Kinshasa

Die Pastorin Henriette Kenemo ist heute nicht gut auf ihren Gott zu sprechen. Ihr Haus, die Eglise Methodiste Ebenga, ist voll wie an jedem Sonntag. In ihren besten Kleidern haben sich die Gemeindemitglieder heute Morgen in die verbeulten Sammeltaxis gequetscht oder sind zu Fuß zwischen den Abwasserrinnen und kokelnden Müllhaufen Kinshasas zur Kirche gelaufen. Jetzt sitzen sie – den Schweiß von der Stirn wischend – unter dem Wellblechdach des Gotteshauses, links die Männer, rechts die Frauen, an den Wänden kleben regungslos Eidechsen zwischen bunten Girlanden. »Handys ausschalten«, mahnt die Pastorin und kommt ohne Umschweife zur Sache. »Herr, Du hast diesem Land den Rücken zugekehrt. Unsere Kinder werden zu Soldaten gemacht, die Frauen vergewaltigt, das Land wird geplündert, die Menschen werden getötet. Jetzt wirst Du dem Kongo wieder ins Gesicht sehen müssen. Der Kongo wird wiederauferstehen.« UN-Generalsekretär Kofi Annan besucht UN-Truppen in Kinshasa BILD

Nach zahlreichen Verzögerungen steht das Datum der Wiederauferstehung seit vergangenem Sonntag endlich fest: der 30. Juli 2006, der Tag des ersten Wahlgangs, an dem die Kongolesen über einen Präsidenten und ein Parlament abstimmen sollen. »Wählt Menschen mit gutem Charakter, nicht solche, die mit Geld wedeln«, donnert Henriette Kenemo ins Mikrofon. »Und denkt daran: Nach den Wahlen fängt die Arbeit erst richtig an.« 500 schweißgebadete Methodisten klatschen, die Frauen trillern Freudenschreie, vier Kirchenchöre singen abwechselnd.

Monsieur Utshudi in der vordersten Holzbank, 76 Jahre alt, bleibt skeptisch. Er besitzt nicht mehr alle Zähne, dafür aber einen schwarzen Anzug und einen Sonnenschirm. Einst war er Direktor der kongolesischen Post, nun bezieht er eine Rente von umgerechnet zehn Dollar, »die ich manchmal bekomme und manchmal nicht«. Daniel Utshudi hat schon an den ersten Wahlen im Kongo teilgenommen – damals, im Jahr der Unabhängigkeit 1960, als Patrice Lumumba erster Premierminister des Landes wurde. »Der kümmerte sich um das Wohl des Volkes«, sagt Monsieur Utshudi. »Das können Sie mir glauben – ich kannte ihn persönlich. Wir gingen auf dieselbe Schule und in dieselbe Kirche.« Von den Präsidentschaftskandidaten 2006 hält Monsieur Utshudi wenig. »Nur Leute, die sich die Taschen voll stopfen wollen.« Wählen wird er trotzdem. BILD

Patrice Lumumba wurde nach kaum acht Monaten im Amt von einem Exekutionskommando unter belgischer Aufsicht und mit amerikanischer Billigung ermordet. 1965 beendete Mobutu Sese Seko mit einem Putsch endgültig den ersten Versuch der Kongolesen in Sachen Demokratie. Nun, vier Jahrzehnte, eine Diktatur und zwei Kriege später, folgt der nächste Anlauf – dieses Mal mit ausdrücklicher Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, die über 400Millionen Dollar in die Wahlvorbereitungen gesteckt hat.

Wieder die Hand eines Polizisten, der Hunger hat

Von sonntäglicher Ruhe ist nach dem Gottesdienst nichts zu merken. Draußen liegt längst wieder der Dunst aus Abgasen, Kloake und dem Rauch brennenden Mülls über der Stadt. Am Straßenrand verkaufen »Gadhafis«, wie man Kinshasas mobile Tankwarte nennt, ihr Benzin in Plastikflaschen für einen Dollar pro Liter. Plötzlich ragt eine Hand samt dreckigem gelbem Uniformärmel durchs offene Autofenster. »200 Franc Taxisteuer«, raunzt eine Stimme. Wieder ein Verkehrspolizist, der Hunger hat.