Pharma und Chemie Erst das Wasser, dann die Säure

…sonst geschieht das Ungeheure. Der Chemiebaukasten erlebt eine Renaissance. Ein Besuch beim Kosmos-Verlag in Stuttgart, der seit 1922 Labore für Kinder entwickelt

Nun hat der Schwabe bekanntlich die Kehrwoche erfunden, aber nicht in Annette Bücheles Stuttgarter Büro. Ihr Arbeitsplatz ist eingerahmt von deckenhohen Wandregalen, bis oben hin voll gestopft mit Experimentierkästen und Pappkartons voll loser Einzelteile. Auf dem Tisch in der Mitte liegt der Korpus einer halbierten Spielfigur friedlich neben den abgetrennten Beinen; von der Decke baumelt ein phosphorgrünes Leuchtskelett an einem Galgenstrick. »Ich mach das schon!«, ruft sie, als der Chef einen Kasten aus dem Regal ziehen will, und hält die rutschenden Teile auf, bevor sie eine Kettenreaktion auslösen können. Menschen, die in so einer Atmosphäre arbeiten, sagen dazu »kreatives Chaos«. Mütter finden dafür meist nur ein Wort: Rumpelkammer.

Aber um Eltern geht es hier nicht bei Kosmos in der Pfizerstraße, im Herzen Stuttgarts. Eltern sind Bedenkenträger, die ständig Angst haben: um ihre Kinder, um ihre Einrichtung, vor Flecken in den Kleidern und allem, was Spaß macht, wenn man zehn Jahre alt ist. Und obwohl sie eine unumgängliche Instanz sind, bevor man als Kind einen Chemiebaukasten in den Händen halten darf, hat man hier in der Entwicklungsabteilung für Experimentierkästen vor allem die Kinder und ihren Spiel- und Forscherdrang im Blick.

Seit 1922 werden in dem Stuttgarter Verlag die handlichen Chemielabore hergestellt, mit dem schon ganze Generationen deutscher Kinder Versuchsanordnungen selbst nachgestellt und dabei zumindest die Grundlagen der Wissenschaft verstanden haben (und es nebenbei im Kinderzimmer auch ordentlich krachen oder übel riechen lassen konnten). Achim Gralke, der Leiter der Abteilung Experimentierkästen, hat die Schätze aus dem Archiv geholt, die Kästen aus den Jahren, als bei Kosmos noch gereimt werden durfte: »Alles, was im Hause ist, untersucht der All-Chemist« steht auf der Schachtel von 1956. »170 gefahrlose Experimente« verspricht der Text weiter, was optimistisch anmutet angesichts der dickbauchigen Flasche mit der Aufschrift »Salzsäure«, die im Inneren ruht. Gleich neben ihrer nicht minder ätzenden Schwester, der Natronlauge. Im Laufe der Zeit haben Gefahrstoffrecht, Chemikalienverbotsordnung und Spielzeugnorm die Zutaten der Chemiekästen allerdings deutlich verändert. Einige besonders schädliche Stoffe sind ganz verschwunden, andere dürfen nur noch in geringen Mengen beigelegt werden. Die Chemikalienfläschchen haben einen neuen Sicherheitsverschluss bekommen, der vor allem die kleinen Geschwister der Jungforscher vor einem herzhaften Schluck aus der Ampulle bewahren soll. Bei der Frage, ob sie die geschrumpfte Ingredienzen-Auswahl bedauere, zögert Annette Büchele ein bisschen. »Na ja«, sagt sie schließlich, »als Mutter bin ich eher froh darüber.« Es sei allerdings schade, dass sich dadurch manche Tricks, mit denen sich Chemiestudenten ihre Freizeit vertreiben, nicht mehr nachbilden lassen. Aber Not macht erfinderisch. Die Autoren, die für die didaktische Aufbereitung der Minilabore zuständig sind, versuchen eben, auf anderen Lösungswegen zum gewünschten Prozess zu kommen, damit im Kasten keine Langeweile aufkommt. »Vor allem werden auch die Kinder dazu angeregt, zu überlegen, was noch alles möglich ist«, sagt Achim Gralke. Und möglich ist einiges, zumal Kosmos empfiehlt, gewisse Substanzen eben von den Eltern aus der Apotheke besorgen zu lassen.

