Inzwischen bestreitet niemand mehr, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Aber sind die Eingewanderten auch in der kollektiven Wahrnehmung und Fantasie der Deutschen angekommen? Wie präsent sind die bei uns lebenden Ausländer im deutschen Film und in der Literatur?

Im Personenverzeichnis der neueren deutschen Fernsehserien und Filme ist die Figur des Ausländers prominent vertreten. Serien wie Café Deutsch, Türkisch für Anfänger und andere wetteifern miteinander um die jeweils aktuellste, politisch korrekte Geschichte über Jugendarbeitslosigkeit, Jugendgewalt und Frauenunterdrückung in den Ausländervierteln. Auch Geschichten über die Liebe zwischen einem Deutschen und seiner zur Zwangsheirat bestimmten muslimischen Geliebten fehlen nicht. Unter den deutschen Filmen der vergangenen Monate waren Geschichten über die Schwierigkeiten der Integration geradezu dominant - mit manchmal brillanten Ergebnissen wie Kebab Connection von Anno Saul oder Detlef Bucks Knallhart.

Aber auch schon früher, als die Zeitungen und Politiker um das Thema eher einen Bogen machten, gab es Pioniere wie Rainer Werner Fassbinder (Angst essen Seele auf) und Hark Bohm (Yasemin), die dem blutleeren Konstrukt namens ausländischer Mitbürger ein Gesicht und eine Stimme gaben.

Wie aber steht es mit der erzählenden Literatur? Es ist merkwürdig: Die deutschen Schriftsteller haben in aller Regel engagiert und oft als Erste auf die rassistischen Anschläge der Neonazis reagiert - sie haben in Aufrufen, Kampagnen, Bürgerinitiativen Stellung bezogen und tun es noch. Aber in ihren Werken sind die Menschen, für deren Bürgerrechte sich die Autoren jederzeit einsetzen, nicht eben häufig anzutreffen. Es ist, als hätten die Eingewanderten, deren Kinder mit unseren zur Schule gehen, in deren Restaurants wir unsere Abende verbringen, denen wir als Hausnachbarn oder bei der Elternversammlung begegnen, in der literarischen Fiktion noch keinen Platz gefunden - als Mitspieler, Nebenfiguren, gar als Protagonisten tauchen sie höchst selten auf.

Inzwischen sagen uns die Statistiker, dass in den großen Städten etwa jede zehnte Ehe eine bi-nationale ist - man kann kaum leugnen, dass die Figur des Ausländers längst in der deutschen Intimsphäre angelangt ist. Unvermeidlich kommt es in solchen Beziehungen zu komischen oder dramatischen Konflikten beim Sex, bei der Kindererziehung, beim Umgang mit der jeweiligen Verwandtschaft - Stoffe, von denen die amerikanische, lateinamerikanische und englische Literatur von jeher lebt.

Aber in welchem zeitgenössischen deutschen Erzählwerk wird dieser kulturelle Zusammenstoß, ob er nun tragisch oder glücklich oder in durchschnittlicher Übermüdung endet, inszeniert? Wo ist der Roman, in dem der beste Freund (oder Geliebte oder Ehemann) der Protagonistin ein Italiener, Türke, Jugoslawe oder Pole ist? Tatsächlich fallen mir nur zwei Autoren ein, die sich auf das Projekt eingelassen haben, Einwanderer zu Hauptdarstellern ihrer Geschichten zu machen: Barbara Frischmuth mit ihrem Roman Die Schrift des Freundes (1998), der die verstörende Liebe der jungen Wiener Computerspezialistin Anna Margotti zu dem Alaviten Hikmet inszeniert. Und Sten Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede (1990), der die unwahrscheinliche Freundschaft des verschüchterten jungen Deutschen Alexander mit dem türkischen Ringer Selim beschreibt.

Wohlgemerkt, ich rede hier von der einheimischen deutschen Literatur. Denn inzwischen gibt es eine höchst lebendige, von Migranten geschriebene Literatur, die sich mit Witz und Verve den genannten interkulturellen Konflikten widmet und inzwischen durchaus wahrgenommen wird. Merkwürdig bleibt, dass es auf die Herausforderung der schreibenden Migranten in den Werken ihrer einheimischen Kollegen bisher kaum Antworten gibt. Es herrscht eine unerklärte Arbeitsteilung vor: Die Migranten-Schriftsteller sind für das Ausländerthema zuständig - so wie früher die DDR-Autoren für die deutsche Teilung zuständig waren. Die Schriftsteller deutscher Herkunft schreiben über ein Deutschland, in dem Nichtdeutsche so gut wie gar nicht vorkommen.