Loreley Die philosophische Vernunft
Warum ist der Mensch so selten vernünftig? Rationalität und Schuld am Beispiel der Loreley. Ein Essay, von
Die »schönste Jungfrau« ist unerreichbar und begehrenswert, sie singt ein Lied, das den Schiffer überwältigt. Er schaut hinauf zu ihr, was sein Schiff und sein Leben bedroht. So kommt’s auch, Schiffer und Kahn werden vernichtet. Verantwortlich aber ist der Schiffer dafür keineswegs: Das »hat (…) die Lore-Ley getan«.
Hätte der Schiffer, um das Lied der Lore-Ley wissend, seine Ohren verstopfen sollen, bevor er sich diesem Felsenriff näherte? Das hätte ihn vor seinem Untergang bewahrt. Aber war der Schiffer nicht auch unter dem Riff, das gewaltige Lied vernehmend, ein Handelnder ? Entschied er sich nicht, den Blick nach oben zu richten, den Kurs seines Bootes zu vernachlässigen? Hätte er nicht wissen müssen, dass dieser faszinierte Blick sein Leben gefährden würde? Es hätte ihm nichts geholfen, mag man erwidern, denn nun war er nicht mehr Herr seiner Sinne, Schönheit und gewaltiger Klang ließen ihm keine Wahl, als nach oben zu blicken. Ein kausaler Prozess ohne Autorschaft .
Und Lore-Ley, war sie die Autorin ? Wenn sie die Tat begangen hat, welche Absichten müssen wir dann annehmen? Kann sie eine Tat begehen, ohne sie zu beabsichtigen? Nein, denn dann könnten wir ihr diesen Vorgang, den Untergang des Schiffers, nicht als Handlung zuschreiben. Hat sie also das Verderben des Schiffers gewollt? Nun, der Schiffer wird das meinen, aber er irrt. So wichtig ist er nicht für Lore-Ley, dass diese sein Verderben beabsichtigte. Sie beabsichtigte gar nichts, sie sang, weil es ihr Spaß machte, und sie war schön, weil das ihrer Natur entsprach. Sie kämmte sich nicht mit goldenem Kamme, um dem Mann da unten die Sinne zu rauben. Sie raubte ihm seine Sinne, und wenn sie tatsächlich darum gewusst haben sollte, dann war das eine unbeabsichtigte, aber in Kauf genommene Nebenfolge, keine Tat, die man der Lore-Ley zuschreiben könnte.
Ist das Verderben des Schiffers also ein Unheil ohne Verantwortlichkeit? Ein kausaler, mit Naturnotwendigkeit ablaufender Prozess? Odysseus belegt das Gegenteil. Er verstopfte in einer ähnlichen Situation den rudernden Gefährten die Ohren, ließ sich an einen Mast binden und konnte nun das gewaltige Ereignis der Sirenenklänge erleben, ohne sich selbst zu vernichten. Ungebunden wäre er wie der Rheinschiffer den Sirenenklängen erlegen, hätte sein Leben verloren, um ihnen näher zu kommen. Gebunden überlebt er, weil er dem Wunsch des Augenblicks nicht folgen kann.
Dies ist die Geburt praktischer Vernunft . Es ist nicht mehr der Thymos – der Mut und die Wut, das Begehren und die Lust des Augenblicks –, der den Helden bestimmt, sondern das längerfristige Interesse am Überleben, ja an einem guten Leben, erfahrungsgesättigt und in sich stimmig. Odysseus weiß um seine Schwäche, er weiß, welche Wünsche er in dem Augenblick haben wird, in dem er den Sirenenklängen ausgesetzt ist. Aber er weiß auch, dass er diesen Wünschen des Augenblicks um den Preis der eigenen Vernichtung nicht folgen darf. Es ist irrational, den jeweils dominierenden Wünschen des Augenblicks zu folgen. Dem Schiffer wird das spätestens in den qualvollen Minuten des Ertrinkens bewusst. David Hume und mit ihm viele zeitgenössische Rationalitätstheoretiker verschließen sich dieser manchmal erschütternden Erkenntnis.
Der stoizistische Sohn des Odysseus legt sich virtuelle Fesseln an, er braucht keine realen. Er betrachtet seine Wünsche des Augenblicks distanziert genug, um dazu Stellung nehmen zu können: Sind sie es wert, befolgt zu werden, sollen sie Leitschnur meines Handelns werden? Die kantische Enkelin prüft ihre Maximen, ob sie sich als ein allgemeines Gesetz des Handelns eignen würden, und handelt nicht nach ihnen, wenn das Ergebnis negativ ausfällt.
Der strukturell rationale Weise ist von Gründen, nicht von Wünschen, geleitet. Jede seiner Handlungen bringt das Akzeptieren von Gründen zum Ausdruck, sonst wäre es keine Handlung. Diese Gründe legen Strukturen in sein Leben. Damit es ein gutes Leben ist, müssen viele Wünsche erfüllt, aber auch viele Wünsche frustriert werden. Gut ist es, wenn es in sich stimmig ist. Ist es nicht stimmig, sind einige der ihn leitenden Gründe keine guten Gründe. Ein stimmiges, kohärentes Leben gibt keinen Grund zur Reue. Der Autor eines solchen Lebens ist mit sich im Reinen. Der Schiffer, so müssen wir vermuten, wird in den letzten Minuten seiner Existenz sein Verhalten zutiefst bereuen. Er kann mit sich nicht im Reinen sein. Ihm bleibt nur der Ausweg, Lore-Ley – zu Unrecht – verantwortlich zu machen.
Julian Nida-Rümelin lehrt politische Theorie und Philosophie an der Universität München. Die hier angedeutete philosophische Position kann man nachlesen in seinem Buch »Strukturelle Rationalität. Ein philosophischer Essay über praktische Vernunft«, bei Reclam 2001
- Datum 04.05.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.05.2006
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Allerdings ist es in dem Lied nicht der Schiffer, der die Lore-Ley verantwortlich macht.
Die Aussage, dass die Lorelei eine Tat nicht begehen kann, ohne sie zu beabsichtigen, ist für mich nicht nachvollziehbar.
Denn wie heißt es so schön:"Unwissen schützt vor Strafe nicht!"
Sie mag sich ihrem Handeln zwar nicht bewusst sein, dennoch ist ihr betörender Gesang und ihr anziehendes Aussehen, für welches sie aber schließlich nichts kann, verantwortlich für den Tod des Schiffers und dem Untergang seines Schiffes.
Der Schiffer trägt mit seinem unvernünftigen Handeln allerdings eine Teilschuld, denn er lässt hier den Trieb über die Vernunft siegen.
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