Loreley Die psychoanalytische Sichtweise

Wenn ich heute als Psychoanalytikerin dieses 1823 geschriebene Gedicht Heinrich Heines interpretierend verstehen will, dann stehe ich vor verschiedenen Problemen. Einerseits geht es um die Methode des psychoanalytischen Verstehens: Wäre das Gedicht der Text eines Traumes oder der Einfall eines Analysanden auf der Couch, dann wäre ich auf die zugehörigen Assoziationen des Analysanden angewiesen, um sicher zu sein, dass ich ihn und seine Fantasien richtig verstehe. Andererseits entstammt dieses Gedicht einer Zeit, in die ich mich nur teilweise einfühlen kann, einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sicher ganz anders erlebt wurden als heute, auch anders als zu Lebzeiten Sigmund Freuds. Und schließlich hat sich die psychoanalytische Sichtweise dieser Beziehungen seit Freud sehr verändert. Ich will trotzdem versuchen, meine Einfälle zu diesem Text aus meiner heutigen Sicht wiederzugeben:

»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin«: Heine findet keine »Bedeutung«, das heißt keinen Zusammenhang zwischen seinem Gefühl der Traurigkeit und der Ursache dieser Traurigkeit. Es bleibt unklar, ob er nach diesem Zusammenhang ernsthaft sucht oder ob es ihm – in romantischer Weise – gut gefällt, den gesuchten Zusammenhang nicht zu finden, sondern diese Frage »in der Schwebe zu halten«.

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Jedenfalls erzählt der Dichter von einer Traurigkeit, die ihn in der Beschäftigung mit einem »Märchen aus alten Zeiten« befallen hat. Dieses »Märchen« hat seine Fantasie angeregt, weil es seinen inneren Hoffnungen und Befürchtungen entspricht. Es berichtet von der Gefahr, in die man als Schiffer – als Mann – geraten kann, wenn man die gefährlichen Strudel zu Füßen der Loreley nicht beachtet, weil man nur noch die Jungfrau auf dem Felsen sieht, wie sie die Männer verführt, indem sie sich ihnen rückhaltlos zeigt.

»Der Schiffer im kleinen Schiffe« erinnert mich an den hilflosen Jungen, der von den Wellen seiner Gefühle hin und her gebeutelt wird. Ein »wildes Weh« ergreift ihn, die dramatische Ambivalenz aus starker Aufregung und Angst oder Schmerz. In dieser Situation vergisst er sich selbst und die Gefahr, in der er sich befindet: »Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf in die Höh’.« Er ist der verführenden Frau – ursprünglich der Mutter – hörig und ausgeliefert. Schließlich »verschlingen« die Gefühlswellen »Schiffer und Kahn«. Er verliert den Boden unter den Füßen, den Kahn, der ihn durch die gefährlichen Strudel hätte bringen können. Das Ende ist eine Schuldzuweisung an die verführende Frau (die Mutter), die ihm »mit ihrem Singen« jede Sicherheit genommen und ihn »verschlungen« hat.

Dieses Gedicht erzählt aus meiner heutigen Sicht von der Sehnsucht des Mannes, von einer »reinen« – und damit ungefährlich erscheinenden – Frau verführt zu werden. Wenn sie sich ihm zuneigt und anbietet, fühlt er sich lebendig und über alle Gefühle der Wertlosigkeit »erhoben«. Gleichzeitig verliert er sich dabei selbst. In grandioser Selbstüberschätzung (er beachtet die Gefahr nicht, in der er sich befindet) wird er zum Opfer der Frau, die er – um der eigenen Idealisierung willen – idealisiert hat. Was bleibt, ist die Schuldzuweisung an die Frau, die all das »getan« hat.

Leser-Kommentare
  1. Ohne Mutter- bzw. Vaterkomplex scheint sie ja tatsächlich nicht auszukommen, die Psychoanalyse. Gut, dass Heine schon tot ist. Wie ich ihn kenne, hätte er sich postwendend gegen diese ziemlich verkrampft klingende Unterstellung verwahrt - und wäre postwendend (da-habt-ihr-den-Beweis!) zum "Fall" erklärt worden. Mit allen negativen (Behandlungs-)Folgen. In den Augen der Analytiker kann man eben nicht einfach ein musischer, fantasiebegabter Mensch sein. Man braucht für seine Begabung (die anderen, "Gesunden", abgeht) einen Grund. Und so wird aus einem Heine, hat-du-nicht-gesehen, nicht nur ein lebenslang komplexbehafteter Jude, sondern gleich auch noch ein TRAUMatisiertes (und vermutlich sogar frühkindlich missbrauchtes Muttersöhnchen. Sch... Lebensthemen!

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