Bevor sich die Jahre 2005 und 2006 profillos einreihen in die Epoche der verpassten Gelegenheiten und geplatzten Hoffnungen, möchte ich daran erinnern, dass wir soeben die Rechtschreibreform überstanden haben. Die hat uns leider so merkwürdige Vokabeln wie »WM«, »Fifa« und »Abseits« nicht erspart, mit denen Fußballfans klar kommen mögen, die jedoch so tief in unseren Sprachschatz eingesickert sind wie »Muttertag«, wie »Kehrwoche«, wie »arbeitslos« – und Irritationen auslösen.

Habe ich dafür gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik demonstriert, wegen der Notstandsgesetze gestreikt und Kochen gelernt? Alles für ein mit Luft gefülltes Lederimitat als Deutschlands Heiligem Gral, der von unserem Willen zum Sieg kündet?

Um der drohenden Suada von der deutschen Identität vorzugreifen, möchte ich zunächst erklären, dass ich Fußball nicht immer so furchtbar fand.

Ich bin im Bannkreis von Schalke 04 aufgewachsen, und zwar in genau jenem Alter, in dem sich heute ostfriesische Grundschüler Schals mit dem Aufdruck »Bayern München« um den Kinderhals binden. Ich identifizierte sogar Namen wie Czepan und Kuzorra mit der Bolzerei in Schalke – kein Mensch sagte damals auf Schalke. Das ist eine Erfindung unserer Medientätowierer –, aber was »Abseits« bedeutet, ist mir fremd geblieben bis heute. Dennoch gab es im Ruhrgebiet damals keine Chance, dem Fußballterror zu entgehen. Auch ich habe oft genug frierend auf dem Platz gestanden und die Angst des Tormanns gespürt. (Wie Nabokov, Beckett und andere Vorbilder stand ich immer nur als Torwart zur Verfügung.)

Aber hat der Fußball auch eine gastronomische Bedeutung? Im Fifa-Gebäude oberhalb Zürichs habe ich bereits schlecht gegessen und werde darüber demnächst an dieser Stelle berichten. Jetzt ist es an der Zeit, im Umkreis der Millionen Euro teuren Stadien die WM auf ihre kulinarischen Auswirkungen zu testen. Darum gab ich »München« und »Stadion« in meine Suchmaschine ein. Und wunderte mich. Wieso nennen die Münchner ihr neues Stadion nicht Olli-Kahn-Stadion? Oder Breitner-Arena? Haben sie Angst, sie müssten es eines Tages umtaufen wie die Grazer, denen ihr Schwarzenegger-Stadion peinlich wurde, weil der steirische Bodybuilder in Kalifornien Sträflinge hinrichten lässt?

Äußerlich hat das Münchner WM-Stadion bestenfalls eine Ähnlichkeit mit einem weggeworfenen Winterreifen ohne Felge. Parkt man dann abseits dieser Kultstätte, liegt die Frage nahe, ob die Riesenschüssel in 3000 Jahren einmal wie die ägyptischen Pyramiden von staunenden Touristen besucht werden wird. Wozu – wird auch dann gefragt werden – haben die damaligen Eingeborenen dieses Ding in die Wüste gesetzt? Auch wovon sich die Stadionbauer ernährt haben, werden künftige Archäologen wissen wollen. Doch so tief sie auch graben, kein Knöchelchen vom Huhn wird zum Vorschein kommen. Denn die Fifa, angeführt von Blatter I., hat den Verkauf von Geflügelfleisch in den WM-Stadien verboten. Wegen der Vogelgrippe natürlich und auch, weil dadurch ein amerikanischer Sponsor seine Produkte ohne Konkurrenz verkaufen kann. Also McDonald’s, Coca-Cola und Budweiser. Alles andere darf im Umfeld der Stadien nicht auftauchen. Das bedeutet auch, dass künftige Archäologen keine bayerische Bierdose im Schutt unter dem ehemaligen Stadion finden werden. Nur Budweiser-Dosen. Wenn das der Franz Josef Strauß noch erlebt hätte!

Nun soll es Besucher der WM-Spiele geben, die in München keine Hamburger essen wollen, sondern Leberkäse oder gar ein Ereignis der feinschmeckenden Art erleben möchten. Letzteres findet jedermann im Tantris, jenem Restaurant in München-Schwabing, das als Urzelle der deutschen Topgastronomie gelten darf. Dort begann 1973 jene Entwicklung, die uns auf den zweiten Platz in der Liga der Gourmet- Adressen brachte. Das Tantris gehört immer noch dazu und muss den Feinschmeckern unter den Gästen der WM nicht extra empfohlen werden.