Das hat es zum letzten Mal am Ende des Dreißigjährigen Krieges gegeben: mehr Franzosen als Deutsche. Wenn die Geburtenfreudigkeit in Frankreich anhält, könnte das Land bis zum Jahr 2050 wieder mehr Bewohner zählen als sein bislang größter Nachbar. Der aktuelle französische Europarekord an Fruchtbarkeit mit 1,95 Kindern pro Französin kommt nicht von ungefähr. Jahrzehntelang wurden die Familienhilfe und die Kinderbetreuung ausgebaut – und zwar in einem Ausmaß, das weit über die üblichen Finanztransfers hinausgeht. Das Familiensplitting befreit die Hälfte aller französischen Haushalte von der Steuerlast BILD

Nicht immer war das Land mit einem solchen Kinderreichtum gesegnet. Noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges lag die Geburtenrate so niedrig, dass auch die Franzosen große Angst vor dem Aussterben hatten. Erst seit Charles de Gaulles Appell von 1945 (»Frankreich braucht zwölf Millionen Babys«) rückte der Nachwuchs auf der politischen Agenda ganz nach oben. Seitdem hat das Land vor allem in drei Bereichen die Voraussetzungen geschaffen, dass die Bevölkerung wieder wächst: bei der Betreuung der Kinder, beim pädagogischen Personal und bei der Berufstätigkeit der Frauen.

Das Besondere an der französischen Familienpolitik ist nicht der dreiprozentige Anteil der Finanztransfers am Bruttosozialprodukt. Entscheidend ist, dass Familie und Kinder nicht als Privatangelegenheit, sondern als öffentliche Aufgabe gelten. Deshalb wird das Geld nicht nur in die einzelnen Familien, sondern vor allem in die Struktur des öffentlichen Bildungswesens, in Schulen und in die Kinderbetreuung investiert. So macht es der Staat den Müttern leicht, ihrem Beruf weiter nachzugehen. Rund 80 Prozent der Frauen mit zwei Kindern stehen im Erwerbsleben. Und vor allem fällt auf, dass der Kinderwunsch mit zunehmender Bildung und gehobener Berufsposition nicht wie üblich sinkt, sondern steigt.

Frankreich verfügt über ein hervorragendes Vorschulsystem, die écoles maternelles, die 99 Prozent aller Kinder ab drei Jahren besuchen – ganztägig, versteht sich, genau wie die weiterführenden Schulen bis zum Abitur. Doch auch für Kinder in den ersten drei Lebensjahren bietet der Staat immer mehr. Die Tatsache, dass die Mehrzahl der Französinnen nur drei Monate Erziehungszeit nimmt, rührt nicht allein vom massiven Ausbau der Krippenplätze her, sondern vor allem vom häuslichen Betreuungsangebot. Nahezu 600000 Erzieherinnen im Land – mehr als doppelt so viel wie noch vor 15 Jahren – arbeiten heute als staatlich anerkannte assistantes maternelles oder als nourrices.

Sie arbeiten als Tagesmütter, die in ihren Wohnungen eine Kleinkrippe mit zwei bis vier Kindern aus der Nachbarschaft betreiben. Oder sie kommen als Kinderfrauen in Haushalte der kinderreicheren Familien. Regelmäßig wird die Betreuungsbranche als »Zukunftssektor« gepriesen, der auch zum Jobwachstum beiträgt. Dieser Luxus ist sogar für einkommensschwache Haushalte erschwinglich. Denn die Eltern erhalten Zuschüsse für Gehalt und Sozialversicherung der Kinderfrauen. Dabei gilt die Regel, dass niemand mehr als zehn Prozent seines Einkommens für seine Kinder aufbringen soll.

Zudem gibt es kein Ehegatten-, sondern ein Familiensplitting: Gemäß einem »Familienquotienten« in der Besteuerung wird das Einkommen durch die Kopfzahl geteilt. Daher zahlt nur die Hälfte aller französischen Haushalte überhaupt noch Lohn- und Einkommensteuer. Vom dritten Kind an stellt der Fiskus die Eltern mit Durchschnittseinkommen sogar völlig frei.

Erst nach diesen Vergünstigungen fallen die direkten Zuwendungen ins Gewicht. Familien, deren monatliches Bruttoeinkommen 4120 Euro nicht übersteigt, erhalten eine einmalige Geburtsprämie von 800 Euro pro Kind sowie monatlich 160 Euro Kindergeld während der ersten drei Lebensjahre. Alles zusammen machen die Staatshilfen bei Familien mit zwei Kindern 7Prozent des verfügbaren Einkommens aus, 17Prozent bei drei Kindern und 27 Prozent bei vier und mehr Kindern, so eine Berechnung der öffentlichen Familienkasse.

Letztlich tragen die direkten Finanztransfers – das Budget des Familienministeriums beträgt knapp 60 Milliarden Euro – weniger zur Familienhilfe bei als die Investitionen in Schulen und Personal. Besonderen Wert legen die Franzosen dabei auf die Qualifizierung ihrer Pädagogen: Kinderfrauen sind staatlich geprüft, und selbst in den Vorschulen arbeiten Kräfte mit Lehramtsstudium. Für ihre Kinder, die gleich in der ersten Zeile der Marseillaise (»Allons enfants«) besungen werden, ist den Franzosen das Beste gerade gut genug.