Briefwechsel Die Tochter des Übervaters

Ein spannendes Dokument aus der Familiengeschichte der Psychoanalyse: Der Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und seiner begabten Tochter Anna

Da sitzen sie nebeneinander und schauen uns vom Umschlag her an: Sigmund Freud und Anna Freud, Vater und Tochter, Analytiker und Analysandin, der Gründer der Psychoanalyse und seine Nachfolgerin und Statthalterin, die Gründerin der Kinderanalyse – zwei Kollegen. Freud blickt gerade in die Kamera, der buschige Bart gibt seinem Gesicht einen verschmitzten Zug; Anna schaut ernster, ihr Blick wirkt träumerisch, leicht melancholisch. Das Bild erfasst in einem Augenblick, was dieses Buch enthält: die Geschichte einer ungemein komplexen Beziehung, die hier erstmals in ihrer Briefkorrespondenz dem Leser zugänglich gemacht wird. Nachzuvollziehen, wie sich diese zwei starken Persönlichkeiten mit subtiler Intensität im Laufe von 34 Jahren aufeinander zubewegen, ist ein unglaublich eindrucksvolles Leseerlebnis.

Anna ist 14-jährig, wenn sie als Briefschreiberin erstmals auftritt. Ihre Feder wird geführt von einer zärtlich-stürmischen Liebe zum und Sehnsucht nach dem Vater. Sie vermisst ihn, sendet ihm viele Küsse, zeigt Besorgtheit um seine Gesundheit und fragt schüchtern nach seiner Arbeit. Freuds Antworten klingen warm und freundlich, er gibt väterliche Ratschläge, mahnt, dass sie sich ausruhen solle. Es klingt alles ganz normal – nur ist dies eben kein »normaler Vater«. Es ist Sigmund Freud, der seit Annas Geburt, 1895, an der Entwicklung der Psychoanalyse arbeitet, was seine Energien und Interessen weitgehend absorbiert. Und so scheint er auch nicht wahrzunehmen, wie seine Jüngste unablässig um seine Anerkennung wirbt.

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Im Winter 1912/13 wird sie nach Meran zur Erholung geschickt, und brav berichtet sie ihm im November, dass sie schon anderthalb Kilo zugenommen habe. Aber: »Es kommt mir vor, als ob ich schon eine ganze Ewigkeit von zu Hause weg wäre und Dich nicht gesehen habe.« Freud erklärt ihr Mitte Dezember, dass der Plan bestand, sie für acht Monate in Italien zu belassen, und dass sie auch nicht zur Hochzeit ihrer Schwester Sophie nach Hause kommen müsse: »Wenn Du jetzt beruhigt bist, daß Dein Aufenthalt in Meran keine nähere Störung zu befürchten hat, will ich Dir sagen, daß wir uns alle mit Deinen Briefen sehr freuen, es aber auch ohne Sorge hinnehmen werden, wenn Du zu faul wirst, um jeden Tag zu schreiben.« Anna ist überrascht. »Hast Du wirklich schon vor meiner Abreise gewußt, daß ich so lange ausbleiben soll?«, fragt sie am 16. Dezember und versichert: »Sehr oft will ich Dich ohnehin nicht mit Briefen stören.« Es sei ihr auch merkwürdig, nicht an Sophies Hochzeit teilzunehmen. Wieder lässt sie ihn wissen: »Mir kommt es auch vor, als ob ich Dich schon schrecklich lange nicht gesehen hätte.« Freud antwortet Anfang Januar: »Es ist schön, daß Du Dich in den notwendigen Verzicht so leicht gefunden hast.« Er will »vom Heimkommen noch nicht sprechen«. Auch vermutet er, dass es eine »uralte Eifersucht auf Sophie« sei, die Anna quäle. »Du verbirgst uns etwas, vielleicht auch etwas vor Dir selbst. … mache keine Geheimnisse und geniere Dich nicht… Ich grüße Dich herzlich und erwarte ein offenes Wort von Dir.« Anna antwortet postwendend: »Ich habe es mir auch schon sehr überlegt, was es denn sein kann, denn krank bin ich ja nicht. Es kommt irgendwie aus mir heraus, und dann bin ich sehr müde und muß mir über alle möglichen Sachen Sorgen machen.« Sie reflektiert ihr Verhältnis zu Sophie und fügt nach aller Offenlegung hinzu: »Ich hätte Dir nicht das alles geschrieben, weil ich Dich sehr ungern quäle, ich habe es nur getan, weil Du mir so geschrieben hast.« Sie endet mit der Bitte: »Schreib mir bald wieder, dann werde ich auch vernünftig, wenn Du mir ein bißchen hilfst.« Über drei Wochen kommt keine Antwort. Anna schreibt erneut: »Ich habe jetzt schon furchtbar lange nichts von Dir gehört«, und betont, daß es ihr jetzt »sehr gut geht«. Sie endet mit: »Hast Du immer Blumen auf Deinem Schreibtisch? Aber dazu brauchst Du mich ja gar nicht mehr, weil Dir andre Leute auch immer welche gebracht haben und viel schönere noch dazu.«

Ein depressiver Schatten liegt über den adoleszenten Jahren von Anna, die mit ihren Kümmernissen und mit ihrem Ringen um die Zuwendung des Vaters allein bleibt. Freud geht kaum ein auf das, was diese Briefe ihm sagen. War er ein schlechter Vater? Freud hat, wie diese und andere Korrespondenzen belegen, seiner großen Familie viel Zeit gewidmet. Es war ihm sehr wichtig, dass es allen gut ging. Aber sein Hauptinteresse war die Psychoanalyse. Er war in diesen Jahren dabei, eine neue Wissenschaft von den Gesetzmäßigkeiten psychischer Prozesse und eine Heilmethode gegen psychische Krankheiten zu entwickeln. Davon ist in der Korrespondenz mit Anna in den ersten 20 Jahren kaum etwas zu lesen. Er bespricht mit ihr rein familiäre Angelegenheiten. Derweilen aber, so können wir vermuten, ist Freuds Interesse bei seinem Werk und der internationalen Etablierung der Psychoanalyse. Es wäre billig, ihm das zugunsten einer besseren Vaterschaft anzukreiden. Es war einfach so: Er war da und doch nicht da, und Annas Briefe beschreiben, wie sie diesen Ort, wo Freuds Libido – wo Freud selbst – war, sucht und schließlich findet.

Bei dieser Suche hat der Vater es ihr nicht leicht gemacht. Er war ein konservativer Mann, der seine Töchter traditionell verheiratet sehen wollte und forderte, »daß Du Dich nicht mehr asketisch von den Zerstreuungen Deines Alters zurückziehst, sondern das gerne tun willst, was anderen Mädchen Vergnügen macht«. Anna, die Intellektuelle, passte nicht gut in dieses Frauenbild. Statt Schmuck wünscht sie sich etwas für ihren Schreibtisch. Sie möchte lesen, was der Vater schreibt, und sie schreibt selbst. Zögernd anerkennt Freud 1914: »Du bist etwas anders ausgefallen als Math und Soph, hast mehr geistige Interessen und wirst Dich wahrscheinlich mit einer rein weiblichen Tätigkeit nicht so bald zufrieden geben.«

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