Briefwechsel Der Mann, der das Schlafzimmer vergaß
Noch ein Briefwechsel: Sigmund Freud und seine Schwägerin
Was war das für ein Frühling in Wien! Im Prater blühten die Bäume. In den Bäumen sangen die Vöglein. Und der junge Doktor der Medizin nahm sich ein Herz, überwand seine Schüchternheit und schrieb einen Brief an die Frau, die er gerade kennen gelernt hatte und die ihm nun schon wieder zu entschwinden drohte: »[…] zum letzten Male, daß wir uns sehen, möchte ich die Geliebte, die Verehrte, ›Du‹ heißen.« Das war am 15. Juni 1882. Zwei Tage später erfüllte sie seinen Wunsch. Mehr noch: Da verlobte sie sich heimlich mit ihm. Und wieder zwei Tage später war sie weg – verreist nach Hamburg, von wo sie das Unglück vor Jahren nach Wien verschlagen hatte. Nun hatte sie ihr neues Glück gefunden. Doch jetzt stand wieder eine Trennung an, weil die Mutter es so wollte. Deshalb konnten die Liebenden – Sigmund Freud und Martha Bernays – während der nächsten vier Jahre nur bei gelegentlichen Besuchen einander sprechen. Also schrieben sie sich Briefe.
Welch Glück für die Herausgeber der schriftlichen Hinterlassenschaften Freuds! Sie können sich über dessen Mitteilsamkeit – und zudem über die große Familie freuen, die er sein Eigen nannte und die er durch die Heirat mit Martha – deren Bruder Eli gleich noch Freuds Schwester Anna ehelichte – mit der ebenfalls weit verzweigten Sippe Bernays verband. Schriftstücke von Mitgliedern und Nachkommen dieses Verbandes gelten bei hartnäckigen Freud-Verehrern heute schon deshalb als wichtige »Zeugnisse«, weil sie sich mit dem Namen des Begründers der Psychoanalyse schmücken lassen, auch wenn sie mit dessen Werk nicht das Geringste zu tun haben – wie die buchstäblich nichts sagenden Erinnerungen der mit Eli liierten Schwester Freuds oder die harmlosen Jugendbriefe seiner Tochter Mathilde.
Die Briefe, die Freud und Martha einander schrieben und die zwischen Freud und Minna, Schwester Marthas, getauschten Briefe, die Albrecht Hirschmüller soeben herausgegeben hat, sind demgegenüber von vergleichsweise großer Bedeutung. Dennoch hat Hirschmüller Recht, wenn er die Auffassung, Freuds Familienkorrespondenz sei grundsätzlich von »wissenschaftshistorischem Interesse«, in Zweifel zieht. Denn auch im »Zentrum« des Briefwechsels zwischen Freud und Minna stehen »nicht die Psychoanalyse und die psychoanalytische Bewegung, sondern die persönlichen Beziehungen«.
Diese Beziehungen haben es nun aber in sich! Da ist zum Beispiel das Schicksal Ignaz Schoenbergs, des Verlobten Minnas, der mit vierundzwanzig Jahren im Fach Indologie promoviert und zwei Jahre später an Tuberkulose stirbt, an einer Krankheit also, an der schon ein Bruder Minnas gestorben ist und an der auch sie selbst leidet, seit sie siebzehn ist. Wie Freud, so wehrt sich Schoenberg gegen die Schwiegermutter in spe, die nun ihre Töchter aus Wien entführen will. Vergebens. »Sie will nach Hamburg übersiedeln, einer exquisiten Laune zuliebe, gleichgültig, ob sie Dich und Schoenberg, mich und Martha dadurch auf lange Jahre trennt«, schreibt Freud im Februar 1883. Und er belehrt Minna über die psychologischen Bedingungen, die dieser »Rücksichtslosigkeit des energischen Alters« zugrunde liegen. Es handle sich dabei um eine »Äußerung des ewigen, in jeder Familie bestehenden Gegensatzes zwischen dem Alter und der Jugend«.
Schwer krank löst Schoenberg schließlich die Verlobung mit Minna, damit sie unbeschwert eine neue Beziehung eingehen kann. Als er Anfang 1886 stirbt, will sie doch noch einen Kranz auf sein Grab legen lassen. Dagegen erhebt Freud Einspruch, der Minnas Verlobten zeitweise ärztlich betreut hatte: »Wir haben nicht mehr ihn, sondern nur seine Familie vor uns, und wie wir die kennen, ist es am besten, alle Beziehungen abzubrechen. Sei nur darauf gefaßt, daß in einigen Wochen oder Monaten die ganze Familie sagt und glaubt, entweder Deine Neigung oder meine ärztliche Behandlung oder Mamas Verhältnis sei die Ursache seiner Krankheit gewesen.«
Das Verhalten der Schwiegermutter könnte Schoenberg gekränkt und so die Heilung verhindert haben – vermutet Freud auf projektivem Umweg über die Familie, mit der er nichts mehr zu tun haben will. Und dann gibt der künftige Seelenarzt Minna noch einen merkwürdigen Rat, Trauerarbeit zu leisten: »Deine Briefe verbrenne nur auch, solange es noch Winter ist, und mache Deinen Kopf frei davon.« Der Rat führt jedoch nicht zum erwünschten Erfolg. Minna bleibt Schoenberg treu – das heißt, sie bleibt zeitlebens unverheiratet.
