, daß ich mich auf diesem Sofa gern ausstreckte und mich, unsere schlimme Lage zeitweilig vergessend, in wachen Träumen wiegte, bis mir die Augen im Schlaf zufielen.«
Betty, eine Bonner Kaufmannstochter, ist Carl Schurz’ große Liebe. Nach wie vor schwebt sie als liebliche Gestalt im blauen Gewand über die Decke des Ahnensaals im Rastatter Schloss. Damals aber hält sie ihre Hand über den jungen Freiheitskämpfer. Als die Sache endgültig verloren ist und Rastatt sich »auf Gnade und Ungnade« ergeben muss, gelingt Schurz die Flucht; durch die Kanalisation entschlüpft er ins Freie. Ein Arbeiter hilft ihm, auf die andere Rheinseite zu gelangen – nach Frankreich. Es ist der Wendepunkt einer Lebensreise, die ein einziges großes Abenteuer werden sollte.
Rund vierhundert Kilometer rheinabwärts ist Carl Schurz geboren worden, am 2. März 1829, und dort ist er auch aufgewachsen, in Liblar westlich von Köln. Die Gemeinde gehört wie das ganze Rheinland seit 1815 zu Preußen – nach der Napoleonischen Besetzung, die nicht nur das nationale Empfinden erweckt hat, sondern im Hause Schurz auch als Zeit der bürgerlichen Freiheit erlebt worden ist. Sein Vater hat den Lehrerberuf an den Nagel gehängt und eine Eisenwarenhandlung aufgemacht. Die Geschäfte gehen mäßig, mal auf, mal ab, am Ende nur noch ab. Christian Schurz ist bankrott, verschuldet sich, kommt ins Gefängnis. Wieder frei, zieht er nach Bonn und eröffnet dort ein Studentenheim.
In Bonn lebt jetzt auch, nach Schuljahren in Brühl und Köln, sein Sohn, der Student; Geschichtsprofessor will er werden. Es sind aufgeregte Zeiten, Deutschlands bürgerliche Jugend ruft nach Freiheit und nationaler Einheit. Carl Schurz organisiert sich in der Burschenschaft Frankonia, demonstriert, tritt 1848 in die Bürgerwehr ein, spricht für den demokratischen Verein und macht zusammen mit Gottfried Kinkel die Neue Bonner Zeitung .
Übers Dachfenster seilt Kinkel sich ab, Schurz Wagen wartet schon
Kinkel ist ein junger Professor, bei dem Schurz Kunstgeschichte und Literatur hört. Begeistert geht er den revolutionären Studenten voran, auch im Mai 1849, als der Kampf für die Paulskirchenverfassung mit ihren Menschen- und Grundrechten beginnt. In Baden und in der Pfalz bricht der Aufstand los. Kinkel, Schurz und andere Mitglieder des demokratischen Vereins sind dabei. Doch zu rasch nur werden die Truppen der Freiheit von den Preußen über den Rhein gedrängt und dann, von Mannheim, immer weiter nach Süden bis Rastatt. Einem Großteil des Revolutionsheeres gelingt noch, unter der Führung des blutjungen Generals Franz Sigel, der Übertritt in die rettende Schweiz, doch 6000 Mann bleiben in Rastatt zurück, entschlossen, die mächtige Bundesfestung bis zuletzt zu verteidigen. Am 23. Juli 1849 müssen sie kapitulieren, ihre Anführer werden standrechtlich ermordet.
Kinkel ist schon kurz zuvor, am Kopf verletzt, den Preußen in die Hände gefallen. Das Rastatter Gericht verurteilt ihn zu lebenslanger Festungshaft, die er seit 1850 in Spandau bei Berlin absitzt. Auf Drängen von Johanna Kinkel, Gottfrieds energischer Frau, entschließt sich Carl Schurz zu einer spektakulären Aktion. Mit einem falschen Pass reist er noch im selben Jahr nach Deutschland, um Kinkel zu befreien. Nicht zuletzt mittels pekuniärer Zuwendungen gewinnt er das Vertrauen der Gefängnisaufseher; Freunde haben fürs Bestechungsgeld gesammelt. Der erste Versuch am 5. November scheitert, doch eine Nacht später ist es so weit. Kinkel kann sich über ein Dachfenster an der Festungsmauer abseilen, Schurz’ Wagen steht schon bereit, und nach einem kurzen Zwischenhalt, bei dem Kinkel seine Kleider wechselt, geht es im Galopp Richtung Rostock, von dort aus auf dem Schiff nach Schottland und weiter per Bahn nach London.
Kurz darauf sind beide in Paris, wo Kinkel seine Frau wieder trifft. Schurz hält sich mit Zeitungsartikeln und Sprachunterricht über Wasser; die Polizei bleibt ihm auf den Fersen. Schließlich kehrt er, im Juni 1851, nach London zurück.