Achtjährige dürfen den Farbüberzug von Smarties untersuchen

Auch an den Begleitheften lassen sich die Veränderungen der Jahrzehnte ablesen. Wo 1956 noch ohne Umschweife mit dem Kapitel Vom Verbrennen in die gnadenlose Theorie geleitet wurde, versucht man heute verstärkt, Praxisbezüge zum Lebensumfeld der jungen Chemiker zu schaffen. Auch den Eltern macht man das neue Hobby der Sprösslinge schon im Handbuch schmackhaft: Mit einem Anhang aus Pisa-Fragen, anhand deren sie das Gelernte abfragen können, und mit Formulierungen wie: »Mit dem Chemielabor macht Ihr Kind erste Schritte in ein Wissensgebiet, das in der Welt von heute eine entscheidende Rolle spielt.« Der zu erwartende Bildungszuwachs stimmt versöhnlich und lässt die Eltern Sätze wie »Treffen Sie bitte Vorkehrungen zur Vermeidung von Bränden« ein wenig leichter verdauen.

Noch vor 15 Jahren war das Geschäft mit den Experimentierkästen so gut wie tot, der Computer übernahm die Herrschaft in den Kinderzimmern, die fortan zwar weniger nach Schwefel stanken, aber zunehmend nur noch virtuelle Abenteuer beherbergten. Mittlerweile ist das Interesse an den Naturwissenschaften wieder erstarkt. Eltern wollen zunehmend ihren Kindern die Möglichkeit bieten, Wissensgebiete, die im Schulunterricht nur gestreift werden, zu Hause zu vertiefen. Der Chemiebaukasten erlebt also eine Renaissance, und auch das Einstiegsalter ist rapide gesunken. Das Problem sei, sagt Achim Gralke, dass man Achtjährige im Wasser planschen lasse, ohne sie zu fordern, während man sich die große Chemie für pubertierende Jugendliche aufspare. Dabei sei der Forscherdrang von Kindern nie so groß wie in den frühen Lebensjahren. »Vielleicht sollte man lieber die Achtjährigen an die Versuche ranlassen und dafür die 15-Jährigen ab und zu ungestört im Wasser planschen lassen.« Mittlerweile gibt es tatsächlich den ersten Chemiebaukasten für Kinder ab acht – zwar noch ohne Chemikalien, dafür aber schon mit einer ordentlichen Ausstattung von Reagenzgläsern, Pipetten, Petrischalen und pH-Wert-Teststäbchen, mit der der Nachwuchs zumindest schon mal den Farbüberzug von Smarties untersuchen kann.

Alle pädagogischen Überlegungen nützen allerdings gar nichts, wenn die Zielgruppe sich langweilt. Die Kosmos-Mitarbeiter lassen deshalb auch schon mal die eigenen Kinder ran. Annette Bücheles elfjährige Tochter Saskia testet zusammen mit ihren Freunden regelmäßig die neuen Produkte ihrer Mutter und experimentiert ab und zu auch im verlagseigenen Versuchslabor. »Also, ›Labor‹ ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt«, murmelt Achim Gralke. Zwar führt eine eng gewundene Eisentreppe stilecht in die Katakomben des Verlages, der Experimentierraum erweist sich aber dann doch nicht als brodelndes Geheimlaboratorium. Vielmehr als eine schwäbische Werkstatt mit einem freundlich nickenden Herrn an einer Drehbank.

Im Verlag zitiert man gern Michael Faraday: »Der einfachste Versuch, den man selbst gemacht hat, ist besser als der schönste, den man nur sieht.« Auf dem Weg nach oben sagt Achim Gralke dann auch, dass Experimentierkästen eine gute Gelegenheit seien, Kindern und Jugendlichen haptische Erlebnisse zu verschaffen und ihnen wieder ein bisschen mehr Verantwortung in die eigenen Hände zu legen. Trotzdem gehören zum erfolgreichen Experimentieren mit dem Chemiebaukasten auch immer die Eltern, die im Vorfeld entscheiden sollten, welche Versuche für ihren Nachwuchs geeignet sind. Und zwar anhand der Entwicklungsstufe ihrer Kinder und nicht gemessen an der eigenen Furcht vor Brandflecken im Tisch. Im Idealfall stehen sie mit Rat und Tat zur Seite, bleiben dabei aber dezent im Hintergrund, denn – so steht es bereits im Handbuch: »Augenschutz für überwachende Erwachsene ist nicht eingeschlossen.«

 
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