Kino Kuschelthriller
In »Mission Impossible III« rettet Tom Cruise mal wieder die Welt – vor allem aber die Mutter seiner Kinder
Thriller sind eine Art Geheimlehre. Thriller haben etwas Esoterisches. In Thrillern geht es darum, dass der Glaube den Zweifel besiegt; dass es einen bei der Achterbahnfahrt, die hier Handlung heißt, auch in den absurdesten Wendungen nicht abwirft; dass die Vernunft sich durchlöchern lässt wie ein Schurke im Gegenlicht. Thriller heißt Erleben statt Erkennen.
»Werde ich denn jemals verstehen, um was es hier geht?«, flüstert die schöne Julia ihrem Verlobten Ethan Hunt zu.
»Nein«, sagt der und macht mächtige Malmbewegungen mit dem Kiefer. »Nein, nein, nein.«
»Sag mir, sag mir, dass es wahr ist«, haucht sie.
»Folge mir«, sagt Tom Cruise, der Ethan Hunt spielt – und es geht ihm diesmal nicht darum, seine real existierende Verlobte Katie Holmes von den Katholiken zu den Scientologen zu locken. Obwohl man auch durcheinander kommen kann in diesen Zeiten, in denen ein Film schon mal wie ein Kommentar wirkt auf eine Wirklichkeit, die ungefähr so real oder surreal erscheint wie eine durchgedrehte Hollywood-Produktion.
Von Cruise und seiner Lebensgefährtin war jedenfalls in letzter Zeit vor allem zu lesen, dass sich Holmes während der Geburt leise zu verhalten hatte und nicht schreien durfte, so wollen es die Scientologen; und nach der Geburt durften Tom und Katie ihre kleine Suri sieben Tage lang nicht sehen, die Tochter sollte die Schrecken der Geburt nicht mit den Gesichtern der Eltern verbinden.
Pünktlich zum Baby kommt nun jedenfalls der Film in die Kinos, Mission Impossible III, der erste Thriller mit Kuschelfaktor. Früher ging es in solchen Filmen mal um Atombomben, Goldreserven oder ähnlich Weltbewegendes; heute geht es um Frauen und Familie. Das ist in den Nullerjahren der Abgrund der westlichen Zivilisation. Tom Cruise ist die Antwort Amerikas auf Frank Schirrmacher.
Es ist deswegen auch ganz logisch, dass der Film in Berlin losbricht, der Welthauptstadt der Bevölkerungskrise. Hier hechtet der Spezialagent Cruise über Schrottplätze und hüpft durch Pfützen, es ist eine abbruchreife Gesellschaft, dieses Deutschland 2006, wo nur die Windräder wachsen und dazwischen ein paar Schafe grasen.
Die Windräder macht Cruise mit seinem Team bei einer Hubschrauberjagd recht unökologisch klein; und die Frau, die er retten soll, sagt noch kurz »Danke«, bevor sie stirbt.
Dazwischen redet Cruise mit seinem Kollegen über das Heiraten. »Julia«, sagt er, während er sich daranmacht, ein paar Gangster zu erledigen, »steht für das Leben, wie es früher mal war. Und das ist gut so.« Das ist das Cruise-Credo: Im Fernsehstudio springt Tom Cruise schon mal auf ein Sofa, wenn er sagt, dass er seine Frau liebt; im Kino springt er nun auch von Häusern, um die Frau zu retten, die er liebt.