Anfang Dezember putscht sich in Paris Prinz Louis Napoleon (Napoleon III.), der Neffe des großen Korsen, an die Macht und setzt der Zweiten Republik in Frankreich ein Ende. Damit erlöschen für viele Freiheitskämpfer die letzten Hoffnungen auf ein demokratisches Europa, ein demokratisches Deutschland. Wie Tausende und Abertausende seiner Landleute beschließt jetzt auch Carl Schurz, die Alte Welt zu verlassen und nach Amerika zu gehen.
Zuvor allerdings wird noch geheiratet! Betty ist vergessen, Margarethe Meyer heißt die Auserwählte, eine Schwägerin des katholischen, von seiner Kirche verfemten Reformtheologen Johannes Ronge, der ebenfalls in London Zuflucht gefunden hat. Die Meyers, Hamburger Fabrikanten, sind nicht gerade begeistert darüber, ein zweites Mitglied der Familie an einen Revoluzzer zu »verlieren«. Doch darf Margarethe das Geld aus ihrer Erbschaft – der Vater ist 1848 verstorben – mitnehmen in die Neue Welt, wo es den jungen Eheleuten die erste Existenz sichert.
Am 17. September 1852 kommen Margarethe und Carl Schurz auf der City of London im New Yorker Hafen an. Schurz erwarten bereits etliche Freunde und Verwandte in Amerika, unter ihnen Heinrich Tiedemann, ein Bruder jenes Rastatter Festungskommandanten, der noch im Sommer 1849 von den Preußen erschossen worden ist. Tiedemann lebt als Arzt in Philadelphia. Von dort aus macht sich Schurz allein zu einer längeren Reise in den amerikanischen Westen auf und beschließt, sich in Watertown im Bundesstaat Wisconsin niederzulassen. Er kauft ein größeres Anwesen, von dem er Parzellen an andere Einwanderer weiterverkaufen will. In Watertown lebt bereits einer seiner Vettern, und hier werden sich auch seine Eltern und seine beiden (jüngeren) Schwestern niederlassen, die ihm bald über den Atlantik folgen.
Von der Politik aber mag er nicht lassen. Emsig lernt er Englisch, feilt an seiner Rhetorik. Er ist Mitte dreißig, er sprüht vor Energie. Zusammen mit dem Idol der deutschen Revolution, mit Friedrich Hecker, der inzwischen auf einer Farm in Illinois lebt, schließt er sich der frisch gegründeten Republikanischen Partei an. Denn die wendet sich, unter dem Einfluss Abraham Lincolns, immer klarer gegen die Sklaverei – die Schande der jungen Nation.
1860 lernt er Lincoln persönlich kennen. Ganz in dessen Sinne hält Schurz überall im Land Vorträge. Er soll für Lincoln die Deutschen gewinnen, gleichzeitig gewinnt er die Deutschen für den Kampf gegen die Sklaverei, wie der New Yorker Historiker Hans L. Trefousse 1982 in seiner großen (leider nie übersetzten) Schurz-Biografie festgestellt hat. Obwohl er sich seine Auftritte gut honorieren lässt, bleibt die finanzielle Lage prekär. Seine dilettantischen Grundstücksspekulationen scheitern, und die Kreditgeber drängen.
Margarethe Schurz geht derweil eigene Wege: Für ihre dreijährige Tochter Agathe und die Sprösslinge der Verwandten richtet sie einen Kindergarten ein, den ersten Kindergarten der USA. Zunächst fühlt sie sich noch wohl in Watertown, im März 1857 bekommt sie ihre zweite Tochter. Doch bald sehnt sie sich wieder nach mehr Gesellschaft.
1860 wird zum Jahr der Wende. Amerika wählt Abraham Lincoln zum Präsidenten. Schurz ist in Hochstimmung. Als innerparteilicher Radikaler rechnet er mit der baldigen Abschaffung der Sklaverei. Er bombardiert seinen Präsidenten-Freund mit Briefen, rät ihm dieses, rät ihm jenes.
Zugleich hofft er auf zarte Förderung der eigenen Karriere und der seiner Freunde. Ein Botschafterposten, so gibt er Lincoln zu verstehen, das wäre schon was für ihn. Sein Wunschland ist Italien, das sich gerade erst zu einer Nation bildet, aber er nimmt auch gern mit dem Posten in Spanien vorlieb.
