Nachruf Kritiker der Macht

Zum Tod von John Kenneth Galbraith

Der kanadische Bauernsohn John Kenneth Galbraith ist viel gewesen in seinem Leben. Oberster Preisregulierer der USA während des Krieges, Journalist beim Wirtschaftsmagazin Berater seines Freundes John F. Kennedy, US-Botschafter in Indien. Doch vor allem war der schlanke Hüne mit dem kantigen Gesicht einer der einflussreichen Ökonomen des 20. Jahrhunderts.

Oder nicht? Galbraith sei gar kein richtiger Ökonom, hat Paul Samuelson einmal der ZEIT gesagt, und Samuelson ist immerhin der Vater der modernen Wirtschaftstheorie. Er meinte damit, dass sich der Kollege früh von Modellen verabschiedete und ein politökonomischer Kommentator wurde. Galbraith war Professor in Harvard, ja, der Linksaußen seiner Fakultät, aber seine Impulse gab er von außen. In Bestsellern, im Fernsehen, auf Konferenzen.

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Egal, womit er sich gerade befasste, Galbraith legte sich immer an. Herrschende Gedanken, die nicht mehr hinterfragt werden, forderten ihn zum Widerspruch heraus. Ende der fünfziger Jahre verfasste er Gesellschaft im Überfluss , seinen größten Erfolg. Galbraith warf den Vereinigten Staaten vor, sich gedankenlos der Spirale von immer mehr Konsum und immer mehr Umweltverpestung anheim zu geben. Die mächtigen Konzerne, die mit ihren Werbemilliarden neue Wünsche kreierten, waren ihm ein Dorn im Auge. Keiner könne sie mehr kontrollieren, schrieb er schon Jahrzehnte bevor die Kritik an den Multis modern wurde.

Galbraith war zu seiner Zeit ein Star. Witzig in seinen Kommentaren, charmant im Plaudern. Und er hatte augenscheinlich Gefallen an seinem Leben. Zum Beispiel in seinem Haus im noblen Schweizer Gstaad, wo er Ski lief und seine Bücher schrieb. Oder in seiner großen, etwas altertümlichen Villa nahe der Harvard-Uni, wo er bis in die späten Jahre – fröhlich und grantelnd zugleich – die Besucher empfing.

Seinen Außenseiterblick warf er auch auf die Finanzmärkte. Er analysierte die Geschichte der Spekulationen und zeigte, wie sich die Masse immer wieder anstecken lässt von selbstsicheren Finanzgurus und Geschäftemachern. Von außen schaute er auch auf seine eigene Zunft, die Ökonomen. In einem lesenswerten Roman über einen jungen Harvard-Professor, der sich als Experte für den Kühlschrankmarkt hervortat, führte er den Wissenschaftsbetrieb vor. Dass er sein Fach sehr wohl kannte, zeigte er in einem Klassiker über die Geschichte des ökonomischen Denkens. Der Titel ist nichts anderes als eine Zusammenfassung des Galbraithschen Wirkens: Die Entmythologisierung der Wirtschaft.

Im hohen Alter verfasste er noch ein kleines Vermächtnis. Der Staat lasse sich von der Privatwirtschaft dominieren, schrieb er vor zwei Jahren. Mit ihren Werbekampagnen beeinflusse sie die Verbraucher, mit ihrem Lobbying die Politiker. Die Banken verkauften Vorhersagen des Unvorhersagbaren und wiegten Anleger in Sicherheit. Die Zentralbank werde als nahezu gottgleich viel zu wichtig genommen. Sein letztes, kleines Buch zeigte vor allem eines: John Kenneth Galbraith ist modern geblieben als Kämpfer gegen unkontrollierte Macht und unreflektierte Phrasen, auch für die Freunde der Marktwirtschaft.

Vergangenen Samstag ist er im Alter von 97 Jahren gestorben.

 
Leser-Kommentare
    • gayorg
    • 04.05.2006 um 14:24 Uhr

    Ich habe selten so genial geistreiche Bücher gelesen wie die von Herrn Galbraight. Er besaß die Fähigkeit komplizierte ökonomische Zusammenhänge ganz einfach darzustellen und dabei noch sehr witzig zu sein. Die Kritik wurde immer unverblümt auf den Punkt gebracht.
    Kritiker seines Kalibers fehlen, im Zeitalter des `political correctness´ völlig.

    • SMunk
    • 03.05.2006 um 23:48 Uhr
    2. Genial

    Mit Erich Fromm zusammen, der bekanntlich Psychologe war, hat nichts mein Verhältnis zu unseren Wirtschaftsformen mehr geprägt als Bücher von Galbraith. Er hat nachgewiesen, dass unserer Art von Kapitalismus die innere Rationalität abgeht. Konsum, der nur noch durch mediale Werbebotschaften generiert wird, aber in keinster Weise von einem menschlichen Bedürfnis getrieben ist, ist die Krux unserer Gesellchaftsform. Wie Tobin hat Galbraith leider nicht die breite Zustimmung gefunden, die er verdient hat. Der Grund ist einfach; es sind die realen Machtverhältnisse in den abendländischen Gesellschaften, die trotz demokratischem Feigenblatt in Wirklichkeit reine Plutokratien sind.
    Nur was einer wie auch immer gearteten Wirtschaftselite nützt, findet positiven Nachhall in der medialen Mainstream-Verarbeitung. Zeitschriften wie das Manager-Magazin leben geradezu von diesem Wahn, dass Geld sexy macht. Daran glaubt außer Frauen niemand.
    In modernen Zeiten geht es vor allem um die Begrenzung der Macht internationaler Konzerne, die nationale Regierungen wie kleine Kinder aussehen lassen.
    Wir brauchen mehr Mittelstand, mehr wirkliches Unternehmertum; nicht noch mehr Profit für oligopolistisch bis monopolistisch agierende supranationale Konzerne egal welcher Branche und Branche. Die schiere Größe dieser Gebilde wird die Globalisierung zu einem Instrument weltweiter Versklavung des Menschen machen.

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