Er tut das erst in Berlin, dann im Vatikan, dann in Shanghai. Es ist eine Art Weltreise zwischen Zweifel, Glauben und Zukunft, eine Schreckensskizze, wie das in Thrillern ja beliebt ist, ein Porträt der Gegenwart anhand ihrer schlimmstmöglichen Wendungen. Da ist der Schwarzmarkthändler, der mit Nordkorea und ein paar Dschihadisten dealt (Philip Seymour Hofmann gibt in dieser Rolle sein Bestes, aber so richtig Angst verbreitet er nicht mit seiner kindlich sanften Grausamkeit). Da ist die morbide Eleganz, mit der der Regisseur J. J. Abrams dieser dunklen Welt heimleuchtet. Und da ist der Satz des Amerikaners, den alle Europäer auf den Irak-Krieg beziehen werden: »Und am Ende wird unser Land tun, was es am besten kann: aufräumen!«
Zeit ist bei alldem immer die Währung, in der bezahlt wird: Die Sekunden und Minuten vor der Explosion werden mit der Zukunft der Spezies gegengerechnet. Und Tom Cruise ist eben der Mann, der zwischen all den Ups und Downs und schwindelerregenden Spezialeffekten dafür sorgen wird, dass alles wieder gut wird. Tom Cruise ist genau die Portion hübsche Langeweile, die so ein Thriller braucht.
Dieser Tom Cruise, der in seinen Filmen immer zu ernst und angestrengt war, um richtig sexy zu sein; der immer zu gut sein wollte, um wirklich gut zu sein. Der Pilotenjackenträger aus Top Gun, der nervtötende Anwalt aus Eine Frage der Ehre, der Selbstverkäufer aus Jerry Maguire – all diese Bilder einer leeren Hochglanzmännlichkeit scheinen in Ethan Hunt auf. Ganz im Gegensatz zu der spröden Gebrochenheit, die Cruise in Magnolia hatte oder in Eyes Wide Shut. Denn die Schwäche dieses Schauspielers kann ja gleichzeitig seine Stärke sein: der ganz normale Wahnsinn einer Filmexistenz.
Im dritten Teil der Mission Impossible -Staffel ist er immer dann am effektivsten, wenn er rennen darf. Dann zieht er den Mund nach unten, dann heftet er seinen Blick in die Unendlichkeit, dann tritt diese Ader an der Stirn hervor, wie sie es auch tut, wenn er lacht. Das wirkt aber meistens um so vieles anstrengender als die ganze Hochhaushüpferei.
Und so flattert er wohl tatsächlich lieber grimmig und wie eine Fledermaus durch das nächtliche Shanghai, bis er kopfüber über einer Straße baumelt, dieser hilflose, grundgute Held, dieser sympathische Scientologe, dieser Weltenretter, Sofahüpfer, Modellvater. Das Leben ist ein Kampf, das ist die Devise, es gibt nur uns und die. Am Ende schließlich, als er die Mutter seiner Kinder aus den Fängen des Bösen befreit hat, als er tot war und wieder zum Leben erwacht, da ist das Erste, was er sich greift, seine Waffe. Das Zweite erst ist seine Frau. So ist er, der protektive Übervater.
Wie gesagt, es ist eine Geheimlehre. Man muss nicht alles verstehen. Es hilft schon, wenn man es glaubt.
- Datum 04.05.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.05.2006
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Ich kann mich nicht erinnern, wann mich eine Filmkritik zuletzt nachdenklich gemacht hat. Es ist gut, mal wieder die Scientology-Kiste aufzumachen und ein paar Details am Rande zu erzählen. Mir kommt es so vor, als wäre diese Sekte wie ein Wehwehchen, mit dem man sich längst arrangiert hat. Man kennt sie, man hat was von den Anhängern gehört, sie sind alle ganz schön durch, ja, es gab da auch den Cruise, aber gut, weiter im Programm. Leider. Vielleicht sollten wir einen Anti-Scientology-Erinnerungsspruch benutzen. So einen, wie die Harley-Davidson-Fahrer, die auf ihre Maschinen "Remember Pearl Harbour"-Sticker kleben. "Erinnert euch!", heißt es. "Kauft keine japanischen Motorräder." Mein Vorschlag daher: Remember Tom Cruise!
Wenn man eine Filmkritik verfasst, dann sollte meiner Meinung nach der Großteil des Artikel werk-immanent sein, also nicht die privaten Angelegenheiten des Darstellers ständig auf alles zu übertragen. Ich bin kein Freund des Menschen Tom Cruise, aber diese Filmkritik ist einfach nur völlig am Thema vorbei.
P.S.: Ein sehr unterhaltsamer Action-Thriller ... wesentlich besser als Teil 2 ....
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