Der Einstand, im Juli 1861, droht allerdings desaströs auszufallen. Zur Vorstellung bei Königin Isabella II. fehlt ihm nicht nur die Galakluft, sondern auch noch das Beglaubigungsschreiben der amerikanischen Regierung; er kann es einfach nicht finden. Schurz improvisiert und steckt eine sorgfältig gefaltete Zeitungsseite in das Kuvert von der offiziellen Größe, das er an Dona Isabella, Königin von Spanien adressiert. Denn von seinem Sekretär hat er sich sagen lassen, dass die Monarchin den Umschlag meist nicht öffne, sondern ihn geschlossen ihrem Außenminister übergebe. Immerhin, am Ende glückt Schurz’ Debut doch noch: Er wird trotz seines einfachen Anzugs empfangen, und die Königin reicht den Umschlag ungeöffnet weiter …
Es gibt bald härtere Nüsse zu knacken. Angesichts des beginnenden Amerikanischen Bürgerkriegs, befürchtet die Lincoln-Regierung, Spanien könne zugunsten der Sklavenstaaten des Südens intervenieren. Schurz gelingt es, Madrid zum Stillhalten zu bewegen; er warnt davor, ein gegen alle Wahrscheinlichkeit siegreicher Süden könnte nach den spanischen Besitzungen in der Karibik greifen.
Seit Ende 1860 haben sich die Südstaaten abgespalten, 1861 rollt ihr Angriff, der Norden gerät in die Defensive. Wie viele andere Politiker verlangt es Schurz, aus Spanien zurückgekehrt, nach einem militärischen Posten, selbstbewusst denkt er gleich an den Rang eines Brigadegenerals.
Im Senat und in der Regierung selbst regt sich Widerstand. Die Ernennung verzögert sich. Erst im April 1862 darf Schurz unter seinem alten Kampfgenossen aus 49er-Tagen, Franz Sigel, eine Brigade führen – und hat wie dieser unter den deutschenfeindlichen Ressentiments der natives, der geborenen Amerikaner, in Regierung und Armeeführung zu leiden. Die beiden Deutschen zerstreiten sich, doch während sich Sigel zurückzieht, schafft es Schurz, dank seiner Verbindungen ins Weiße Haus, alle Angriffe zu parieren. Am 14. März 1863 wird er zum Generalmajor befördert; stolz teilt er der Hamburger Sippe seiner Frau mit, in der ganzen Armee gebe es »keinen höheren Rang«.
Der Präsident hält sein Versprechen, die Sklaverei wird abgeschafft. Für Schurz ist es keine Frage, 1864 wieder für Lincoln in den Wahlkampf zu ziehen. Der charismatische Präsident gewinnt. Im Juni 1865 endet der Krieg mit der Kapitulation des Südens; wenige Wochen zuvor, am 15. April, ist Abraham Lincoln in Washington ermordet worden.
Sein Nachfolger Andrew Johnson schickt Schurz auf eine Inspektionsreise in den Süden. Der Bericht des Beobachters fällt scharf aus: Die Chance, unmittelbar bei Kriegsende umfassende Reformen einzuleiten, sei verspielt worden; Anweisungen aus Washington würden boykottiert; freigelassene Sklaven neuer Zwangsarbeit unterworfen; der alte Separatismus lebe weiter. Schon deshalb möge Johnson die Truppen der Union unbedingt im Süden lassen. Im Übrigen sei den Schwarzen das volle Wahlrecht zu gewähren; auch müsse über eine Landreform nachgedacht werden.
Der Präsident, der den Süden durch Entgegenkommen für die Union zurückgewinnen will, weigert sich, den Bericht zu veröffentlichen. Der Kongress hält dagegen, über 100 000 Exemplare werden schließlich gedruckt.
Währenddessen hat Schurz private Nackenschläge einzustecken. Seine Farm in Watertown geht im Januar 1867 an die Gläubiger verloren. Allerdings erhält er zur selben Zeit das Angebot, bei der deutschsprachigen Westlichen Post in St. Louis Mitherausgeber zu werden, eine Chance, die er gern ergreift.
Während des Winters 1867/68 besucht Schurz Deutschland. In Berlin empfängt ihn Otto von Bismarck, sie sitzen den ganzen Abend zusammen. Es ist just jener Moment, da Preußens starker Mann, nach dem Sieg über Österreich, erfolgreich um die Liberalen wirbt. Ganz in diesem Sinne eröffnet er dem verblüfften Achtundvierziger: Wenn Frankreich Wien zu Hilfe geeilt wäre, dann hätte er wohl »an das Nationalgefühl des ganzen Volkes appelliert« und »die Frankfurter Verfassung des Deutschen Reiches von 1848 und 1849 proklamiert«.