Ein Jahrzehnt später, im Sommer 1896, zieht Minna dann bei ihrer Schwester und ihrem Schwager ein. Von jetzt an ist und bleibt sie Mitglied der Hausgemeinschaft Berggasse 19. Und nun gibt es – im strengen Sinn des Wortes verstanden – auch keinen Briefwechsel mehr. Denn aus der Zeit danach sind Briefe nur noch einseitig erhalten – also etwa die Briefe, die Freud schickt, wenn er nicht in Wien ist, oder Minnas Briefe aus dem Urlaub –, während die jeweiligen Gegenstücke fehlen.
Und Hirschmüllers Feststellung, Minna sei nach ihrem Einzug »zur intellektuellen Partnerin des Schwagers« und »neben Fließ Freuds wichtigste Vertraute in der Zeit seiner ›splendid isolation‹« geworden, lässt sich anhand des Briefwechsels auch nicht belegen. Es ist irreführend, wenn damit auf der Umschlagseite zum Kauf des Buches angeregt wird, zumal aus dem von Hirschmüller genauer bezeichneten Zeitraum (1888 bis 1896) entweder keine oder nur solche Briefe vorliegen, die belanglose private Mitteilungen enthalten. Das passt zu der Erinnerung Freuds, der in der Selbstdarstellung von 1925 geschrieben hat: »Im Zeitraum von 1886–1891 habe ich wenig wissenschaftlich gearbeitet und kaum etwas publiziert. Ich war davon in Anspruch genommen, mich in den neuen Beruf zu finden und meine materielle Existenz sowie die meiner rasch wachsenden Familie zu sichern.«
In der Berggasse musste Minna das Schlafzimmer der Eheleute passieren, wenn sie ihr eigenes Schlafgemach erreichen wollte. Das war offenbar nicht weiter störend, denn die Ehe hatte sich nach der Geburt der Tochter Anna, des letzten von sechs Kindern, »amortisiert«, wie Freud später einmal gegenüber Emma Jung bemerkte. Deren Ehemann Carl Gustav war Experte in Sachen Ehe zu dritt, und das mag ein Anlass gewesen sein, Freud die Verhältnisse zu unterstellen, in denen Jung selbst jahrelang mit seiner Frau und seiner Geliebten Toni Wolf lebte. Er verbreitete jedenfalls als Erster das Gerücht, Freud habe ein heimliches Verhältnis mit seiner Schwägerin unterhalten. Wer diesem Gerücht folgend nun zum Briefband greift, wird allerdings enttäuscht: Es findet sich nicht die Spur eines Hinweises, durch den sich Jungs Behauptung belegen ließe.
Zahlreich finden sich hingegen Stellen, die Freuds Prüderie belegen. So schreibt der Mann, der zum Analytiker des Begehrens werden sollte, aus der Stadt, in die er sich 1885 begeben hat, um dem Geheimnis der weiblichen Hysterie näher zu kommen, und die ihm nun wie eine »riesige, geputzte Sphynx« erscheint, in Paris gebe es viele »Frauen und Männer«, die »weder Scham noch Grauen« besäßen und sich deshalb ganz ungeniert »um alle Nuditäten« drängten. Freuds »Herz« bleibt aber tapfer »deutsch-kleinstädtisch«. Und so kann er standhaft bleiben: »Ich glaube, es gibt nicht viel anständige Leute hier. Ich bin jedenfalls einer der wenigen und fühle mich darum sehr vereinsamt.«
Diese Selbstcharakterisierung behält ihre Gültigkeit. Als Freud in Wien die Hochzeit vorbereitet, teilt er seiner Braut in Hamburg die Raumaufteilung einer künftigen gemeinsamen Behausung mit, worauf Martha antwortet: »Die Wohnungsbeschreibung von Dir heute, mein Schatz, macht mir gar keine Lust, ein Mann, der vier Jahre verlobt ist und bei der Aufzählung der Räume das Schlafzimmer vergißt […]?! Du zählst auf: Ordinationszimmer, Wartezimmer und Wohnzimmer, Badezimmer, Küche, Dienstbotenzimmer und Vorraum. Da ich nun niemals gewöhnt war, in der Badewanne zu schlafen, so bleibt mir nur übrig, mir in Deiner Nähe ein freundliches Cabinet zu nehmen, aber einsam wird es doch immerhin für mich sein, und für Dich?«
Das Hochzeitsgeschenk, die goldene Uhr, ins Pfandhaus getragen
Es türmen sich aber auch noch andere Hindernisse auf, die den Weg zum Standesamt in Wandsbek erschweren, in dem am 13. September 1886 die bürgerliche Trauung stattfindet, während die Ehe nach jüdischem Ritus einen Tag später in der Hamburger Synagoge, an der Marthas Großvater Isaak Bernays einst Oberrabbiner war, geschlossen wird. Im August wird Freud als Feldarzt zu einer Militärübung eingezogen. Bald hat er die Nase voll davon. An Minna schreibt er, durch »das beständige Aufstehenmüssen um 4 Uhr und die Märsche bis 12 oder 2 Uhr in der glühenden Hitze dieser Tage« habe er »einen Riesenschnupfen erworben«, und damit müsse er »nun nach 50monatlicher Verlobung in die Ehe treten«. Minna soll ihm »bald 60 Mark« ins Manöver schicken, damit er die Reise zur Hochzeit überhaupt antreten kann.
