Was war das für ein Frühling in Wien! Im Prater blühten die Bäume. In den Bäumen sangen die Vöglein. Und der junge Doktor der Medizin nahm sich ein Herz, überwand seine Schüchternheit und schrieb einen Brief an die Frau, die er gerade kennen gelernt hatte und die ihm nun schon wieder zu entschwinden drohte: »[…] zum letzten Male, daß wir uns sehen, möchte ich die Geliebte, die Verehrte, ›Du‹ heißen.« Das war am 15. Juni 1882. Zwei Tage später erfüllte sie seinen Wunsch. Mehr noch: Da verlobte sie sich heimlich mit ihm. Und wieder zwei Tage später war sie weg – verreist nach Hamburg, von wo sie das Unglück vor Jahren nach Wien verschlagen hatte. Nun hatte sie ihr neues Glück gefunden. Doch jetzt stand wieder eine Trennung an, weil die Mutter es so wollte. Deshalb konnten die Liebenden – Sigmund Freud und Martha Bernays – während der nächsten vier Jahre nur bei gelegentlichen Besuchen einander sprechen. Also schrieben sie sich Briefe. Minna Bernays (1865-1941) BILD

Welch Glück für die Herausgeber der schriftlichen Hinterlassenschaften Freuds! Sie können sich über dessen Mitteilsamkeit – und zudem über die große Familie freuen, die er sein Eigen nannte und die er durch die Heirat mit Martha – deren Bruder Eli gleich noch Freuds Schwester Anna ehelichte – mit der ebenfalls weit verzweigten Sippe Bernays verband. Schriftstücke von Mitgliedern und Nachkommen dieses Verbandes gelten bei hartnäckigen Freud-Verehrern heute schon deshalb als wichtige »Zeugnisse«, weil sie sich mit dem Namen des Begründers der Psychoanalyse schmücken lassen, auch wenn sie mit dessen Werk nicht das Geringste zu tun haben – wie die buchstäblich nichts sagenden Erinnerungen der mit Eli liierten Schwester Freuds oder die harmlosen Jugendbriefe seiner Tochter Mathilde.

Die Briefe, die Freud und Martha einander schrieben und die zwischen Freud und Minna, Schwester Marthas, getauschten Briefe, die Albrecht Hirschmüller soeben herausgegeben hat, sind demgegenüber von vergleichsweise großer Bedeutung. Dennoch hat Hirschmüller Recht, wenn er die Auffassung, Freuds Familienkorrespondenz sei grundsätzlich von »wissenschaftshistorischem Interesse«, in Zweifel zieht. Denn auch im »Zentrum« des Briefwechsels zwischen Freud und Minna stehen »nicht die Psychoanalyse und die psychoanalytische Bewegung, sondern die persönlichen Beziehungen«.

Diese Beziehungen haben es nun aber in sich! Da ist zum Beispiel das Schicksal Ignaz Schoenbergs, des Verlobten Minnas, der mit vierundzwanzig Jahren im Fach Indologie promoviert und zwei Jahre später an Tuberkulose stirbt, an einer Krankheit also, an der schon ein Bruder Minnas gestorben ist und an der auch sie selbst leidet, seit sie siebzehn ist. Wie Freud, so wehrt sich Schoenberg gegen die Schwiegermutter in spe, die nun ihre Töchter aus Wien entführen will. Vergebens. »Sie will nach Hamburg übersiedeln, einer exquisiten Laune zuliebe, gleichgültig, ob sie Dich und Schoenberg, mich und Martha dadurch auf lange Jahre trennt«, schreibt Freud im Februar 1883. Und er belehrt Minna über die psychologischen Bedingungen, die dieser »Rücksichtslosigkeit des energischen Alters« zugrunde liegen. Es handle sich dabei um eine »Äußerung des ewigen, in jeder Familie bestehenden Gegensatzes zwischen dem Alter und der Jugend«.

Schwer krank löst Schoenberg schließlich die Verlobung mit Minna, damit sie unbeschwert eine neue Beziehung eingehen kann. Als er Anfang 1886 stirbt, will sie doch noch einen Kranz auf sein Grab legen lassen. Dagegen erhebt Freud Einspruch, der Minnas Verlobten zeitweise ärztlich betreut hatte: »Wir haben nicht mehr ihn, sondern nur seine Familie vor uns, und wie wir die kennen, ist es am besten, alle Beziehungen abzubrechen. Sei nur darauf gefaßt, daß in einigen Wochen oder Monaten die ganze Familie sagt und glaubt, entweder Deine Neigung oder meine ärztliche Behandlung oder Mamas Verhältnis sei die Ursache seiner Krankheit gewesen.«

Das Verhalten der Schwiegermutter könnte Schoenberg gekränkt und so die Heilung verhindert haben – vermutet Freud auf projektivem Umweg über die Familie, mit der er nichts mehr zu tun haben will. Und dann gibt der künftige Seelenarzt Minna noch einen merkwürdigen Rat, Trauerarbeit zu leisten: »Deine Briefe verbrenne nur auch, solange es noch Winter ist, und mache Deinen Kopf frei davon.« Der Rat führt jedoch nicht zum erwünschten Erfolg. Minna bleibt Schoenberg treu – das heißt, sie bleibt zeitlebens unverheiratet.

Ein Jahrzehnt später, im Sommer 1896, zieht Minna dann bei ihrer Schwester und ihrem Schwager ein. Von jetzt an ist und bleibt sie Mitglied der Hausgemeinschaft Berggasse 19. Und nun gibt es – im strengen Sinn des Wortes verstanden – auch keinen Briefwechsel mehr. Denn aus der Zeit danach sind Briefe nur noch einseitig erhalten – also etwa die Briefe, die Freud schickt, wenn er nicht in Wien ist, oder Minnas Briefe aus dem Urlaub –, während die jeweiligen Gegenstücke fehlen.