Wie so mancher bürgerliche Freiheitskämpfer lässt Schurz sich vom Erfolg der Bismarckschen Gewaltpolitik zunehmend blenden. Doch auch er selbst, 1869 zum Senator von Missouri gewählt, beginnt sich zu wandeln. Von seinen Forderungen gegenüber den Südstaaten, die er noch in seinem Bericht 1865 formuliert hat, will er jetzt nichts mehr wissen – die Schwarzen, die Unionisten mögen sehen, wo sie bleiben. Die Truppen sollen abgezogen werden, die Südstaaten wieder nach ihren eigenen Gesetzen leben dürfen. Die Presse verfolgt seine Wandlungen mit Kopfschütteln und Spott.
Schurz löst sich von den Republikanern und versucht, mit einigen Getreuen eine neue, eine Liberal Republican Party zu gründen. Er scheitert, versteht sich jetzt als Unabhängiger, hält mal zu den Republikanern, mal zu den Demokraten.
1872 besucht er mit seiner Familie Deutschland; das neue Reich beeindruckt ihn, wenngleich ihn der dröhnende Nationalismus befremdet. Für seine Frau wird es ein letztes Wiedersehen mit der Heimat; im März 1876 stirbt sie bei der Geburt des vierten Kindes in St. Louis.
Schurz stürzt sich wieder in die Politik. Er unterstützt die Kandidatur des Republikaners Rutherford B. Hayes, der 1876 mit hauchdünnem Vorsprung die Wahlen gewinnt. Schurz erklimmt den Gipfel seiner amerikanischen Karriere und wird zum Innenminister berufen. Er agiert glücklos.
Die Reform des öffentlichen Dienstes, die er propagiert, kommt nicht von der Stelle, die Indianerpolitik ändert er nicht grundlegend; im Naturschutz entwickelt er gute Ideen, kann aber nichts davon durchsetzen. Vor allem fehlt ihm ganz einfach das Verständnis für moderne Industriegesellschaften. Die von ihm befürwortete Deflationspolitik ruiniert die Bauern und Handwerker. Arbeitskämpfe sind ihm fremd, die Streiks der Eisenbahner 1877 bricht er mit Militärgewalt, überall wittert er kommunistische Agitation. Die von der Regierung Hayes umgesetzte Südstaatenpolitik entwickelt sich zur Katastrophe: Der Truppenabzug macht die Schwarzen, aber auch die Unionisten dort vogelfrei. Es verwundert nicht, dass 1878 die Republikaner in beiden Häusern des Kongresses die Mehrheit verlieren. Hayes stellt sich nicht mehr zur Wiederwahl. Damit ist 1881 auch Schurz’ Amtszeit zu Ende.
Amerikas Feldzug für die Freiheit ist tatsächlich der Griff nach Kolonien
Bereits 1870/71 hat er im deutsch-französischen Krieg kritiklos für die alte Heimat Partei ergriffen und den deutschen Sieg mit schwarz-weiß-roter Beflaggung seines Zeitungshauses in St. Louis gefeiert. Als Wilhelm I. 1888 stirbt, jener Fürst also, der den jungen Freiheitsmann einst in Rastatt mit der Erschießung bedroht hat, widmet Schurz ihm einen ausgiebigen Nekrolog, der die nationalen Taten des Kaisers preist.
Doch ein letztes Mal noch bricht der alte Kämpfer aus ihm hervor. Mit Verve agitiert er gegen alle imperialistischen Ambitionen und die Versuche der USA, sich ein eigenes Kolonialreich zu schaffen. Unterstützt von dem philantropischen Stahlmagnaten Andrew Carnegie, propagiert er ein neutrales, friedliches Amerika und warnt davor, Kuba, Santo Domingo, Hawaii oder die Philippinen zu annektieren. Er redet auf Kongressen und Kundgebungen. Als die Regierung 1898 den Krieg gegen das koloniale Spanien vom Zaun bricht, wirft er ihr vor, diesen Feldzug »im Namen der Freiheit und Menschlichkeit« zu führen, tatsächlich aber zum »Zwecke der Selbstbereicherung«. Ist es, fragt Schurz, nützlich oder würdig, vor aller Welt als Nation dazustehen, deren feierlichsten Beteuerungen niemand mehr trauen könne? Es ist, als hätte der temperamentvolle Mann, auf die achtzig zugehend, noch einmal zurückgefunden zu den Idealen seiner Jugend. Sein Amerika sollte immer auch das Deutschland sein, das er sich einst erträumt hatte. Zurückgekehrt ist er nicht: Am 14.Mai 1906 stirbt er in New York. Präsident Theodore Roosevelt und Kaiser WilhelmII. kondolieren, Mark Twain schreibt einen Nachruf.
Der Autor ist Professor für Kulturgeschichte an der Hochschule (FH) Merseburg. Mehr zum Thema bietet die kundige, reich illustrierte Monografie Walter Keßlers »Carl Schurz – Kampf, Exil und Karriere«, die gerade im Greven Verlag, Köln, erschienen ist (135 S., 14,90 €)
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 04.05.2006
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