Diese Geldnot hält auch nach der Hochzeit an. Er hat die goldene Uhr, das Hochzeitsgeschenk, das er von Minnas und Marthas Bruder Eli bekommen hat, schon ins Pfandhaus gebracht, da schreibt Freud an Minna: »Du bist die einzige Kapitalistin weit und breit in der Familie, streck uns Dein Geld […] jetzt vor, wir decken Dir den Zinsentgang.« Über Eli hatte sich Freud vor der Hochzeit bitterböse beklagt, da er argwöhnte, er könne Marthas Erbteil veruntreut haben – um damit den Unterhalt eines außerehelich gezeugten Kindes zu finanzieren: »Kannst Du Dir vorstellen, woher Eli […] die Gelder für seine Jugendliebe bestreitet? Weißt Du, ob es Dein oder Marthas Vermögen war […]? Ich habe Dir jetzt den Überblick über die Wirtschaft, in der Eli steckt, gegeben und möchte Dich bitten, nachzudenken, wie es anders kommen kann, wenn ein unreifer, dummer, maßlos eingebildeter und feiger Junge, anstatt täglich die Rute zu bekommen, für einen großen Mann ausgeschrieen wird und eine Familie tyrannisieren darf.«
»Alles ist in gewissem Sinne unwirklich«
Freuds Argwohn war berechtigt. Schwager Eli war kein solider Geschäftsmann. 1891 ging er in Konkurs, ließ Frau und Kinder in Wien zurück und setzte sich in die USA ab, wohin er seine Familie später nachholte. Auf diese Weise hatte sich an ihm das Schicksal wiederholt, das 1868 seinen Vater Berman Bernays in Hamburg wegen betrügerischen Bankrotts in die Haftanstalt gebracht hatte. Nach der Entlassung war er nach Wien gegangen, und so wurde sein Unglück zum Glück seiner Tochter Martha, die hier als 21-Jährige Sigmund Freud kennen lernte.
In Wien wurde ihr Vater Privatsekretär des Nationalökonomen Lorenz von Stein, der später auch in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Dieses neuerliche Desaster ging Berman Bernays so nahe, dass er »auf der Straße einem Herzschlag« erlag – heißt es in der Einleitung des Briefbandes, in dessen Anhang Hirschmüller ausführt: »Das Wiener Totenbeschauprotokoll vermerkt als Todesursache ›Herzlähmung‹. Ob das der Wahrheit entspricht oder ob sich dahinter vielleicht ein vertuschter Selbstmord verbirgt, ist nicht zu klären.« Das wäre dann aber ein raffiniert getarnter Selbstmord, wenn einer auf der Straße tot umfällt.
Das ist einer der wenigen Fehler, die dem insgesamt sehr gründlich arbeitenden Herausgeber unterlaufen, dessen Fußnotenpolitik allerdings einen in der Geschichte der Psychoanalyse kundigen Leser voraussetzt, dem man nicht erläutern muss, warum genau der von Freud im Oktober 1886 vor der Gesellschaft der Ärzte in Wien gehaltene Vortrag Über männliche Hysterie auf »viel formale Anerkennung und inhaltliche Opposition« stieß. Entweder man weiß es – oder man begibt sich in eine Bibliothek, um die von Hirschmüller genannte Quelle zu studieren.
Die letzten im Band abgedruckten Briefe stammen von Freud. Er schreibt sie an Minna, die als deutsche Staatsbürgerin am 5. Mai 1938, also einen Tag vor Freuds 82. Geburtstag, das von den Nationalsozialisten besetzte Wien verlassen kann, während der Rest der Familie noch bis Juni auf die Ausreisegenehmigung warten muss. »Alles ist in gewissem Sinn unwirklich, wir sind nicht mehr hier und noch nicht dort«, schreibt Freud nach London. Und als er selbst dort eintrifft, schreibt er an Max Eitingon, der aus Berlin nach Palästina emigriert ist, wehmütig auf Wien zurückblickend, »man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt«.
- Datum 04.05.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 04.05.2006 Nr.19
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